Kältemittel entflammt Streit in der EU | Wissen & Umwelt | DW | 23.01.2014
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Kältemittel entflammt Streit in der EU

Die EU-Kommission leitet ein Verfahren gegen Deutschland ein. Weil Daimler in den Klimaanlagen seiner Autos ein verbotenes Kältemittel benutzt. Die Begründung des Autobauers: Die Alternative sei zu gefährlich.

Klimaanlage im Auto Foto: Željko Radojko - Fotolia

Die EU verbietet klimaschädliche Kältemittel in Autoklimaanlagen.

Brüssel ist sauer auf Deutschland. Wegen Verletzung europäischen Rechts und des Verstoßes gegen EU-Klimaschutzauflagen. Denn das klimaschädliche Kältemittel R134a ist in neuen Fahrzeugtypen in der EU inzwischen verboten. Der Stuttgarter Autobauer Daimler setzt es dennoch ein.

Eine EU-Richtlinie verbietet Klimaanlagen, die Kältemittel mit einem Treibhauspotenzial von über 150 verwenden. Das Treibhauspotenzial misst, wie viel ein Stoff im Verhältnis zu Kohlendioxid zum Treibhauseffekt beiträgt. In die Berechnung dieses Werts fließen ein, wie stark ein Gas die Wärmestrahlung der Erde absorbieren kann und wie lange es in der Atmosphäre verweilt.

Bisher benutzten alle Autoklimaanlagen das Kältemittel R134a. Aber es hat ein Erderwärmungspotenzial von 1430. Daher muss es weichen. Das Verbot gilt für alle neuen Fahrzeugtypen ab dem 1. Januar 2011 und für alle Neufahrzeuge ab dem 1. Januar 2017.

Die von der EU beschlossene Alternative ist eine Chemikalie namens R1234yf. Sie unterscheidet sich chemisch nur wenig von dem alten Mittel, hat aber nur ein Treibhauspotenzial von 4,4.

Brandgefahr

Allerdings hat das neue Mittel einen Schwachpunkt: Es ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger hochentzündlich. Und wenn die Verbindung einmal brennt, entsteht Flusssäure - eine äußerst ätzende und giftige Substanz.

Viele Organisationen, darunter das Umweltbundesamt, hatten schon im Jahr 2010 vor dem neuen Kältemittel gewarnt. Die Befürchtung der Kritiker: Wenn bei einem Unfall eine Leitung des Kältemittelkreislaufs abreißt, gelangt das Kältemittel auf heiße Motorteile - dabei könnte es sich zur gefährlichen Flusssäure zersetzen.

Die Stuttgarter Autobauer halten nach eigenen Angaben die Gefahr für zu groß und bleiben daher beim altbewährten R134a. Wenn dieses brennt, entsteht zwar auch Flusssäure - aber R134a ist weniger entzündlich als R1234yf. Daher ist die Gefahr, dass es überhaupt zu einer Zersetzung kommt, viel geringer.

Daimler AG Werk in Sindelfingen Foto: Thomas Niedermueller/Getty Images

Daimler baut seine neuen Mercedes mit Klimaanlagen, die das verbotene Kühlmittel verwenden.

"Sicher und sofort einsetzbar"

Die Konzerne Dupont und Honeywell produzieren R1234yf in einer gemeinsamen Anlage in China.

"Das neue und umweltfreundliche Kältemittel ist problemlos sofort einsetzbar", wirbt Honeywell. Der Konzern hat eine Webseite eingerichtet, die alle Vorteile der Chemikalie mit dem Handelsnamen Solstice yf darlegt. Dort steht, der Verband der Automobilingenieure SAE International habe das Kältemittel in einer mehrjährigen Studie eingehend getestet. Das neue Mittel sei sicher. Der gleichen Meinung sind auch der Deutsche Feuerwehrverband und der Technische Überwachungsverein (TÜV).

Auch die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung hält die Brand- und Explosionsgefahr für niedrig - vor allem im Vergleich zu Treibstoffen und anderen Materialien, die am und im Auto gängig seien. Die Bundesanstalt hat die Verbindung im Auftrag des Umweltbundesamtes getestet. Allerdings: "Kritisch ist die Bildung gefährlicher Mengen Flusssäure, wenn das Kältemittel Entzündungswellen wie Flammen oder heißen Oberflächen ausgesetzt ist", heißt es im Testbericht.

Daimler will Kohlendioxid als Kühlmittel

R1234yf-Kritiker wie das Umweltbundesamt plädieren für Kohlendioxid als neues Kühlmittel in Autoklimaanlagen. Es ist nicht brennbar und sein Treibhauspotenzial liegt definitionsgemäß noch geringer, nämlich bei 1. Außerdem ist es ein Abfallprodukt der Industrie und muss nur noch gereinigt werden.

Doch die Sache hat einen Haken: Kohlendioxid ist kein schlichter 1:1-Ersatz. Während R1234yf sich ohne weiteres in den bisher verwendeten Klimaanlagen einsetzen lässt, müssen Klimaanlagen mit Kohlendioxid zunächst umgerüstet werden.

Daimler will eine Klimaanlage mit Kohlendioxid als Kältemittel entwickeln und in Zukunft in seinen Fahrzeugen einsetzen. Aber diese Entwicklung dauert seine Zeit.

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