Jaafar, shu fi? Gehört Mesut Özil noch zu Deutschland? | Kommentare | DW | 23.07.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kolumne

Jaafar, shu fi? Gehört Mesut Özil noch zu Deutschland?

Natürlich gehört Mesut Özil zu Deutschland. Aber er fühlt es anscheinend nicht. Die Debatte um Mesut Özil wirft einen alarmierenden Blick auf den Stand der Integration in Deutschland, meint Jaafar Abdul-Karim.

"Wenn wir gewinnen, bin ich Deutscher, und wenn wir verlieren, bin ich der Migrant!” Dieser Satz hat mich stundenlang beschäftigt! Egal was man von Özil und seinen Erdogan-Fotos hält: Dieser Satz von einem deutschen Nationalspieler und Fußballweltmeister im Jahr 2018 ist ein Armutszeugnis für unser Land! 

Ich habe gestern mit vielen Menschen über diesen Özil-Satz gesprochen. Menschen wie Özil, Deutsche mit Migrationshintergrund. Sie kommen aus der Türkei oder aus arabischen Ländern. Aber sie leben hier, sie arbeiten hier, sie gehören hierhin. Sie empfinden Liebe für dieses Land und seine Leute. Doch oft sind sie nicht gut genug für "die Deutschen", oder zumindest empfinden sie so. Ihre Loyalität steht ständig auf dem Prüfstand, ihre Zugehörigkeit wird ständig hinterfragt. Denn ihr Herz schlägt nicht nur für Deutschland, sondern eben auch für das Land ihrer Eltern und Großeltern. In Deutschland sind sie die ewigen "Ausländer", in der Heimat ihrer Eltern sind sie die ewigen "Deutschen". 

Deutsche zweiter Klasse!

Diese Menschen fühlen sich durch Mesut Özils Worte vertreten. Sie verstehen ganz genau, was er meint. Sie haben es selber schon erlebt. "Er hat uns aus dem Herzen gesprochen", sagen mir einige. Und offenbaren noch mehr. Eine kopftuchtragende, integrierte arbeitende Mutter muss sich wegen des Kopftuchs immer wieder erklären. Ihre Tochter muss sich in der Schule wegen des Erscheinungsbildes ihrer Mutter immer wieder rechtfertigen und sich Fragen gefallen lassen wie: "Musst Du denn bald die Schule verlassen, um zu heiraten?"

Deutschland Arbeitsvermittlung für Flüchtlinge (picture-alliance/dpa/B. Wüstneck)

In Deutschland "Ausländer", in der Heimat der Eltern "die Deutschen": Menschen mit Migrationshintergrund sitzen oft zwischen den Stühlen

Bist du Uni-Absolvent mit ausländischen Wurzeln, findest du schwerer einen Job als deine deutschen Kommilitonen, auch wenn dein Abschluss besser ist. Solltest Du Mehmet oder Abdul heißen, dann musst du teils Monate länger darauf warten, eine Wohnung zu finden als deine deutschen Mitbewerber. Lässt Du Dir als Araber einen Hipster-Bart wachsen, giltst du plötzlich als Salafist. Wenn Du in einer Gruppe bist, in der die Mehrheit Deutsche sind, vertrittst Du in den Augen der anderen oft das Land deiner Eltern und bist nicht "deutsch genug", um dazu zu gehören. Ein Journalistenkollege berichtete vor Monaten von einer AfD-Demo und wurde daraufhin gefragt, wie es sein könne, dass ein deutscher Sender Ausländer beschäftigt. 

Das ist die Realität vieler Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Dass es auch Integrationsverweigerer gibt, ist mir klar, aber was ist mit denen, die sich hier integrieren wollen oder gar integriert haben!? Theo Zwanziger, der ehemalige DFB-Präsident, meldete sich kurz nach Özils Rücktrittserklärung zu Wort: "Durch Fehler der Kommunikation ist etwas passiert, das bei Migranten nie passieren darf: Sie dürfen sich nie als Deutsche zweiter Klasse fühlen!", sagte er. Aber genau so fühlen sie sich.

Vorbild für viele Migrantenkinder

Deutschland sollte diesen Satz sehr ernst nehmen. Es ist ein Weckruf für uns alle, wenn ein großer Nationalspieler sich aufgrund von Rassismus in Deutschland nicht mehr wohlfühlt. Er, der für die deutsche Nationalmannschaft gespielt hat, der zum WM-Sieg in 2014 beigetragen hat und deutscher Fußballbotschafter 2015 war. Für viele Menschen ist er der Inbegriff der "Integration" in Deutschland. Ich habe nie gedacht, dass gerade er sich einmal so fühlen könnte. Was sollen denn die "durchschnittlichen" Deutschen mit Migrationshintergrund denken? Wie sollen diejenigen sich fühlen, die nicht so eine starke Stimme haben und auf die nicht so gehört wird wie auf Mesut Özil?

Mesut Özil (picture-alliance/Photoshot)

Erhebt schwere Vorwürfe gegen den DFB und die Medien: Mesut Özil

Bundesjustizministerin Katarina Barley schreibt: "Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt!" Genau so ist es. Viele junge Migranten fragen sich jetzt wahrscheinlich, wie sie es jemals schaffen sollten, wenn nicht einmal Mesut Özil es schafft. Wie sollen kleine Kinder an sich und an dieses Land glauben! Er war ein Hoffnungsträger für viele junge Migranten.

Auch Özil hat Fehler gemacht

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es noch andere Deutsche mit Migrationshintergrund gibt, die nicht daran denken, aus gefühltem Rassismus aus der Nationalmannschaft zurückzutreten. Die ganze Debatte um Özil hängt mit seinem Bild mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und den Reaktionen darauf zusammen. Und auch das soll und muss diskutiert werden! Die eine Debatte schließt die andere nämlich nicht aus. 

Die Kritik am Erdogan-Foto ist berechtigt. Wer so gut reflektieren kann wie Özil, hätte auch bei Erdogan kritische Worte finden sollen. NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler, die selbst türkische Wurzeln hat, sagte: "Man kann ja auch bei uns kritisch gegenüber der Bundesregierung sein und Deutschland trotzdem lieben." Es mag sein, dass Mesut Özil beim Treffen mit dem türkischen Präsidenten keine politischen Absichten verfolgte. Aber zumindest von Erdogans Seite war es ein guter Wahlauftritt. Und Mesut Özil muss klar sein, welchen Einfluss er als Fußballstar hat. Wenn Özil sich nicht kritisch äußern will, dürfen wir dies selbstverständlich kritisieren, müssen aber letztendlich seine Entscheidung respektieren.

Erdogan mit Özil (picture-alliance/dpa/Uncredited/Presdential Press Service)

Das Foto, das die ganze Debatte ins Rollen brachte: Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan

Man muss tolerieren können, dass jemand, den man als Vorbild hat, eine andere Haltung und Meinung besitzt als man selbst. Trotzdem bleibt er ein guter Fußballer. Ich muss nicht mit jemandem gleicher Meinung sein, um seine Leistung oder seinen Wert anzuerkennen. Genau das bedeutet doch Akzeptanz, Toleranz und "leben und leben lassen". Nur weil er eine andere Meinung besitzt, kann man Özil nicht vorwerfen, nicht "deutsch" genug zu sein. Nur weil er ein Deutscher mit Migrationshintergrund ist, heißt das nicht, dass seine Loyalität gegenüber der deutschen Mannschaft jederzeit hinterfragt werden darf. Meinungsfreiheit und Toleranz sind im Grundgesetz verankert und müssen auch einem Fußballspieler gewährt werden. Özils Schilderungen zufolge scheint aber insbesondere DFB-Präsident Reinhard Grindel dies anders zu sehen. Welche Sprengkraft haben diese Vorwürfe wohl für Deutschland? Nicht zu vergessen, dass auch Erdogan selbst dieses Statement bestimmt für seine Zwecke instrumentalisieren wird.

WIR müssen reden!

Wir brauchen dringend eine Diskussion über Alltags-Rassismus in unserem Land. Wir, dass sind Menschen, die hier leben - egal welcher Religion und Herkunft. Wir bilden alle zusammen die deutsche Gesellschaft. Özil schreibt, Deutschland sei "nicht offen für neue Kulturen". So weit darf es nicht kommen. Ich sehe den gesamten Vorfall als eine Chance, jetzt ehrlich und offen über Integration zu diskutieren und nicht aufzugeben. Keiner darf sich zum Opfer machen. Wegrennen und aufgeben hat noch nie geholfen!

Jaafar Abdul Karim, 36, ist Redaktionsleiter und Moderator der arabischsprachigen Jugendsendung "ShababTalk" der Deutschen Welle. Das Format erreicht mit seinen gesellschaftskritischen Themen ein Millionenpublikum in Nordafrika, Nahost und der Golfregion. Geboren wurde Jaafar Abdul Karim in Liberia, seine Eltern stammen aus dem Libanon. Dort sowie in der Schweiz wuchs er auf, studiert hat er in Dresden, Lyon, London und Berlin, wo er heute lebt. Seine Kolumne heißt "Jaafar, shu fi?", arabisch für: "Jaafar, was geht?"