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Kann der Mensch sich an Hitze gewöhnen?

1. Juli 2026

In vielen Ländern Europas hat der Juni Hitzerekorde gebrochen. Experten sind sich einig: Hitzeperioden werden häufiger und intensiver. Was bleibt uns anderes übrig, als uns daran zu gewöhnen. Aber geht das überhaupt?

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Menschen könnten sich zwar an Hitze gewöhnen, "aber was wir derzeit erleben, ist zu viel für uns", sagt die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann.Bild: Carsten Koall/dpa/picture alliance

Der Juni brachte Temperaturrekorde in Frankreich, Spanien, Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) meldete: Noch nie war es in Deutschland so früh im Jahr für einen derart langen Zeitraum so heiß. 

Eine solche Hitzewelle mit Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius und Nächten, in denen das Thermometer nicht unter die 20 Grad-Marke fällt, ist eine enorme Herausforderung für den menschlichen Körper. Das gilt besonders für Kleinkinder, Schwangere, ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen und Menschen, die körperlich schwer oder draußen arbeiten müssen.  

Kommen Menschen aus heißeren Regionen besser mit Hitze klar? 

"Der menschliche Körper hat Anpassungsmöglichkeiten und die sind trainierter bei Menschen, die kontinuierlich Hitze ausgesetzt sind", sagt die Ärztin und Hochschulprofessorin Claudia Traidl-Hoffmann. Sie ist Direktorin des Instituts für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit am Universitätsklinikum Augsburg, wo sie Patienten und Patientinnen mit Umwelterkrankungen behandelt. 

Traidl-Hoffmann ist außerdem Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich, wo sie zu Umwelterkrankungen forscht. Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung berät sie zudem die Politik.  

Anpassungsprozesse an sich verändernde Umweltbedingungen bräuchten Zeit, schreibt Traidl-Hoffmann auch in ihrem Buch "Die Medizin der Zukunft – Heilen in einer veränderten Welt". Nicht Jahre, sondern Jahrhunderte.  

Was passiert im menschlichen Körper bei Hitze? 

"Ab 23 Grad Außentemperatur beginnt der Körper mit Ausgleichsmechanismen", erklärt die Medizinerin. Die Blutgefäße weiten sich, wodurch der Körper Wärme abgeben kann. Schwitzen kühlt den Körper zusätzlich. All das dient dazu, die Körpertemperatur stabil zu halten. 

Funktionieren diese Mechanismen nicht gut oder versagen ganz, können die Folgen von Herz-Kreislauferkrankungen über Schlaganfälle bis hin zu Multiorganversagen reichen. Letzteres setzt ein, wenn es der Körper nicht mehr schafft, die Körperkerntemperatur konstant zu halten.

"Steigt unsere Körpertemperatur zu stark an, beschleunigen sich Stoffwechselprozess zunächst immer weiter – bis der Körper die Kontrolle verliert – auf allen Ebenen vom Immunsystem bis zum Nervensystem. Ab etwa 42 Grad drohen schwere Zellschäden, Multiorganversagen und ohne sofortige Behandlung der Tod", sagt Traidl-Hoffmann. 

Auch die Lungen leiden unter Hitze. Auf molekularer Ebene seien die Prozesse noch nicht ganz verstanden, sagt Traidl-Hoffmann, aber es gebe Hypothesen. Das Einatmen heißer Luft führe dazu, dass Entzündungsprozesse gefördert werden. "Die Lunge entzündet sich eher und wird anfälliger für Infektionen", erklärt die Ärztin. 

Was sollten wir bei Hitze tun und was lieber lassen? 

Traidl-Hoffmann kritisiert, dass wir uns immer erst dann mit Hitze und ihren Auswirkungen beschäftigen, wenn es bereits heiß ist. Wenn die Schienen schmelzen, der Asphalt aufplatzt und die Rettungskräfte im Dauereinsatz sind. 

Sie empfiehlt ihren Patienten und Patientinnen deshalb, sich bereits im Januar auf die heißen Tage vorzubereiten. Dazu gehöre, mit dem Arzt über eine Anpassung der Medikamentendosierung zu sprechen. Da Hitze Entzündungsprozesse beschleunigt, sollten beispielsweise Allergien rechtzeitig mit spezifischen Immuntherapien behandelt werden.  

Auch Neurodermitis verschlimmere sich durch die Hitze und sollte vorher behandelt werden. "Jede chronische Erkrankung sollte vor der Hitzeperiode stabil sein", sagt die Ärztin.  

Ist die Hitze da, rät Traidl-Hoffmann dazu viel Wasser zu trinken und leichte, pflanzenbasierte Kost zu essen und möglichst die Finger von Zigaretten und Alkohol zu lassen. Genügend Schlaf gibt dem Körper die Möglichkeit, den Hitzestress des Tages bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren.  

Gewöhnen wir uns alle an die Hitze? 

Genau hier liegt ein zentrales Problem: Weil die Hitze vielen Menschen den Schlaf raubt, kommt es schneller zur sogenannten Dekompensation. Der Körper schafft es dann nicht mehr, Fehlfunktionen auszugleichen. 

Wie gut der Körper die Hitze kompensieren und sich daran anpassen kann, hängt davon ab, wie vulnerabel eine Person ist. Traidl-Hoffmann nutzt das Bild eines Fasses, um die Anpassungsmöglichkeit zu beschreiben: Wer alt oder krank ist und Medikamente nimmt, dessen Fass läuft während einer Hitzeperiode besonders schnell über.  

Junge, sportliche und an Hitze gewöhnte Menschen hätten zwar eine größere Toleranz, doch auch die habe ihr Grenzen, sagt Traidl-Hoffmann. "Dieser exponentielle Anstieg der Hitzetage, diese schnelle Veränderung ist weder für Ökosysteme noch für den Menschen machbar, was die Anpassung betrifft." 

Julia Vergin
Julia Vergin Redakteurin in der Wissenschaftsredaktion mit besonderem Interesse für Psychologie und Gesundheit.
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