Kamerun: Dialog mit ungewissem Ausgang | Afrika | DW | 30.09.2019
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Konfliktlösung

Kamerun: Dialog mit ungewissem Ausgang

In Kamerun beginnt ein fünftägiges Treffen, durch das die Krise in den anglophonen Regionen gelöst werden soll. Seit 2016 sind dort mehr als 3000 Menschen getötet und 500.000 vertrieben worden. Aus Yaoundé Dirke Köpp.

Präsidentschaftswahl in Kamerun Sicherheitskräfte (DW/F. Muvunyi)

Archivbild: Regierungssoldaten im anglophonen Kamerun

Ziel des Camair-Linienflugs aus Maroua ist eigentlich die Wirtschaftsmetropole Douala. Doch beim Zwischenstopp in Yaoundé leert sich das Flugzeug erheblich. Dutzende festlich gekleidete Präfekten, Gouverneure, traditionelle und religiöse Chefs und andere Würdenträger steigen in der Hauptstadt Kameruns aus. Ihr Ziel: der große nationale Dialog, der an diesem Montag beginnt.

Hunderte Kameruner aus dem ganzen Land und aus der Diaspora hat die Regierung eingeladen, um die so genannte anglophone Krise zu lösen, bei der seit 2016 mehr als 3000 Menschen gestorben und rund eine halbe Million zu Flüchtlingen geworden sind.

Alles begann vor drei Jahren, am 12. Oktober 2016, mit einem Streik in Kameruns anglophonen Regionen South West und North West: Anwälte und Lehrer protestierten damit gegen ein System, das in ihren Augen die englischsprachigen Regionen des zentralafrikanischen Landes benachteiligt. Die Reaktion aus Yaoundé war eine monatelange Internetblockade, die den Konflikt weiter anheizte.

Kamerun Wahl l Präsident Paul Biya (picture alliance/dpa/j. Warnand)

Paul Biya wurde gerade erst wiedergewählt - trotz der Krise.

Parallel dazu bemüht sich die Regierung von Präsident Paul Biya halbherzig, die Demonstranten zu beruhigen: Ein lustlos geführter Dialog und die Gründung einer Kommission für die Förderung von Bilingualität und Multikulturalismus gingen einher mit Verhaftungen und Einschüchterungen durch dieselbe Regierung und ihre Sicherheitskräfte. Einer der wichtigsten Vertrauten des Präsidenten, Paul Atanga Nji, deklarierte öffentlich, dass es kein anglophones Problem gebe. Die Demonstranten seien Wichtigtuer, die mit Geld aus dem Ausland manipuliert würden.

Schlechte Regierungsführung

Falsch, sagt der anglophone Kardinal Christian Tumi, eine der wichtigsten religiösen Stimmen im Land, der DW: "Die Gründe für die Krise liegen in der schlechten Regierungsführung; die Menschen werden nicht an Entscheidungen beteiligt. Und sie liegen in dem zentralistischen politischen System, dem Jakobiner-System, das wir von Frankreich kopiert haben." Bis heute mische sich Frankreich in innerkamerunische Politik ein.

Dezentralisierung ist eines der Schlüsselwörter der Krise. Reformen dazu sind schon in die Verfassung von 1996 eingeschrieben, seit 2002 gibt es sogar ein Dezentralisierungsministerium. Doch dabei ist es bisher geblieben. "Das anglophone Problem ist so alt wie das vereinigte Kamerun", sagt Presbyterianer-Priester Thomas Mokoko Mbue. "Seit 1961 hat es immer wieder Aufrufe und Petitionen für einen Dialog gegeben. Aber die Regierung hat sich geweigert, zuzuhören." Bis es zu spät war.

Präsidentschaftswahl in Kamerun Christian Wiyghan Tum (DW/F. Muvunyi)

Kardinal Christian Tumi beklagt eine schlechte Regierungsführung

Ein Jahr nach den ersten Streiks rufen separatistische Gruppen in North West und South West am 1.10.2017 den unabhängigen Staat "Ambazonia" aus. Das Datum ist symbolisch: Denn am 1.10.1961 wurden der in der Kolonialzeit französisch verwaltete Osten und der britische verwaltete Westen zu Kamerun vereinigt. Mit diesem Staat wollen die "Ambazonians" nichts mehr zu tun haben.

Zwischen 200 und 2000 "Amba-Boys"

Der Konflikt wird zunehmend brutaler. Junge Männer, so genannte Amba-Boys, kämpfen im Busch gegen die Armee. Schulen, Krankenhäuser, ganze Dörfer werden niedergebrannt, Menschen ermordet, eingeschüchtert, entführt. Immer öfter fällt der Begriff Bürgerkrieg. Beide Seiten, Separatisten und Armee, laden Schuld auf sich.

Wie viele "Amba-Boys" es gibt, ist schwer zu sagen. Schätzungen liegen zwischen 200 und mehr als 2000. Sie teilen sich in konkurrierende Gruppen auf, die überwiegend aus der Diaspora, in den USA und Norwegen, geführt werden. "Manche dieser Boys sind nicht einmal 15 Jahre alt", sagt Thomas Mokoko. "Es ist herzzerreißend, dass diese jungen Menschen, die eigentlich die Crème unserer Gesellschaft sind, für einen sinnlosen Krieg sterben." Nur hinter vorgehaltener Hand sprechen Insider davon, dass die Regierung selbst auch mindestens eine Miliz unterhalte. Der Name des Biya-Vertrauten Paul Atanga Nji fällt in dem Zusammenhang. 

Erst Mitte September 2019, rund drei Jahre und Tausende Tote nach den ersten Forderungen, ruft Präsident Biya zu einem "großen nationalen Dialog" auf. Dieser solle erlauben, "im Rahmen unserer Verfassung die Wege und Mittel zu untersuchen, mit denen die tiefen Hoffnungen der Bevölkerung aus dem Nord- und Südwesten, aber auch aller anderen Teile unserer Nation beantwortet werden können".

Forderung nach Dezentralisierung

Der anglophone Menschenrechtsanwalt Félix Agbor Balla, der 2016 zu denen gehörte, die den Protest auslösten, fordert, es müsse während des fünftägigen Dialogs in Yaoundé über die Möglichkeiten eines föderalen Staates gesprochen werden: "Die Krise hat mit der Forderung nach Dezentralisierung angefangen. Ohne über die Staatsform zu sprechen, werden wir keine Lösung finden."

Nkongho Felix Agbor Balla (CHRDA)

Felix Agbor Balla will, dass über Dezentralisierung gesprochen wird

Der presbyterianische Geistliche Samuel Fonki, einer der Mittler in der Krise, kritisiert, die Regierung habe den Konflikt zu lange ignoriert. "Jetzt aber, nach Druck von außen, will sie der Welt zeigen, dass sie etwas tut: 'Schaut her, wir machen Dialog!'" Wie um das zu unterstreichen, spricht ein Minister hinter verschlossenen Türen gar von einer "großen Show"; für den letzten Tag des Dialogs (4.10.) ist eine Gala vorgesehen. Kirchenmann Fonki indes ist sich sicher: "Wenn es keine externen Beobachter gibt, werden die Fakten nicht auf den Tisch kommen." Der besagte Minister aber lehnt ab: Nein, man wolle nur von Bruder zu Bruder sprechen, ohne Einmischung von außen.

Ob und wie die "Ambazonians" repräsentiert sein werden, ist weiter unklar: Zwar hat die Regierung Einladungen an Separatistenführer im Ausland verschickt. Doch viele von ihnen lehnen den Dialog ab, den sie als "Biyalog" bezeichnen und für eine "Verschwendung von Zeit und Steuergeldern" halten, wie es etwa der Separatistenführer Mark Bareta auf Facebook schreibt. Die Regierung wisse, was die Anglophonen wollten, dafür brauche niemand extra nach Kamerun zu kommen.

Tatsächlich aber haben viele der Sezessionisten - im Busch wie in der Diaspora - wohl Angst davor, was ihnen zustoßen könnte. Einige von ihnen, wie Ebenezer Akwanga, der einst aus einem kamerunischen Gefängnis geflohen ist, müssen befürchten, verhaftet zu werden. Andere haben keine gültige Aufenthaltserlaubnis in dem Land, in dem sie leben. Verschiedenen Quellen zufolge verlieren die Separatistenführer im Ausland zudem an Einfluss.

Deutschland Kundgebung zum Unabhänigkeitstag von Ambazonia in Berlin (Imago-Imago/C. Spicker)

Diasporagruppen könnten an Einfluss verlieren - hier eine Kundgebung in Berlin 2018

Hilfszusagen abhängig vom Ausgang des Dialogs

Viele Gesprächspartner in Kamerun sehen die Gefahr, dass der Konflikt sich verstetigt: Dann könnten auf Jahre Banditen die anglophonen Regionen unsicher machen. Junge Leute ohne Perspektive. Der Osten der Demokratischen Republik Kongo zeigt, wohin es führt, wenn ein Konflikt vernachlässigt wird: Dort terrorisieren seit Jahrzehnten räuberische Milizen die Bewohner. Ihre politischen Ambitionen sind höchstens noch vorgeschoben.

Günter Nooke, Afrika-Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, macht sich derzeit in Kamerun ein Bild der Lage und hat vor allem mit anglophonen Kirchenleuten gesprochen. Sie genießen weitgehend das Vertrauen der Ambazonians, lehnen Gewalt aber kompromisslos ab. "Wir haben hier in Kamerun Gewalttätigkeiten, Verbrechen gegen die Menschlichkeit von beiden Seiten, also den staatlichen bewaffneten Organen, Armee und Polizei, aber auch von Seiten derjenigen, die vorgeben, für die Unabhängigkeit der anglophonen Gebiete zu kämpfen", so Nooke im Gespräch mit der DW. "Wenn man Bilder dieser schlimmen Gewaltverbrechen sieht, ist es erstaunlich, dass wir uns in Europa nicht mehr mit Kamerun befassen." Bei einem Treffen mit einem Regierungsvertreter machte Nooke daher deutlich, dass Deutschland weitere Hilfszusagen an die Erfolge des Dialogs knüpft.

Für den kamerunischen Präsidenten Paul Biya scheint eines indes bereits klar: "Die Zukunft unserer Mitbürger in Nord- und Südwest liegt in unserer Republik", beschied Biya am Ende seines Aufrufs zum Dialog. Eine Republik Ambazonia hat darin wohl keinen Platz.

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