Junge Iraner sehen keine Zukunft in ihrer Heimat | Asien | DW | 21.06.2019
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Asien

Junge Iraner sehen keine Zukunft in ihrer Heimat

Angesichts der wachsenden Spannungen mit den USA macht sich im Iran Perspektivlosigkeit und Frustration breit. Vor allem jüngere, gut ausgebildete Iraner überlegen vermehrt, das Land zu verlassen.

Javad lernt fleißig Deutsch. Er will auswandern. "Ich habe Marketing studiert und habe ein paar Jahre Berufserfahrung. Unsere Wirtschaft liegt aber nun am Boden. Viele Unternehmen sind pleite gegangen. Die Situation wird jeden Tag schlimmer", klagt der 28-jährige im Mail-Austausch mit der DW.

Angst und Hoffnungslosigkeit liegen wie ein Schatten über dem Land. Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran nehmen seit einem Jahr deutlich zu. Nach Anschlägen auf zwei Öltanker im Golf von Oman am 13. Juni 2019 beschuldigen die USA den Iran, hinter den Anschlägen zu stecken. Die US-Regierung legte Videos als Beweise vor, deren Echtheit sich allerdings nicht überprüfen lässt. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte zur Haltung der US-Regierung am Dienstag in Berlin: "Wir nehmen diese Ausführungen natürlich sehr ernst und es gibt auch hohe Evidenzen." Trotzdem seien Verhandlungen der richtige Weg.

Iranischer Rial und US Dollar (picture-alliance/dpa/U. Baumgarten)

Irans Wirtschaft in der Krise

Atomabkommen

Seit langem werfen die USA dem Iran vor, Terrorismus in der Region zu fördern und für Instabilität zu sorgen. Vor gut einem Jahr hatten die USA dann unter der Führung von Präsident Donald Trump ein jahrelang ausgehandeltes Atomabkommen einseitig aufgekündigt. Das Atomabkommen (genaue Bezeichnung: Joint Comprehensive Plan of Action) sah unter anderem vor, dass der Iran seine Urananreicherung einschränkt, sein waffenfähiges Plutonium exportiert und regelmäßige Kontrollen durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) zulässt. Im Gegenzug wurde dem Iran Aufhebung der auf das Atomprogramm bezogenen Sanktionen und Unterstützung bei der wirtschaftlichen Entwicklung zugesagt.

Obwohl, wie von der IAEA mehrfach bestätigt, der Iran seine Seite des Deals erfüllt hat, kündigten die USA den Deal auf und begannen mit einer "Kampagne maximalen Drucks". Dazu gehörten vor allem umfassende Wirtschaftssanktionen. Die Europäische Union versuchte, den durch die USA aufgebauten Druck mit Maßnahmen zu Umgehung der Sanktion abzumildern, scheiterte damit aber.

Druck belastet die Jugend

"Unser Land steckt in einer Sackgasse und ich glaube nicht, dass wir aus der Misere herauskommen können", sagt Javad. Er ist im Nordiran aufgewachsen. Seine Familie besitzt dort Reisfelder und lebt als Bauern. Javad aber wollte ein anderes Leben und ist in die Hauptstadt gezogen. "Ich musste hart arbeiten, um in Teheran Fuß fassen zu können. Unser Land ist zentralistisch organisiert und Teheran ist das Herz des Landes. Nur hier hat man die Chance auf ein anderes Leben. Aber nun denken viele wie ich und wollen auswandern."    

Tatsächlich würden knapp ein Drittel der Iraner lieber in einem anderen Land leben – das gibt sogar der Kulturbeauftragte der Stadt Teheran zu. Mohammadreza Javadi Yeganeh schrieb dazu auf Twitter: "Laut einer Studie möchten 29,8 Prozent der Bevölkerung wegen der gesellschaftlichen, kulturellen und moralischen Situation des Lands in einem anderen Land wohnen. Es ist traurig. Noch trauriger: Das ist das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2016, als es uns besser ging."

Iran, Protest in Isfahan gegen Arbeitslosigkeit und Inflation (YGC)

(Archiv) Protest gegen Arbeitslosigkeit und Inflation in Isfahan

Hohe Auswanderungsraten

Der Iran gehört seit der islamischen Revolution von 1979 zu den Ländern mit hohen Auswanderungsraten von Akademikern, Intellektuellen und Wissenschaftlern. Offizielle Statistiken dazu gibt es nicht, aber im Mai 2012 veröffentlichte die iranische Tageszeitung "Sharq" die Ergebnisse einer Studie, bei der es um die Auswanderung ausgezeichneter Schüler und Studenten ging. Als Referenz wählten sie dabei verschiedene jährlich stattfindende Internationale Schülerwettbewerbe wie beispielsweise die JuniorScienceOlympiade (ISJO), oder die Internationale Mathematik-Olympiade (IMO) aus. Zwar hat der Iran nicht jedes Jahr eine Delegation geschickt, aber wenn, dann konnten die Teilnehmer im internationalen Wettbewerb durchaus mithalten.

Entsprechend der Studie sind 70 Prozent aller Medaillengewinner in Physik, 77 Prozent der Gewinner in Mathe und je 50 Prozent der Besten in Chemie und Informationstechnologie kurz nach Abschluss ihrer Ausbildung ausgewandert. Wie das US-Außenministerium unter Berufung auf Zahlen aus dem Iran berichtete,verlässt jeder vierte gut ausgebildete Iraner sein Land, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Gründe seien die Hoffnung auf mehr soziale und religiöse Freiheiten und bessere Aussichten auf eine gute Beschäftigung.

Iran Imam Flughafen in Teheran (toluetalaie)

Flughafen in Teheran

Mit den Kräften am Ende

"Schlechte Nachrichten überfluten uns täglich. Jeden Tag werden wir mit Ereignissen konfrontiert, die unser Leben auf den Kopf stellen, die wir aber nicht beeinflussen können", bringt Farzane Ebrahimzadeh die Sorge vieler Iraner auf den Punkt, denen die Kontrolle über ihr Leben entgleitet. Die freie Journalistin forscht über die zeitgenössische Geschichte Teherans. Mehr als 30.000 User folgen ihren Projekten in sozialen Netzwerken wie Twitter. Dabei geht es zum Beispiel um den unermüdlichen Kampf der Frauen für Gleichberechtigung und ein besseres Leben.
Ebrahimzadeh selbst aber ist nun müde und resigniert. Im Gespräch mit der DW bestätigt sie, dass es vielen ihrer Landsleute so geht. "Meine Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Iran liegt fast bei null. Letztes Jahr konnte ich mindestens eine Woche für mein Leben planen. Nun plane ich höchsten für die nächste Stunde."

Es gibt keinerlei Anzeichen, dass sich die Lage im Iran in absehbarer Zeit bessern könnte. Im Gegenteil: Die iranische Regierung hat den verbliebenen Vertragspartnern des Atomabkommens ein Ultimatum gestellt. Der Iran wird demnach endgültig am 7. Juli 2019 aus dem Abkommen aussteigen, wenn das Land nicht endlich die in Aussicht gestellten wirtschaftlichen Vorurteile erhält.

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