Kölner Museum gibt Maori-Schädel an Neuseeland zurück | Kultur | DW | 26.06.2018
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Kulturgut

Kölner Museum gibt Maori-Schädel an Neuseeland zurück

Seit 1908 gehörte der tätowierte Maori-Schädel zur Sammlung des völkerkundlichen Kölner Rautenstrauch-Joest-Museums. Jetzt tritt das Artefakt die Heimreise nach Neuseeland an – nach einer feierlichen Übergabezeremonie.

Ein mumifizierter und mit Tattoowierungen verzierter Kopf des Volksstammes Maori (picture-alliance/dpa/T. Kleinschmidt)

Derartig tätowierte Maori-Schädel waren im 19. Jahrhundert bei europäischen Sammlern heißbegehrt

Mit einem Federstrich besiegelte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker an diesem Dienstag die Rückgabe des Schädels an eine neuseeländische Maori-Delegation. "Sie haben uns die Möglichkeit gegeben", sagte sie, das Unrecht, das unsere Vorfahren Ihren Vorfahren angetan haben, wieder gut zu machen." Auch bat die Politikerin um Entschuldigung für die erlittenen Schmerzen und Unterdrückung, die die Kolonialpolitik im 19. Jahrhundert verursacht habe. "Aus heutiger Sicht ist dies nicht mehr nachvollziehbar", so Reker.

So kann der Maori-Schädel, der während der Zeremonie von einem schwarzen Tuch bedeckt wurde, nach über 100 Jahren in die Heimat zurückkehren. Er geht zunächst an das Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa in Wellington, um später im Stammland des Verstorben beigesetzt zu werden.

Einige Maori stimmten während der Rückgabe-Zeremonie einen ergreifenden Totengesang an. Manche bedankten sich mit Nasenküssen bei den Kölnern. Die Maori sind das indigene Volk Neuseelands, wohin sie einst aus der pazifischen Inselwelt einwanderten. Der Schädel, auch Toi Moko genannt, gehörte seit 1908 zur Sammlung des Kölner Völkerkunde-Museums. Der erste Museumsdirektor Willy Foy hatte ihn von einem englischen Händler in London gekauft, der wiederum von einem unbekannten Kaufmann.

Der Maori-Schädel liegt unter einem schwarzen Tuch. (picture-alliance/dpa/R. Vennenbernd)

1908 erwarb der damalige Museumsleiter Willy Foy den Schädel, der nun in einer feierlichen Zeremonie zurückgegeben wurde

Handel mit Maori-Schädeln eskalierte

Mit der europäischen Expansion war im 19. und 20. Jahrhundert auch das Forscherinteresse an außereuropäischen Völkern erwacht. So gelangten nicht nur ethnographische Artefakte, Ton-, Foto- und Filmaufnahmen, sondern auch Haar-, Haut- und Gewebeproben, Mumien, Skelette und Schädel weltweit in Museen und universitäre Sammlungen. "Es gab einen schwunghaften Handel mit diesen Dingen", so Kurator Oliver Lueb vom Rautenstrauch-Joest-Museum. "Im Gegenzug erhielten die Maori-Stämme europäische Waffen."

Als um 1771 der erste Toi Moko nach Europa gelangte, weckte das die Sammelleidenschaft vermögender Europäer. Traditionell präparierten Maori die Köpfe von geschätzten Verwandten, berühmten Chiefs oder auch von im Krieg getöteten Feinden. Die Schädel avancierten schnell zum wichtigen Tauschgut. Einige Maori begannen, auch Sklaven tätowieren zu lassen. Die Nachfrage nach Maori-Schädeln wuchs, vor allem in den Jahren 1811 bis 1820, rapide. Nun suchten sich Sammler sogar Tätowierungen lebender Sklaven aus und vergaben „Auftragsarbeiten". Überfälle auf tätowierte Menschen häuften sich. Erst Ralph Darling, seinerzeit Gouverneur von New South Wales und zuständig auch für Neuseeland, verbot 1831 den Handel. 

Oberbürgermeisterin Henriette Reker Hema Temara, Stammesälteste der Maori aus Neuseeland, pressen ihre Nasen zusammen. (picture-alliance/dpa/R. Vennenbernd)

Kuss auf Maori-Art: Hema Temara, Stammesälteste der Maori-Delegation und Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker

"Seit dem Ende der Kolonialzeit und mit einsetzender Globalisierung gibt es auch einen Informationsaustausch zwischen westlichen Institutionen und Vertretern der Herkunftsgesellschaften", erklärt Kurator Oliver Lueb. Immer häufiger wurden sterbliche Überreste zurückgefordert. Das führte auch in der Fachwelt zu einem Umdenken: Sogenannte "Human Remains" gelten heute nicht mehr als Objekte, sondern als verstorbene Individuen, die mit Würde zu behandeln sind. "Und ob die in einem deutschen Museum richtig aufgehoben sind", so Kurator Lueb, "ist daher umstritten."

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