König Leopolds Erbe: Das Chaos im Kongo | Afrika | DW | 29.06.2020
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60 Jahre Unabhängigkeit

König Leopolds Erbe: Das Chaos im Kongo

Leopold II. und Belgiens Kolonialherren schufen im Kongo ein System von Ausbeutung und Gewalt, dessen Spuren sich durch 60 Jahre Unabhängigkeit ziehen. Die Bereitschaft zur Aggression hat sich vererbt, sagen Experten.

Belgien König Leopold II Denkmal in Kinshasa Archiv 2005 (picture alliance/AP Photo)

Ein Leopold-II-Denkmal in Kinshasa erinnert bis heute an die Gräuel des früheren "Freistaats"

Über 4000 Kilometer windet sich der mächtige Strom des Kongo durch die Regenwälder des zentralen Afrika. Die Lebensader der Demokratischen Republik Kongo steht für den Reichtum der üppigen Natur, der bestimmend werden sollte für die Geschicke dieses gigantischen Landes. In der Erde liegen Gold, Uran, Kupfer und Diamanten. Einst waren es vor allem das kostbare Elfenbein und Kautschuk, die das Land und seine Menschen in eine qualvolle Spirale von Gier und Gewalt stürzten.

Selbstbereicherung als Herrschaftszweck

Den Anfang von mehr als hundert Jahren Plünderei und Terror besiegelte die Berliner Kongo-Konferenz, die 1885 Belgiens König Leopold II. das kaum erschlossene Kongobecken zugestand. Der "Freistaat Kongo" diente bald dem alleinigen Zweck der Bereicherung des Monarchen. Diese Maschinerie funktionierte durch die Arbeitskraft der Kongolesen. Wer sich diesem System in den Weg stellte, musste brutale Strafen fürchten - Bilder und Berichte von abgehackten Händen zeugen davon. So blieb es, bis der Kongo am 30. Juni 1960 in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Doch auch 60 Jahre später werden - außerhalb einer kleinen Elite - viele Kinder in ein Leben in bitterer Armut geboren.

Kongogräuel im Kongo-Freistaat
(picture-alliance/dpa/Everett Collection
)

Drakonische Maßnahmen wie das Abhacken von Händen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts durch britische Ermittlungen ans Licht gebracht

Kaum waren die Schrecken der brutalen Züchtigung in Leopolds Kautschukplantagen Geschichte, errichtete Mobutu Sese Seko ein neues System der Ausbeutung, befeuert von den schier unerschöpflichen Kupfervorkommen der Katanga-Provinz. Der exzentrische Regent, der das Land 1971 in Zaire umbenannte, bereicherte sich und seine Schergen in großem Stil - auf dem Rücken der Bevölkerung. Ein Erbe der Kolonialzeit? "Die belgische Kolonialverwaltung legte alles daran, dass es zu keiner Herausbildung einer politischen und akademischen Gesellschaftsschicht kam", sagt Afrikawissenschaftlerin Gesine Ames, Koordinatorin vom Ökumenischen Netz Zentralafrika (ÖNZ), im DW-Interview. Mobutu schaffte es, sich das daraus entstandene Machtvakuum zunutze zu machen und sich mehr als dreißig Jahre selbst an der Macht zu halten.

Spirale der Gewalt

Ähnlich wie in den "Kongo-Wirren" der 1960er Jahre, vollzog sich der Machtwechsel in den 1990er Jahren über Krieg und Chaos - und auch unter Mobutus Nachfolgern blieben Gewalt und Unterdrückung ein probates Mittel zum Machterhalt. Die Konflikte gerade im Ostkongo schwelen weiter und brechen immer wieder auf, Massenvergewaltigungen und Vernichtung ziehen sich fast wie ein roter Faden durch die Geschichte des Kongo - sind sie auch ein Erbe der Kolonialherren?

Afrika Kongo Kupfergewinnung (Getty Images/P. Pettersson)

Die Minen der Katanga-Provinz hielten das System Mobutu in Gang. Heute herrschen dort andere Ausbeutungssysteme

"Die Spirale der Gewalt setzt sich in den Generationen fort, die nach der Kolonialzeit geboren wurden. Besonders in den konfliktreichen Regionen des Ostens hat die nachfolgende Generation viel Gewalt erlebt und internalisiert", sagt Ames. "Da es keine staatlichen Programme der Aufarbeitung von Gewalt und Trauma gibt, wird die gewaltsame Erfahrung weitergegeben und den Betroffenen kaum geholfen." Psychologen seien kaum präsent, fügt Ames hinzu. "Diese Art der Verarbeitung von Gewalterfahrungen ist überhaupt nicht bekannt. Dabei ist der Bedarf an psychologischer Betreuung enorm hoch."

Gewalt erzeugt Gewalt

Um die Gewaltspirale zu durchbrechen, ist der richtige Umgang mit Traumata entscheidend. Das weiß Thomas Elbert, Professor für Psychologie an der Universität Konstanz, aus seinen Studien mit Menschen, die von Krieg und Folter traumatisiert sind. "Die Forschung ist ganz eindeutig: Gewalt ruft Gewalt hervor", sagt Elbert im DW-Interview. "Wir können davon ausgehen, dass exzessive Gewalt von Kolonialmächten auch die Gewaltbereitschaft und Aggressivität in der betroffenen Bevölkerung erhöht." Es sei nicht leicht, diesen einmal in Gang gesetzten Prozess wieder zu stoppen.

Sklaverei Kindersoldaten in Demokratische Republik Kongo (picture-alliance/dpa)

Gewalterfahrungen im frühen Kindesalter sind prägend für das spätere Leben

Schlüssel in dieser Spirale seien die frühen Jahre menschlicher Entwicklung, erklärt der Psychologe, der seine Erkenntnisse auf Forschungen in verschiedenen Krisengebieten - etwa Afghanistan, Sri Lanka oder Kongo - stützt. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft starke Gewalt erfahren habe, gebe sie dem Kind andere Signale mit. Das Kind bereite sich auf Gewaltbereitschaft vor und reagiere anders auf Reize, die Aggression aussenden. So sinke die Hemmschwelle, anderen Menschen Leid zuzufügen. Anhand von Studien mit ehemaligen Kindersoldaten im Ostkongo konnte Elbert belegen, dass sich die sogenannte Epigenetik - also nicht das Erbgut selbst, aber die Aktivität der Gene - systematisch verändert, wenn Kinder massiv Gewalt ausgesetzt sind. "In dieser Form tragen sie das Erbe von Gewalt und Chaos mit sich und können es zum Teil an ihre Kinder weitergeben."

Weichenstellung zur Unabhängigkeit

Elbert geht davon aus, dass viele Faktoren zu einer hohen Gewaltbereitschaft im Kongo beitragen. So steht für ihn fest: Wenn das Gewaltmonopol eines Staates fällt und Gewalt nicht eingegrenzt wird, dann kann sie sich in Zyklen weiterverbreiten. Das sei im Kongo passiert. Dieser Teufelskreis lasse sich nur durch geeignete Psychotherapien durchbrechen. "Das geht nur, wenn man den Leuten hilft, aus ihren traumatischen Erfahrungen herauszukommen, und sie lernen, ihre Gewaltbereitschaft besser zu verstehen."

Lumumba mit Joseph Mobutu (picture-alliance/dpa/TopFoto)

Belgien bestimmte auch den Weg in die Unabhängigkeit - hier Premierminister Patrice Lumumba (rechts) 1960 mit dem damaligen Armeechef Mobutu

Ein weiterer Faktor liege gerade in dem fehlenden Übergang von der kolonialen Verwaltung in eine nicht-korrupte, friedlich orientierte Regierung, sagt der Psychologe. Die Geburtsstunde des unabhängigen Kongo ist auch für Gesine Ames vom ÖNZ entscheidend für das Verständnis der heutigen Situation. Die belgische Kolonialverwaltung habe - im eigenen Interesse - eine Politik im Land gefördert, die auf Klientelismus und Partikularinteressen aufbaute. "Daher hatte der Kongo einen enorm schwierigen Start in die Unabhängigkeit und war auch nach 1960 ein Land, das nicht wirklich unabhängig agieren konnte." Vielmehr förderte Belgien das Gegeneinander, Konflikte wurden weiterhin gewaltsam ausgetragen. Ein Mensch verkörperte damals wie kein anderer die Hoffnung auf eine friedliche, selbstbestimmte Zukunft: Patrice Lumumba bemühte sich als erster Premierminister, das Land zu vereinen. Doch die Hoffnung wurde schnell zerschlagen. Im Januar 1961 wurde Lumumba ermordet.

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