Kalifornisch coole Chloe Kim | Asien | DW | 16.02.2018
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Asien

Kalifornisch coole Chloe Kim

Das Snowboard-Wunderkind Chloe Kim hat in Südkorea, dem Heimatland ihrer Eltern, eine emotionale Diskussion ausgelöst. Die Jugend fragt sich im Netz: Muss man erst auswandern, um seine Talente frei zu entfalten?

Schon jetzt ist sie der Shootingstar der Winterspiele von Pyeongchang: Die 17-jährige Chloe Kim sicherte sich am Dienstag nicht nur Gold in der Halfpipe, sondern gewann mit ihrer kalifornischen Coolness, den blond gefärbten Locken und ihrem einnehmenden Lächeln auch die Herzen der Fans. In den USA nutzten mehrere demokratische Senatoren ihre Erfolgsgeschichte, um die Aufmerksamkeit in der aufgeheizten Migrationsdebatte auf die gesellschaftlichen Beiträge von Kindern der ersten Generation zu legen.

Im Heimatland von Chloe Kims Eltern sorgte ihr Sieg ebenfalls für emotionale Diskussionen. Das Credo in den sozialen Netzwerken lautet: Wäre die Snowboarderin in Südkorea aufgewachsen, hätte sie es niemals zum Olympia-Gold geschafft. "In Südkorea würde sie jetzt im Nachhilfeinstitut versauern", schrieb ein Nutzer. Ein anderer meint: "Südkorea begräbt dein Talent wie ein schwarzes Loch."

Olympische Winterspiele 2018 in Südkorea Skeleton Yun Sung Bin (Reuters/A. Wiegmann)

Sport-Erfolg trotz Jugend in Südkorea: Skeleton-Sieger Yun Sung Bin

Ambivalentes Verhältnis zu Auswanderern

Chloe Kims Vater wanderte 1982 nach Kalifornien aus, laut Medienberichten hatte er damals nur 800 US-Dollar bei sich. In den ersten Jahren hielt er sich mit Hilfsarbeiterjobs über Wasser, später bekam er eine Anstellung als Ingenieur. Als seine Tochter vier Jahre alt ist, kauft er ihr ein gebrauchtes Snowboard für 25 Dollar. Schon bald jedoch erkennt er Chloes Talent - und gibt infolgedessen seinen Beruf auf, um sich ganz um die Sportkarriere seines Sprösslings zu kümmern. Als dieser schließlich am Dienstag die Goldmedaille gewann, sprach Vater Kim Jong Jin vom wahr gewordenen amerikanischen Traum.

"Heute fühle ich mich, als würde ich sowohl die USA als auch Südkorea repräsentieren", sagte Chloe Kim nach ihrem Sieg in die Fernsehkameras. Tatsächlich hegt die südkoreanische Gesellschaft ein ambivalentes Verhältnis zu ausgewanderten Landsleuten, von denen laut Schätzungen des Migration Policy Institutes etwa 1,1 Millionen in den USA leben. Zwar jubeln die Zeitungen, wann immer ein koreanisch-stämmiger Amerikaner eine Sportmedaille holt, Filmpreise gewinnt oder unternehmerischen Erfolg hat. Gleichzeitig jedoch fühlen sich viele Auswanderer der ersten Generation bei Besuchen im Heimatland ihrer Eltern alles andere als herzlich willkommen.

Die Schriftstellerin Euny Hong, deren Eltern ebenfalls in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind, glaubt, dass Südkoreaner die Ausgewanderten als "weder Fisch noch Fleisch, grundsätzlich nicht vertrauenswürdig" betrachten. Sie selbst würde daher Korea nur dann besuchen, wenn sie es wirklich muss.

K Pop Korea Südkorea Super Junior (Getty Images/Nicky Loh)

K-Pop: Keine individualistischen Garagen-Bands

Kein Land für freie Lebensstile

Natürlich lässt sich nur spekulativ beantworten, ob Snowboarderin Chloe Kim auch in der Gesellschaft Südkoreas ihr Talent wie in den USA hätte entwickeln können. Fakt ist: Die südkoreanische Jugend wächst mit einem extrem fordernden Bildungssystem auf, das kaum Zeit zur freien Entfaltung bietet und ein strikt hierarchisches Denken implementiert. In keinem OECD-Land der Welt geben die Eltern mehr für den Nachhilfeunterricht ihrer Kinder aus. Tatsächlich musste die Regierung ein Gesetz erlassen, dass Nachhilfeinstituten untersagt, länger als zehn Uhr nachts zu öffnen. Laut aktuellen Studien schläft der durchschnittliche Oberschüler nur 5,5 Stunden und hat ein 13-stündiges Lernpensum zu tragen.

Auch wenn Südkorea mit seinem Bildungssystem regelmäßig auf den vordersten Rängen beim Pisa-Test landet, nehmen viele Jugendliche den Druck als Belastung wahr. Nicht umsonst hat Südkorea in der Altersgruppe von Teenagern und unter-30-jährigen die höchste Suizidrate der Welt. Laut einer Umfrage eines Jobportals von 2015 würden zudem sieben von zehn Befragten angeben, ernsthaft über eine Auswanderung nachzudenken.

In solch einem gesellschaftlichen Klima gibt es dementsprechend wenig Freiraum, nicht konformistische Lebensentwürfe zu verfolgen. Wenig verdeutlicht das so sehr wie die koreanische Pop-Branche ("K-Pop") : Da die Labels auf wenige Garagenbands zählen konnten, die in ihrer Freizeit in Jugendzentren erste Erfahrungen gesammelt haben, gründeten sie die Ausbildungsstrukturen von Grund auf. Die Musiktalente werden teilweise schon im Grundschulalter gecastet und in Ausbildungscenter gesteckt, wo sie in Gesang, Tanz und Medienumgang ausgebildet werden. Auch hier warten mindestens 13-Stunden-Tage auf die Jugendlichen.

Insofern hat Chloe Kim den Koreanern auch den Spiegel vorgehalten. Ein Internetnutzer auf Naver schrieb etwa über die US-Sportlerin: "Wenn du in meiner Heimat geboren worden wärst, müsstest du jetzt zu dieser Uhrzeit noch eine Runde lernen. Ich beneide euch Amerikaner."

 

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