Kann Deutschland im Kamerun-Konflikt vermitteln? | Afrika | DW | 11.11.2020
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Afrika

Kann Deutschland im Kamerun-Konflikt vermitteln?

Als Inhaber der EU-Ratspräsidentschaft sollte Deutschland in der anglophonen Krise in Kamerun vermitteln, fordern Hilfswerke. Bisher hält sich die alte Kolonialmacht aber zurück.

Die jüngsten Schlagzeilen aus Kamerun haben weltweit für Entsetzen gesorgt: Offenbar sind im umkämpften englischsprachigen Teil des Landes in den vergangenen Wochen mehrere Schulen angegriffen worden. Mindestens sieben Schüler wurden dabei getötet, etliche wurden verletzt und entführt. Seit 2017 liefern sich Separatisten und Regierungstruppen einen brutalen Kampf um die Vorherrschaft in den anglophonen Gebieten im Nordwesten des Landes, mindestens 3000 Menschen sind seither ums Leben gekommen, über 700.000 sind auf der Flucht.

Angesichts der nicht abreißenden Gewalt sehen Beobachter und Hilfsorganisationen auch Deutschland in der Pflicht. Die Bundesregierung müsse ihren Einfluss in Kamerun nachdrücklich geltend machen und im Konflikt vermitteln, betonten vor kurzem die kirchlichen Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt in einer gemeinsamen Stellungnahme. Als aktueller Inhaber der EU-Ratspräsidentschaft und nicht-ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat sei Deutschland in der besten Position, um eine rasche politische Lösung anzustoßen.

Eine "historische Verantwortung"

Dass die Hilfsorganisationen ausgerechnet an Deutschland appellieren, hat allerdings auch andere Gründe. "Deutschland ist die alte Kolonialmacht in Kamerun und hat immer noch eine gewisse historische Verantwortung", erklärt Andreas Mehler, Direktor des Arnold-Bergstraesser-Instituts in Freiburg.

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Auch wenn Kamerun nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt wurde, worauf die heutige Spaltung in frankophone und anglophone Regionen im Land gründet, dürfe der deutsche Anteil an den Konflikten in Kamerun nicht übersehen werden. "Zwar ist das französische Völkerbund-Mandat den meisten im Gedächtnis, aber die deutsche Obrigkeit zuvor, das waren auch keine Heiligen", so Mehler.

Berlin reagiert zurückhaltend

Die deutsche Politik hält sich im aktuellen Konflikt jedoch bislang auffällig zurück – und das obwohl Deutschland zu den wichtigsten Geldgebern Kameruns gehört und bis vor wenigen Jahren sogar militärische Ausrüstung ins Land geliefert hat. Weder Kanzlerin Angela Merkel noch Außenminister Heiko Maas haben Kamerun seit Beginn der Krise besucht. 

Lediglich der Afrikabeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, hatte im vergangenen Jahr das Land bereist und versichert, sich für ein größeres Engagement Deutschlands in Kamerun stark machen zu wollen. Schon seit längerem trommelt auch der FDP-Politiker Christoph Hoffmann, Leiter der Parlamentariergruppe für Zentralafrika, für eine deutsche Vermittlerrolle in Kamerun - bislang mit wenig Erfolg.

Damit es überhaupt zu einer Vermittlung kommen könne, müsste sich die Bundesregierung aber zunächst mit Frankreich auf eine gemeinsame Linie einigen, meint Ottmar von Holtz, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen. "Ich glaube, dass die Bundesregierung sehr gut daran tun würde, im Sinne einer Lösung in Kamerun sich intensiv mit Frankreich auseinanderzusetzen und die Franzosen dazu zu bewegen, internationalen Initiativen zuzustimmen", so von Holtz im DW-Interview.

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Mehr Druck auf Regierung und Separatisten

"Ich glaube, nun muss versucht werden, mehr Druck auf die Regierung Kameruns auszuüben", sagt Ulrich Delius, Leiter der Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker. Präsident Paul Biya und seine Mitstreiter müssten endlich akzeptieren, dass es einen großen inneren Konflikt im Land gebe, der auf friedliche Weise gelöst werden müsse. Dazu brauche es aber unbedingt eine politische und keine militärische Lösung.

Allerdings: Derartige Initiativen, zuletzt beispielsweise unter Führung der Schweiz, waren in der Vergangenheit wenig erfolgreich. Dennoch müsse dieser Weg unbedingt fortgesetzt werden, betont auch Andreas Mehler: "Ich denke, dass eine gemeinsame Bemühung bilateraler Partner, eben Deutschland, aber nicht ausschließlich Deutschland, in einem multilateralen Ansatz zusammen mit der Afrikanischen Union als Hauptakteur sehr willkommen wäre."

Schwierige Schuldzuweisung

Seit fast vier Jahren tobt der blutige Konflikt in den englischsprachigen Regionen Kameruns. Die dort lebenden Menschen fühlen sich von der französischsprachigen Bevölkerungsmehrheit diskriminiert, Separatisten fordern sogar die Unabhängigkeit. Rebellen sind allerdings zersplittert und führen den Kampf gegen die Regierung auf unterschiedliche Weise.

Dementsprechend schwierig ist auch eine Schuldzuweisung bei den neuerlichen Gewalttaten. Schulen waren in der Vergangenheit schon häufiger Ziele bewaffneter Milizen. Menschenrechtsorganisationen beschuldigen auch das kamerunische Militär, für zahlreiche Verbrechen verantwortlich zu sein.

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