Können wir Krise? | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 11.11.2022
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Deutschland evangelisch-katholisch

Können wir Krise?

„Zeitenwende“ - ein großes Wort, und es meint wahrlich mehr und Größeres als nur eine Kehrtwende in der Sicherheitspolitik. Es geht etwas zu Ende, was so nicht wiederkehrt. - Wohin also sich wenden in der Zeitenwende?

Da ist der verzweifelte, in den Augen vieler bereits aussichtslose Kampf, die Weltgemeinschaft zum gemeinsamen Handeln zu bewegen, um unsere Erde vor dem Klimakollaps zu retten. Die immer häufiger auftretenden Katastrophen – Dürren, Überflutungen, Waldbrände, Tornados … - scheinen immer weniger beherrschbar zu sein. Da wächst zum anderen die Einsicht, dass wir in der globalen Welt politisch, wirtschaftlich und sozial unentwirrbar miteinander verbunden sind, voneinander abhängig und aufeinander angewiesen. Der russische Krieg in der Ukraine hat unübersehbar offengelegt: All die Krisen „interagieren, verstärken sich teils gegenseitig, und sie werden so bald nicht enden“[1]. Die derzeitige Energiekrise ist da vielleicht nur ein Vorgeschmack all dessen, was uns noch bevorsteht. Dann reden wir nicht mehr nur von exorbitanten Gas- und Stromrechnungen, von explorierenden Preisen an der Tankstelle und im Supermarkt. Da drohen Firmenpleiten und Privatinsolvenzen, die Überlastung des Sozialstaats, die schleichende Entsolidarisierung in der Gesellschaft, der Gefährdung des sozialen Friedens … Doch „alles von denen zu erwarten, die uns regieren; das wäre infantil“, so Papst Franziskus. „Wir genießen einen Raum der Mitverantwortung, der es uns ermöglicht, neue Prozesse und Veränderungen einzuleiten und zu bewirken. Wir müssen aktiv Anteil haben beim Wiederaufbau und bei der Unterstützung der verwundeten Gesellschaft.“[2] Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen, was angesichts der Größe der Herausforderung allerdings auch zu größerer Ratlosigkeit führen kann. 

Wohin also sich wenden in der Zeitenwende? Die Probleme lassen sich ja nicht mit einem großen Wurf aus der Welt schaffen. Doch in der Krise sind es gerade die Zeichen menschlicher Zu-Wendung, die das Leben lebenswert machen. Da muss sich zeigen, wie krisentauglich unsere Gesellschaft ist. Wie wurde etwa in der sog. Flüchtlingskrise geklagt, die Aufnahme und Integration der Fremden sei nicht zu schaffen! Und doch haben viele Menschen einfach Menschlichkeit gezeigt, sind Gemeinden und Vereine zu Höchstleistungen aufgelaufen, um Geflüchtete aus Syrien und Irak (und jetzt wieder aus der Ukraine) bei sich aufzunehmen, Behördengänge zu begleiten, Sprachkurse einzurichten. Als uns dann die Corona-Pandemie im Lockdown gehalten hat, mit all den bedrückenden sozialen Folgen von Isolation, von psychischer und materieller Not, haben sich zugleich auch viele Menschen kreativ und konstruktiv für andere eingesetzt, zugewandt den alten, kranken, behinderten oder auch ganz jungen Menschen, solidarisch mit denen, die ihre Arbeit verloren haben oder Geschäfte schließen mussten. - Oder man erinnere sich, wie viele in der Flutkatastrophe mit Geld- oder Sachspenden geholfen haben oder spontan ins Ahrtal aufgebrochen sind, um Aufbauarbeit zu leisten … Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Sie bestärkt mich in dem Glauben: Wir können Krise, weil es Menschen gibt, die einfach tun, was sie können – weil es ihnen wichtig ist.

Doch es ist nicht zu leugnen: es gibt immer auch Herausforderungen, die über unsere Kräfte gehen; Situationen, die uns überfordern; Probleme, die nicht zu lösen sind. Was also tun? Wenn es dann lapidar heißt, da helfe nur noch Beten, klingt das ziemlich fatalistisch. Dabei meint Beten doch, sich der Wirklichkeit zu stellen, sie wahr- und anzunehmen und sich zugleich der größeren Wirklichkeit unseres Lebens zu öffnen. „Kampf und Kontemplation“, so lautete seinerzeit denn auch die Ansage an das „Konzil der Jugend“ in Taizé[3], getreu dem jesuitischen Motto: „Handle so, als ob alles von dir abhinge, in dem Wissen, dass in Wirklichkeit alles von Gott abhängt.“[4] Doch um systemische und strukturelle Probleme  lösen, braucht es den Zusammenschluss vieler, die sich einem gemeinsamen Ziel verschrieben haben. „Denn ein Einzelner kann einer bedürftigen Person helfen, aber wenn er sich mit anderen verbindet, um gesellschaftliche Prozesse zur Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit für alle ins Leben zu rufen, tritt er in ‚das Feld der umfassenderen Nächstenliebe, der politischen Nächstenliebe ein‘.“ Papst Franziskus fordert daher insbesondere die politischen und zivilgesellschaftlichen Entscheidungs- und Verantwortungsträger auf, „zu einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung zu gelangen, deren Seele die gesellschaftliche Nächstenliebe ist.“[5]

 

Wenn es darauf ankommt, hat sich noch immer gezeigt: Wir können Krise. Allerdings sollten wir als Zivilgesellschaft zusammen mit den staatlichen Organen alles tun, damit es nicht zum Äußersten kommt. Prävention ist allemal besser als Krisenintervention, Vorausschau weitsichtiger als jeder Aktionismus. Diese Einsicht könnte uns helfen, damit wir letztlich gestärkt und gereift aus jeder Krise herauskommen.

 

 

Kurzprofil

Prälat Dr. theol. Peter Klasvogt, geboren 1957, Direktor des Sozialinstituts Kommende Dortmund und der Katholischen Akademie Schwerte. Er ist Vorsitzender des Leiterkreises der Katholischen Akademien in Deutschland und Mitherausgeber der internationalen Zeitschrift für christliche Sozialethik „Amosinternational“. Für sein nationales und internationales Engagement in zahlreichen Initiativen und Vereinigungen wurde der Autor und Kolumnist mit dem Konstanzer Konzilspreis (2017) und dem Salzburger Dialogpreis (2020) ausgezeichnet.

 

[1] Bernd Ulrich: Krisen: Sieben auf einen Streich | ZEIT, Jahrgang 2022, Ausgabe: 13 (25.03.2022)

[2] Papst Franziskus: Enzyklika „Fratelli tutti. Über die Geschwisterlichkeit und die Soziale Freundschaft, 3. Oktober 2020, 77. https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html

[3] Das "Konzil der Jugend", am 30. August 1974 mit rund 40.000 Jugendlichen vom Gründer und Leiter der ökumenischen Gemeinschaft von Taize, Frere Roger eröffnet, war eine geistliche Initiative der Gemeinschaft die über mehrere Jahre lief und darauf abzielte, Lebensweisen der modernen Gesellschaft zu überdenken und zu verändern.

[4] Ignatius von Loyola zugeschrieben: BENEDIKT XVI., ANGELUS, 17.6.2012; vgl. Pedro de Ribadeneira, Vita di S. Ignazio di Loyola, Mailand 1998.

[5] FT 180