Käthe Kruse: Vor 50 Jahren starb die erfolgreiche Puppenmacherin | Kultur | DW | 19.07.2018
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Deutsche Kulturgeschichte

Käthe Kruse: Vor 50 Jahren starb die erfolgreiche Puppenmacherin

Sie startete ihre Karriere als Unternehmerin in einer von Männer dominierten Welt und schuf die berühmteste Kinderpuppe der Welt. Bis heute werden Käthe-Kruse-Puppen rund um den Globus geliebt und begehrt.

Käthe-Kruse-Puppen gehören zu den berühmtesten Puppen auf der ganzen Welt. Seit 1911 sind sie mit Qualitätssiegel auf dem Spielzeugmarkt. Ein echter Exportschlager, made in Germany. Ausländische Touristen geben viel Geld aus für eine "echte" Käthe Kruse. Und die hat mittlerweile ihren Preis.

Dieser weltweite Erfolg war ihrer "Mutter", Käthe Kruse, keineswegs in die Wiege gelegt: Am 17. September 1883 erblickt die kleine Käthe in Dambrau bei Breslau das Licht der Welt. Katharina Johanna Gertrud Simon, wie Kruse damals heißt, ist alles andere als begeistert von Puppen und all dem niedlichen Spielzeug für Mädchen, weiß man im Käthe-Kruse-Museum im schwäbischen Donauwörth. Dort hat das Unternehmen Käthe Kruse heute seinen Sitz.

Arme Jugend - große Liebe

Käthe Kruse (picture-alliance/ dpa)

Käthe, wie das Mädchen genannt wird, wächst als uneheliches Kind einer Näherin in ärmlichen Verhältnissen auf. Dennoch sorgt ihre alleinstehende Mutter für eine solide schulische Bildung, die Käthe den Sprung ins höhere Bildungsbürgertum ermöglicht.

Fasziniert vom Theater spricht sie mit 16 Jahren beim Breslauer Stadttheater vor, wird mit 17 ans Berliner Lessing-Theater vermittelt und rasch als talentierte Schauspielerin bekannt.

In Berlin lernt sie so manche Berühmtheit des hauptstädtischen Kulturbetriebs kennen. Besonders angetan ist die junge Käthe vom berühmten, 30 Jahre älteren Bildhauer Max Kruse, den sie 1902 kennenlernt. Von ihm bekommt sie im gleichen Jahr ein Kind.

Ein Skandal, aber Käthe hat ihren eigenen Willen, schert sich nicht um die Konventionen jener Zeit. Erst 1909 heiraten die beiden. Acht Kinder bringt Käthe Kruse zwischen 1902 und 1921 zur Welt.

Wichtige Weichenstellung

Käthe Kruse Puppenmuseum in Bad Kösen (picture-alliance/W.Grubitzsch)

Bei frühen Puppentypen ist das Haar noch aufgemalt

Maria, das älteste der Kruse-Kinder leitet eine folgenreiche Wende in Käthes Leben ein. Während Mutter und Kinder in Ascona in der italienischen Schweiz leben, bekommt Vater Max den Auftrag, dem Kind einen sehnlichen Wunsch zu erfüllen: Er soll Maria in Berlin eine Puppe kaufen.

Doch der Vater - so erzählt die Familiengeschichte - entgegnet barsch: "Ick koof euch keene Puppen. Ick find se scheißlich. Macht euch selber welche." Käthe nimmt ihn beim Wort und bastelt 1905 eine erste, noch schlichte Puppe. Sie nimmt ein Handtuch, füllt es in der Mitte mit Sand und macht an den Ecken Knoten für Arme und Beine. Aus einer umwickelten Kartoffel wird der Kopf.

Kruse-Puppen werden zur Marke

Einmal auf den Geschmack gekommen, professionalisiert Käthe Kruse diese Form kreativer Handarbeit. Private Heimarbeit reicht nicht mehr, um alle Aufträge zu erfüllen. 1911 gründet sie eine kleine Manufaktur in Berlin. Motto: "Die Hand geht dem Herzen nach. Nur die Hand kann erzeugen, was durch die Hand wieder zum Herzen geht."

Schon ein Jahr später gibt es Großbestellungen - auch aus Übersee. Kruse zieht mit ihren Kindern nach Bad Kösen, heute Sachsen-Anhalt. Sie mietet eine Wohnung und eine größere Werkstatt, in der bald mehr als 100 Menschen arbeiten. Aus der Puppen bastelnden Mutter wird eine sehr erfolgreiche Unternehmerin, die es hervorragend versteht, ihre Produkte selbst zu vermarkten.

Käthe Kruse, Schaufensterpuppe (picture-alliance)

Die Puppenmacherin in den 1930er Jahren

Die verschiedene Puppen-Modelle bekommen Namen. Im Angebot sind Puppenkleidung, Puppenmöbel und Bastelbögen. In einem Katalog werden eigens kleine Szenen mit den Puppen arrangiert.

Der Durchbruch kommt 1923. In einem Prozess vor dem Leipziger Reichsgericht erkämpft sich Käthe Kruse das Urheber- bzw. Markenrecht für ihre Puppenmodelle. Der US-amerikanische Spielzeugkonzern Bing hatte die Kruse-Puppen bereits in Massen kopiert.

Krisenzeiten für die Puppenproduktion

Auf die wirtschaftliche und politische Krisenzeit Ende der 1920er Jahre reagiert die unpolitische Unternehmerin Kruse pragmatisch, flexibel und mit neuen Ideen. Nach Ausbruch des 2. Weltkriegs produziert sie während der Nazi-Zeit blonde "deutsche" Puppen mit Zöpfen und Soldatenfiguren in grauen Uniformen, angezogen als SA-Mann oder Hitlerjunge. Andererseits wehrt sich die Chefin Käthe Kruse dagegen, halbjüdische Angestellte zu entlassen. Zu emigrierten jüdischen Freunden hält sie weiter brieflich Kontakt.

Harte Schicksalsschläge treffen sie: Zwei ihrer Söhne kommen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu Tode, 1942 stirbt ihr Mann Max. Dass die Materialien für die Herstellung der Puppen in dieser Zeit kaum noch zu bekommen sind, ist dagegen unwichtig. Das Auslandsgeschäft kommt zum Erliegen.

Käthe Kruse Puppenmuseum in Bad Kösen (picture-alliance/W.Grubitzsch)

Puppen aus den 1950er Jahren im Käthe Kruse Puppenmuseum in Bad Kösen

Unter den neuen kommunistischen Machthabern in der DDR wird der Kösener Betrieb 1950 enteignet und das Unternehmen in der Folge in einen Volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt. Kruse zieht daraufhin 1954 nach Westdeutschland, in die schwäbische Kleinstadt Donauwörth. Dort hatten bereits 1945 zwei ihrer Söhne eine neue Werkstatt gegründet. Einer davon, Max Kruse (1921-2015), ist der Autor des Kinderbuch-Klassikers "Urmel aus dem Eis".

Neue Heimat - alte Erfolge

Auch den Hauptsitz ihrer Manufaktur verlagert Käthe Kruse nach Donauwörth. 1956 wird sie als berühmte Puppenmacherin mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet. Als sie am 19.Juli 1968 im Alter von 84 Jahren in der bayerischen Gemeinde Murnau stirbt, ist sie weltbekannt. Ihre kleinen Geschöpfe sind in zahllosen Kinderzimmern und in die Herzen überall auf dem Globus eingezogen. 

Eine Mitarbeiterin von Käthe Kruse bemalt eine Puppe (picture-alliance/dpa/D.Karmann)

Auch heute gibt es noch die traditionelle Handarbeit

Ein halbes Jahrhundert später ist die Käthe Kruse GmbH nach wie vor bedeutend. Seit 2013 Teil der schweizerischen Hape Holding AG, erzielt sie pro Jahr rund vier Millionen Euro Umsatz. Ihre 38 Mitarbeiter reparieren jährlich etwa 2.500 alte Puppen und produzieren gut 78.000 neue. Manche Modelle erzielen bei Sammlern sagenhafte Preise.

Die Bandbreite an Variationen ist groß, wohl ganz im Sinne ihrer Schöpferin. Jungs und Mädels, Prinzessinnen, Engel und sogar Esel. In jedem Fall aber ohne bewegliche Klimperaugen und Gelenke, sondern mit einem Körper aus Stoff, der sich warm und weich anfühlt, und mit kämmbaren Haaren. Und eben mit jenem unwiderstehlichen Gesichtsausdruck, der jedes Eis zum Schmelzen bringt und Herzen öffnet.

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