Kampfmittelexperte Plum: Waldbrände kein Ersatz für gründliche Bombenbergung | Wissen & Umwelt | DW | 04.08.2018
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Kampfmittelexperte Plum: Waldbrände kein Ersatz für gründliche Bombenbergung

In Regionen, wo noch Kriegsaltlasten im Boden liegen, sind Waldbrände besonders gefährlich, sagt Kampfmittelexperte Jürgen Plum. Bomben, Granaten und Minen können bereits bei relativ schwachen Bränden explodieren.

Fichtenwalde Waldbrand Löschpanzer (picture-alliance/dpa/J. Stähle)

Ein Löschpanzer im Einsatz: In solchen Fahrzeugen sind Feuerwehrleute vor Explosionen besser geschützt.

Deutsche Welle: Auf der nördlichen Erdhalbkugel ist jetzt wieder Waldbrandsaison, weil gerade Sommer ist - ein ziemlich heißer sogar. Gerade in Regionen, wo es früher bewaffnete Konflikte gab, liegen aber oft noch Munitionsreste und Blindgänger herum. Was für Gefahren gehen von ihnen aus, wenn es brennt?

Jürgen Plum: Die größten Gefahren gehen von der Munition aus, die recht oberflächennah liegt. Das ist meist Artilleriemunition, die etwa in einer Tiefe von 30 bis 40 Zentimetern liegt. Bei einem Waldbrand ist sie sehr großer Hitze ausgesetzt.

Aber auch noch kleinere Altlasten können gefährlich werden: Kleine Patronenhülsen oder Anti-Personen Minen, die oft ganz knapp unter der Oberfläche vergraben worden sind.

Ukraine Avdiivka (DW/A. Magazova)

Viele verminte Regionen in Ost- und Südosteuropa verwildern. Brennt es dort, können Sprengkörper leicht explodieren.

Kann jedes Feuer diese Munition zur Explosion bringen, oder muss es ein besonders starker Waldbrand sein?

Es reicht bereits ein relativ schwaches Feuer. Der Sprengstoff TNT wird ab einer Temperatur von über 200 Grad Celsius zur Detonation gelangen. Normalerweise würde es nur eine Verpuffung geben, weil aber der Sprengstoff in Bomben, Granaten und Minen vermantelt ist und der Druck nicht entweichen kann, kommt es zu einem Hitzestau und einer richtigen Explosion.

In den Zündern sind zudem noch brisantere Sprengstoffe vorhanden. Deshalb kann es sein, dass es auch bei niedrigeren Temperaturen schon zur Detonation kommt.

Inwieweit die Beschaffenheit des Waldes beim Brand eine Rolle spielt ist schwer zu sagen: Nadelhölzer sind naturgemäß leichter entflammbar als Laubhölzer. Ein offener Laubwald mit weniger trockenem Bewuchs und viel Laub im unteren Bereich verursacht wahrscheinlich eher einen Schwelbrand. Das kann aber auch im Nadelwald passieren – durch die jahrzehntelange Ablagerung der Nadeln. Ist noch Munition im Boden, kann beides sehr gefährlich sein.

Deutschland - B-17 Flugzeug über Kassel 1944 (picture-alliance/AP/U.S. Strategic Air Forces)

Die Alliierten Bomber haben vor allem Deutschlands Städte, Industriegebiete und Bahnstrecken angegriffen

Wie sieht es denn bei den größeren Fliegerbomben aus, also solche von 300 bis 1000 Kilogramm? Die erregen ja meist eher die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, weil für eine Entschärfung größere Bereiche evakuiert werden müssen. Aber sind sie auch im Wald ein Problem?

Diese Bombardierungen haben hier in Deutschland fast ausschließlich auf Städte stattgefunden. Dennoch kann man hier und da auch in den Wäldern eine solche Bombe finden. Meistens waren das Notabwürfe. Die Bomben sind dann irgendwo im Wald niedergegangen und liegen als Blindgänger herum.

Nur liegen diese Bomben in Tiefen von zwischen zwei bis zu sechs Metern. Das kommt auch auf die Bodenart an. Diese Sprengkörper werden von einem Waldbrand in der Regel nicht erfasst, weil die Temperatur nicht tief genug ins Erdreich eindringt.

Bunkergruppe Buhlert, Hürtgenwald, Westwall (Imago)

Ein Bunker im Hürtgenwald. Hier lagen in der Nachkriegszeit viele Artillerie-Blindgänger herum – in den oberen Bodenschichten.

Ihre Firma wurde kurz nach dem zweiten Weltkrieg gegründet, um hier in Deutschland Blindgänger zu entfernen. Eines Ihrer historischen Einsatzgebiete war der Hürtgenwald - Schauplatz einer der schwersten und grausamsten Schlachten an der Westfront. Auch dort war es in den 1950er Jahren zu mehreren Waldbränden gekommen. Was für Erfahrungen hat Ihre Firma aus der Zeit? Kann ein Waldbrand vielleicht auch nützlich sein, wenn man so ein stark verwüstetes Gebiet von Munitionsaltlasten befreien will?

Es ist vielleicht nach einem solchen Brand dort etwas weniger gefährlich. Aber ein Waldbrand kann auf keinen Fall dazu führen, dass man hinterher sagt: Diese Fläche ist jetzt munitionsfrei. Alles, was etwas tiefer liegt als 30 Zentimeter muss nicht unbedingt zur Detonation gelangen und übersteht vielleicht den Waldbrand. Niemals wird ein Waldbrand eine Fläche munitionsfrei machen.

Auch würde es sich allein aus Gründen des Naturschutzes verbieten, einen Brand gezielt zu legen, um Sprengkörper zu entfernen. Da sollte man schon auf die konventionelle Flächenräumung zurückgreifen - auch wenn sie etwas kostenintensiver ist.

Heute hat man zwar die Möglichkeit, dass mit aktiven und passiven Suchgeräten zu unterstützen, aber gerade in Wäldern muss die meiste Arbeit manuell erfolgen. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit.

Mit der Zeit verrottet die Munition ja auch immer mehr. Sinkt oder steigt die Gefahr, die von einem Sprengkörper ausgeht dadurch?

Die Munition wird auf jeden Fall gefährlicher. Man weiß nicht, welche chemischen Prozesse sich in den Sprengstoffen und mit den Metallkörpern abspielen. Was für Metalle wurden verwandt? Wie wurden sie verarbeitet? Was für Beschichtungen sind darauf angebracht? Welche chemischen Reaktionen finden über die Jahre in der Granate oder dem Sprengmittel statt? Es ist unberechenbar und auch total unterschiedlich, was eine Granate oder Mine über die Zeit aushält und was nicht. Die Hitzeeinwirkung wird dann vielleicht ein letztes dazutun, um sie zur Explosion zu bringen.

Jügen Plum ist Geschäftsführer des Unternehmens P+H Röhll NRW für Boden- und Gewässersanierung mit Schwerpunkt Kampfmittelräumung. Die Firma wurde direkt nach dem zweiten Weltkrieg von Paul-Heinz Röhll gegründet, um die Kriegsaltlasten in Berlin und später auch im Hürtgenwald an der Deutsch-Belgischen Grenze nahe Aachen zu beseitigen. Bis in die 1960er Jahre befreite die Firma in ganz Deutschland mehr als sechs Millionen Quadratkilometer von Munitionsaltlasten.

Das Interview führte Fabian Schmidt. 

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