″Ja, ich will!″ - Erste gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland | Deutschland | DW | 01.10.2017
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Ehe für alle

"Ja, ich will!" - Erste gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland

Nur für sie hat das Rathaus Schöneberg in Berlin am Sonntag geöffnet: Die ersten schwulen Eheleute. Bis das entsprechende Gesetz in Kraft trat, war es ein langer Kampf. Die Neuvermählten waren von Anfang an dabei.

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My picture of the week | "Ehe für alle" – Merkels Gewissensentscheidung

"Bitte erheben Sie sich von Ihren Plätzen!" Die Anwesenden stehen auf, auch der Mann mit der Fliege in Regenbogenfarben. Der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn erklingt. Bodo Mende und Karl Kreile betreten den Goldenen Saal im Rathaus Schöneberg. Beide im schwarzen Anzug, mit rosafarbener und violetter Krawatte. Bodo Mende mit kurzem grauen Haar und schelmischen Augen, Karl Kreile mit einem beständigen Lächeln im perfekt geformten Bart. Sie schreiten nach vorn, halten sich locker an den Händen, lächeln ins Publikum und in die Kameras. Von denen stehen hier im Standesamt fast mehr als Hochzeitsgäste. 

Der Goldene Saal hat schon viele Hochzeiten gesehen, doch noch keine wie diese: Der 60-jährige Bodo Mende und der ein Jahr jüngere Karl Kreile sind das erste gleichgeschlechtliche Paar in Deutschland, das heiratet. Vor dem Gesetz wird es den traditionellen Mann-Frau-Ehen vollkommen gleichgestellt sein.

Karl Kreile ist aufgeregt: "Ich habe nicht besonders gut geschlafen. Aber sehr glücklich. Nach so langer Zeit können wir endlich wirklich heiraten." Die beiden sind seit 38 Jahren ein Paar.

Aus der Provinz in die Großstadt

Karl Kreile, Finanzbeamter, und Bodo Mende, Beamter im Verwaltungsdienst, stammen beide nicht aus Berlin. Sie kamen in die Großstadt, nach Westberlin, weil es hier eine große Schwulen- und Lesbenszene gab. Bei der Geburtstagsparty eines schwulen Aktivisten kamen sich die beiden näher. Liebe auf den ersten Blick? "Sympathie auf den ersten Blick", sagt Bodo Mende, "und dann ist es immer tiefer geworden."

So selbstverständlich wie heute war Homosexualität in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren selbst in Berlin noch nicht. Was sollten sie auf der Arbeit sagen? Sollten sie auf der Straße Händchen halten? Aber Studenten- und Frauenbewegung hatten eine Aufbruchsstimmung mit sich gebracht, die den beiden das Gefühl gab, sie könnten etwas verändern.

"Natürlich dachten wir am Anfang nicht ans Heiraten", fängt der eine Bräutigam an - und der andere führt, wie oft, den Satz fort: "Aber nach zehn Jahren Beziehung und als die ersten europäischen Länder eingetragene Lebenspartnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare möglich machten, dachten wir: Jetzt ist es Zeit, auch in Deutschland für gleichgeschlechtliche Ehe zu kämpfen."

Kampf um Gleichstellung

Ein Höhepunkt des Kampfes war der Sommer 1992: Bodo Mende und Karl Kreile beantragten zusammen mit 250 anderen lesbischen und schwulen Paaren in der "Aktion Standesamt" die Eheschließung - alle Medien stiegen auf das Thema ein.

Mit dabei waren die beiden auch 2001, als die eingetragene Lebenspartnerschaft gesetzlich erlaubt wurde. Damals hatte Deutschland noch eine Vorreiterrolle. Bodo Mende und Karl Kreile waren die ersten, die sich im Roten Rathaus in Berlin "verpartnerten" - so der bürokratische Begriff.

"Aber das war eine Partnerschaft zweiter Klasse", klagt Bodo Mende. Obwohl es gesetzlich - bis aufs Adoptionsrecht - kaum Einschränkungen gab, fehlte der Status herkömmlicher Eheleute. Der Kampf ging weiter. "Das war politisch sehr wichtig für uns, aber auch persönlich."

Vom Vorreiter zum Nachzügler

Für den nächsten Schritt, die endgültige Gleichstellung homosexueller und heterosexueller Paare, brauchte Deutschland dann 16 Jahre. Die Union blockierte und blockierte, bis die Kanzlerin das zähe Ringen plötzlich mit einer Abstimmung im Deutschen Bundestag ohne Fraktionszwang beendete - die Ehe für alle kam auch für Karl Kreile überraschend. "Wir haben es nicht erwartet, aber manchmal gibt es Lücken in der Geschichte, in denen auf einmal etwas Großes passiert."

Bodo Mende und Karl Kreile sind nach 38 Jahren nicht mehr rosarot verliebt. Und trotzdem war es für sie wichtig, als erste Schwule zu heiraten, an diesem Sonntag, an dem das neue Gesetz in Kraft tritt und die Standesämter eigentlich geschlossen haben. "Es ist ein historischer Moment, auch für uns", sagt Bodo Mende und Karl Kreile ergänzt: "Heute ist der Tag, an dem die Diskriminierung gegen Lesbische und Schwule endlich endet - nach Jahrhunderten."

Es bleibt nur ein Problem: Die Software, die die Standesämter nutzen, ist noch nicht auf die Ehe für alle eingestellt. Einer von beiden muss also im internen Register als Frau eingetragen werden. Ein Update soll den Fehler erst in über einem Jahr beseitigen. Bodo Mende und Karl Kreile ist das egal - auf ihrer Heiratsurkunde wird das nicht zu sehen sein.

Der Kuss

Der Hochzeitsmarsch verklingt, die Bezirksbürgermeisterin empfängt die beiden persönlich, der Standesbeamte verliest den Text zur Eheschließung. Bodo Mende und Karl Kreile sagen einmütig: "Ja, ich will!" Und dann, endlich, fordert der Standesbeamte sie auf: "Dann dürfen Sie sich jetzt auch gerne küssen."

Mit dem Kuss und der Unterschrift auf der Heiratsurkunde ist das frisch vermählte Paar allerdings schlagartig seit 15 Jahren verheiratet. Denn die Eheschließung wirkt nach dem Gesetz rückwirkend bis zu dem Datum, an dem die beiden sich verpartnert hatten. Viele schwule und lesbische Paare werden darum wohl gar nicht mit einer Zeremonie heiraten, sondern ihre Lebenspartnerschaft einfach umwandeln lassen. 

Für Bodo Mende und Karl Kreile ist der Kampf allerdings noch nicht zu Ende: "Wir haben noch einiges zu tun. Wir müssen Homophobie und Transphobie in der Gesellschaft bekämpfen."

Jetzt fahren die Frischvermählten erst mal für ein paar Tage in die verkürzten Flitterwochen nach Wien. Ihre schönste Erinnerung an die Hochzeit? "Hier rein zu kommen, unsere ganzen Freundinnen und Freunde zu sehen und den Hochzeitsmarsch zu hören", schwärmt Bodo Mende. Und Karl Kreile führt fort: "Da bleibt man nicht cool."

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