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Kann die Schifffahrtsbranche CO2-frei werden?

Jennifer Collins
13. November 2022

Die internationale Schifffahrt ist wichtig für die Wirtschaft, aber sehr umweltschädlich. Die USA und Norwegen drängen nun den Sektor, sich von fossilen Brennstoffen zu lösen. Was ist dafür nötig?

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Containerschiff von oben mit farbigen Container und Krananlagen
Containerschiff von oben: Etwa 80 Prozent des Welthandels werden auf dem Seeweg abgewickeltBild: AFP/Getty Images

Länder auf der ganzen Welt sollen Gesetze erlassen, um die umweltverschmutzende Schifffahrtsindustrie zu zwingen, auf sauberere Kraftstoffe umzusteigen. Das ist eine der Forderungen der "Green Shipping Challenge", einer Initiative, die die Vereinigten Staaten und Norwegen auf der UN-Klimakonferenz in Ägypten gestartet haben.

Mehr als 40 Häfen, Unternehmen und Staaten haben dafür Maßnahmen angekündigt. Sie reichen von der Umstellung auf emissionsarme oder sogar emissionsfreie Kraftstoffe bis hin zur Förderung weniger umweltschädlicher Schiffe. "Wir freuen uns über die Führungsrolle der Vereinigten Staaten, die dieses Thema ganz oben auf der Tagesordnung halten", sagt Faig Abbasov, zuständig für nachhaltige Seeverkehrspolitik bei Transport and Environment, einer europäischen Kampagne für sauberen Verkehr. "Aber damit diese Herausforderung Realität wird, müssen die USA ernsthaft in Erwägung ziehen, nationale Gesetze für den internationalen Seeverkehr einzuführen, um einen Markt für saubere Technologien zu schaffen."

Etwa 80 Prozent des Welthandels werden auf dem Seeweg abgewickelt. Jeden Tag überqueren riesige Schiffe mit Gütercontainern die Weltmeere, um Waren auszuliefern. Gleichzeitig stoßen diese Schiffe jährlich eine Milliarde Tonnen CO2 in die Atmosphäre aus. 

Die wahren Kosten von Schiffstransporten

Der Schifffahrtssektor ist für etwa drei Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Wäre er ein Land, würde es zu den zehn größten Verursachern von Treibhausgasen gehören. 

"Die Schifffahrt ist einer der größten Emittenten von Treibhausgasen weltweit. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass schnell und entschlossen gehandelt wird, um die Emissionen dieses Sektors zu reduzieren und den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen", so Jonas Gahr Store, Ministerpräsident von Norwegen.

Obwohl die Branche bis 2050 klimaneutral sein will, verlaufen die Fortschritte bisher nur schleppend. Analysen zufolge könnten die Emissionen sogar um bis zu 130 Prozent steigen - verglichen mit dem Jahr 2008, und gemäß verschiedener "realistischer langfristiger Wirtschafts- und Energieszenarien", wie es heißt.  

Neuen Markt für grüne Treibstoffe schaffen

Ein Teil des Problems sind die Kosten. Das von der Industrie derzeit verwendete, extrem umweltschädliche Schweröl ist viel günstiger als sauberere Kraftstoffe wie etwa grüner Wasserstoff oder Methanol, so Abbasov. "Das Problem ist, dass alle diese Kraftstoffe sehr, sehr teuer sind", so Abbasov zur DW. "Angesichts der Tatsache, dass Schweröl so billig ist, ist der Preisunterschied immens. Die Frage ist: Wie kann man das überwinden?" 

Eine Umstellung auf emissionsfreie Kraftstoffe würde die Gesamtkosten für den Betrieb von Schiffen um etwa 40 bis 60 Prozent erhöhen, so die internationale Unternehmensberatung McKinsey.

Zwei Containerschiffe fahren an grünen Bojen vorbei auf der Nordsee Richtung Hamburg
Ohne grünen Treibstoff gibt es keine umweltfreundlichen SchiffeBild: Rust/IMAGO

Bislang gibt es jedoch weder Anreize noch Druck von Verbrauchern auf Unternehmen, neue Schiffe zu bestellen, die mit den teuren, aber umweltfreundlichen Treibstoffen fahren. Vielmehr besteht die Sorge, die Konkurrenz könnte weiterhin den billigen Treibstoff verwenden. Und so werden umweltfreundliche Treibstoffe erst gar nicht in großem Maßstab produziert.

"Niemand kümmert sich wirklich um die Emissionen der Reedereien, so einfach ist das", sagt Abbasov. Er fordert, Regierungen sollten nationale Gesetze erlassen, um die Verschiffung fossiler Brennstoffe schrittweise einzustellen. So könnte die Nachfrage nach umweltfreundlichen Alternativen gesteigert und das Preisargument entkräftet werden, weil dann "gleiche Wettbewerbsbedingungen" geschaffen würden. 

"Wenn es so geregelt wird, spielt der Preis keine große Rolle, weil alle die Vorschriften einhalten müssen und die Kosten für alle in gleichem Maße steigen", so Abbasov.

Die Europäische Union verhandelt derzeit über eine entsprechende Gesetzgebung, die die zulässigen Emissionsmengen schrittweise einschränken soll. Auch der US-Kongress berät über einen Gesetzentwurf, um die Emissionen des Sektors zu senken. 

Reedereien unternehmen Schritte zur Dekarbonisierung  

Auch die Schifffahrtsbranche unternimmt bereits einige Schritte, um umweltfreundlicher zu werden. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO), eine Organisation der Vereinten Nationen, die die Schifffahrt reguliert, erklärte im Sommer, sie wolle ihre Klimastrategie aktualisieren, damit der Sektor bis 2050 ohne fossile Brennstoffe auskomme. 

Die Internationale Schifffahrtskammer (ICS), die 80 Prozent der weltweiten Handelsschiffe vertritt, hat sich mit der Internationalen Agentur für erneuerbare Energien (IRENA) zusammengeschlossen, um die Dekarbonisierung des Sektors zu unterstützen. 

Wasserstoffproduktion in Spanien
Herstellung von grünem Wasserstoff in Spanien: Länder müssen umweltfreundliche Kraftstoffe wettbewerbsfähig machen, damit Reedereien umsteigenBild: Clara Margais/dpa/picture alliance

Maersk, die größte Reederei der Welt, will "bis 2040 mit neuen Technologien, neuen Schiffen und neuen Kraftstoffen klimaneutral werden" und hat 19 Schiffe mit Zweistoffmotoren bestellt, die mit Methanol betrieben werden. 

Da Schiffe eine Lebensdauer von 20 bis 25 Jahren haben, muss die Branche laut der Unternehmensberatung McKinsey "in den nächsten zehn Jahren umfassende Programme zur Emissionsreduzierung" einführen.  

Im Rahmen der "Green Shipping Challenge" kündigte die Reederei Maersk außerdem an, mit Spanien zusammenzuarbeiten, um Möglichkeiten einer groß angelegten Produktion von umweltfreundlichen Kraftstoffen im Land zu erforschen. 

Bis 2030 müssten genügend Anlagen zur Herstellung grüner Kraftstoffe in Betrieb sein, damit mehr Reedereien bei der Erneuerung ihrer Flotten die erforderlichen umweltfreundlichen Schiffe in Auftrag geben können, fordert Abbasov.

"Einige Unternehmen wollen investieren, aber sie werden nur dann investieren, wenn die Wettbewerbsbedingungen stimmen", fügte er hinzu. 

Adaptiert aus dem Englischen von Anke Rasper