Joseph Roth: ″Hiob″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 06.10.2018
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100 gute Bücher

Joseph Roth: "Hiob"

In diesem Roman wird kein Schicksalsschlag ausgelassen – Wahn, Krankheit, Verlust von Heimat. Wie kann der Allmächtige das alles nur zulassen? Die Gottestreue eines gläubigen Juden wird auf eine harte Probe gestellt.

"Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregenden Erfolg. (...) Sein Leben rann dahin wie ein armer Bach zwischen kärglichen Ufern. Jeden Morgen dankte Mendel Gott für den Schlaf, für das Erwachen und den anbrechenden Tag."

Wo ist Gottes Gnade?

Joseph Roths Roman beginnt wie ein einfaches Märchen. Doch strahlende Helden und eine bonbonfarbene Fantasiewelt sucht man darin vergeblich. Die Geschichte des Thora-Lehrers Mendel Singer, der um die Jahrhundertwende in einem kleinen jüdischen Schtetl lebt, führt immer weiter hinein in die Katastrophe. Wie Hiob aus dem Alten Testament wird auch Mendels Gottestreue mit schweren Leiden geprüft. 

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"Hiob" von Joseph Roth

Das jüngste seiner vier Kinder leidet an Epilepsie, wird von den Geschwistern gequält. Die Söhne rebellieren, die Tochter tritt die strengen religiösen Regeln mit den Füßen, beginnt unzählige Affären. Schließlich wandern die Mendels in die USA aus, verlieren ihre Kinder im Krieg und an den Wahnsinn.

"Amerika drang auf ihn ein, Amerika zerbrach ihn, Amerika zerschmetterte ihn."

Am Ende hadert selbst der religiöse Mendel mit dem Glauben. Wo ist die Barmherzigkeit Gottes? Er beginnt an allem zu zweifeln, was sein Leben bis dahin bestimmt hat. 

"Ich habe keine Angst vor der Hölle. (...) Alle Qualen der Hölle habe ich schon gelitten. Gütiger als Gott ist der Teufel. Da er nicht so mächtig ist, kann er nicht so grausam sein."

Flucht vor dem Leben

Das Wiedersehen am Ende mit dem verloren geglaubten Lieblingssohn kommt viel zu unverhofft, um es als echtes Happy End zu verstehen. War es vielleicht die leise Hoffnung Joseph Roths, wenigstens in der Literatur das Gute siegen zu lassen? Als er 1930, zwischen den zwei Weltkriegen, "Hiob" veröffentlichte, war er selbst am Tiefpunkt seines Lebens. 

Seine Frau Friederike litt an Schizophrenie. Eine Odyssee durch unzählige geschlossene Anstalten begann. Schuldgefühle plagten ihn. Kurz nach Hitlers Machtergreifung geht Joseph Roth, der Jude, ins Exil. Seine Frau lässt er schweren Herzens zurück. Sie wird später im Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten umkommen.  

Emigranten kommen auf Ellis Island an circa 1900 (picture alliance/united archives)

Wie Hunderttausende suchen auch die Singers im Roman eine neue Heimat in Amerika.

Es ist nicht nur eine Flucht vor der politischen Barbarei, sondern auch vor sich selber. Joseph Roth, geboren am östlichsten Rand der Donaumonarchie, nahe der russischen Grenze, lebt ein Leben zwischen Extremen. Aus dem armen Nobody aus der galizischen Provinz wird zeitweilig einer der schillerndsten Journalisten der Weimarer Republik. Bis er mit gerade mal 44 Jahren als Alkoholiker in einem Pariser Armenhospital stirbt. 

Zwischen Trunkenheit und Größenwahn

"Ich kenne, glaube ich, die Welt nur, wenn ich schreibe, und wenn ich die Feder weglege, bin ich verloren", gestand Roth 1936 seinem Freund Stefan Zweig. Vielleicht wirft er sich deswegen so exzessiv in die Arbeit. 16 Romane, darunter Meisterwerke wie "Hiob" und "Radetzkymarsch", unzählige Erzählungen packt er in nur zwanzig Schaffensjahre. Seine Lebensuhr scheint schneller zu gehen als die der Anderen. 

Dabei war dieser Mann, dessen Literatur von seinen Anhängern bis heute kultisch verehrt wird, ein Chamäleon – schwer greifbar, merkwürdig konturlos. Es gab kaum eine politische Äußerung von ihm, die er nicht irgendwann in ihr Gegenteil verkehrt hätte. Er bewunderte die Donaumonarchie, arbeitete aber auch für linksliberale Blätter. Als er "Hiob" schrieb, galt er engen Freunden als strenggläubiger Jude. Anderen erzählte er, er sei zum Katholizismus konvertiert. Bei seiner Beerdigung stritten Juden und Christen darum, nach welchem Ritus Roth bestattet werden sollte. Er blieb ein Zerrissener – bis zuletzt. 

 

Joseph Roth: Hiob (1930), dtv Verlag

Der österreichische Dichter und Publizisten Joseph Roth war ein Wanderer zwischen den Welten. Er wurde 1894 im galizischen Brody bei Lemberg (Lwiw) geboren und starb 1939 im Pariser Exil an den Folgen seiner schweren Alkoholsucht.

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