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Kalter Krieg - gestern und heute

Marcel Fürstenau, Berlin8. März 2016

Nach dem Fall der Berliner Mauer träumte die Welt von einer Ära des Friedens. Aber die Erblast der Ost-West-Konfrontation wiegt schwer. Die Ursachen sind Thema einer Ausstellung, die mehr als ein Rückblick ist.

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Das Plakat zur Ausstellung "Der Kalte Krieg"
Bild: Bundesstiftung Aufarbeitung

US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow liefern sich ein Duell im Armdrücken. Wer gewinnt, ist ungewiss. Beide spielen mit der Option, den Feind per Knopfdruck mit atomaren Raketen auszulöschen. Mit dieser Karikatur beginnt die Ausstellung "Der Kalte Krieg", die am Dienstag in Berlin eröffnet wurde. Das Bild führt mitten rein in eine Epoche, die im engeren Sinn abgeschlossen erscheint. Es faktisch aber nicht ist. Denn die Folgen sind noch immer zu spüren.

Angesichts des aktuell eisigen Verhältnisses zwischen Moskau und Washington sprechen manche sogar schon von einem neuen Kalten Krieg. Prominentester Vertreter ist der russische Ministerpräsident Dimitri Medwedew, der sich diese Metapher auf der Münchener Sicherheitskonferenz zu Eigen machte. Der Historiker Bernd Greiner lehnt diesen Vergleich ab. Es sei eine "ziemlich hysterische oder gar törichte Bezeichnung" sagt er im DW-Gespräch. Der Leiter des vor einem Jahr gegründeten Berliner Kolleg Kalter Krieg verweist auf die 50er bis 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Es ist die Zeit der atomaren Abschreckung, "wo es mehrmals an den Rand eines heißen Krieges gekommen ist".

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Fidel Castro und Che Guevara in Kampfuniform unter Palmen

Am größten ist die Gefahr 1962, als die Sowjetunion auf Kuba Atomraketen stationiert. In der Berliner Ausstellung ist dieser Zuspitzung vor der Haustür Amerikas ein eigenes Kapitel gewidmet. Unter der Überschrift "An der Schwelle zum Atomkrieg" sind neben Satellitenbildern auch die Revolutionsführer Fidel Castro und Ernesto "Che" Guevera zu sehen. Sie tragen Kampfuniform und lächeln - vor Palmen stehend - in die Kamera. Es ist die Hochzeit der Propaganda. Beide Seiten misstrauen aber auch der eigenen Bevölkerung.

"Schlachtfeld Dritte Welt" heißt eine Bild- und Texttafel der Ausstellung "Der Kalte Krieg"
Bild: Bundesstiftung Aufarbeitung

In den USA beginnt schon 1950 unter Senator Joseph McCarthy die Jagd auf angebliche Kommunisten. Verdächtigt werden vor allem Künstler, Lehrer und Journalisten. In der Sowjetunion fallen dem stalinistischen Terror Millionen Menschen zum Opfer. Volksaufstände in Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR werden brutal niedergeschlagen. Die größten Tragödien aber ereignen sich außerhalb der Supermächte USA und Sowjetunion. Dort, wo sie in Bürgerkriege eingreifen und ihren Machteinfluss ausdehnen wollen, sterben Millionen. Die Schlachtfelder liegen in Korea, Vietnam, Kambodscha, Angola oder Nicaragua.

Historiker Greiner wünscht sich eine "KSZE für Asien"

Unter den Folgen dieser heißen Kriege leiden die meisten Länder noch heute. Historiker Greiner nennt als Beispiel Landminen in Angola, weshalb dort großflächig keine Landwirtschaft möglich ist. Oder Afghanistan, wo die politische Radikalisierung mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1979 einen ersten Höhepunkt erreicht. Die weitere Entwicklung am Hindukusch, bis hin zum andauernden Anti-Terror-Krieg der USA ist ohne den Kalten Krieg undenkbar.

Dass diese Epoche für die Supermächte selbst und die beiden deutschen Teilstaaten vergleichsweise glimpflich verläuft, ist letztlich erfolgreicher Diplomatie zu verdanken. Ein Instrument wie die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) wünscht sich Historiker Greiner auch für die Kriege und Konflikte der Gegenwart. Die sogenannte Entspannungspolitik zwischen Ost und West ist die entscheidende Weichenstellung für den Fall des Eisernen Vorhangs. "Vertrauen ist der Goldstandard für internationale Politik", sagt Greiner. Er könnte sich mit Blick etwa auf Grenzstreitigkeiten zwischen China und Japan, aber auch andere Konfliktherde eine "KSZE für Asien" vorstellen.

Mit Forschungsstipendien eine "Leerstelle" füllen

Als Leiter des Berliner Kolleg Kalter Krieg unternimmt Greiner mit zahlreichen anderen Wissenschaftlern den Versuch, "eine Leerstelle zu füllen". Die sieht er vor allem darin, dass zu diesem Thema aus Deutschland nach der Zeitenwende 1989/90 lange wenig gekommen ist. Zunächst habe die historische Aufarbeitung der deutschen Teilung im Vordergrund gestanden. Ein Vierteljahrhundert danach nimmt die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Kalter Krieg an Fahrt auf. Ziel ist es, sich stärker international zu vernetzen. Dafür werden weltweit Forschungsstipendien für ein Jahr ausgeschrieben.

Der Historiker Bernd Greiner erstellte die Texte für die Ausstellung "Der Kalte Krieg"
Historiker Bernd GreinerBild: DW/M.Fürstenau

Mit Hilfe der Ausstellung will Greiner, will die kooperierende Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur weit über Deutschland hinaus einen Impuls zu setzen. Und weil nicht jeder nach Berlin kommen kann, gibt es die 22 Bild- und Texttafeln in 1500 Exemplaren und vier weiteren Sprachen: Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch. Geplant sind außerdem Übersetzungen auf Albanisch, Farsi und Koreanisch. Das Ganze gelangt dann per Post zu seinen Empfängern - sei es eine Schule oder Universität, ein Rathaus oder Goethe-Institut.

QR-Codes zum Einscannen von Videos

Kurator Ulrich Mählert sagt zu Recht, die Ausstellung sei "konventionell" angelegt. Was aber keinen Verzicht auf multimediale Elemente bedeutet. Auf fast jeder Plakatwand befindet sich ein QR-Code für Smartphones, der zu Videos führt. Die lassen sich auch bequem auf der Homepage der Stiftung Aufarbeitung anklicken. Das Konzept der Ausstellung "Kalter Krieg" scheint aufzugehen. Rund 800 Institutionen im In- und Ausland haben sich bereits gemeldet.