Jörg Fauser: ″Rohstoff″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 07.10.2018
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100 gute Bücher

Jörg Fauser: "Rohstoff"

Er schrieb schneller, härter, präziser als alle anderen. Jörg Fauser war der rastlose König des literarischen Undergrounds. Er lebte so kompromisslos, wie er schrieb. Über Drogentrips und die Ränder der Gesellschaft. 

Wie würde er wohl heute aussehen? Würde er immer noch seine abgewetzte Lederjacke tragen, den Schnurrbart und die große, unförmige Brille? Würde er über die große Koalition in Deutschland zetern und die blutleere Gegenwartsliteratur? Oder säße Jörg Fauser vielleicht einsam in einer Berliner Bar mit einem Whiskey in der Hand? Was wäre aus diesem großen Gossenromantiker und brillanten Beobachter geworden, wäre er nicht 1987 in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag von einem Lkw überfahren worden? Und zwar, als er im Suff auf der Münchner Autobahn spazieren ging.

Rein ins echte Leben!

Was für ein Leben, was für ein Abgang! Jörg Fauser hasste die Mittelmäßigkeit. Er verschwendete sich im Exzess und im Schreiben. Gedichte, Songtexte, Glossen, Reportagen, Romane - fast alles, was er erlebte, floss in seine Texte ein. Er liebte die Beat-Autoren wie Jack Kerouac und William S. Burroughs und brachte einen amerikanischen Ton in die deutsche Literatur ein - draufgängerisch, schnörkellos, präzise. Während Autoren der Gruppe 47 fleißig auf Lesungen die junge Bundesrepublik kritisierten, schmiss sich Fauser ins echte Leben und verwandelte es in Literatur. 

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"Rohstoff" von Jörg Fauser

"Dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße, die sie mit ihrer Kulturproduktion servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison."

Ernüchterung nach dem Rausch

"Rohstoff" ist wohl sein bekanntestes und bestes Buch – offen autobiografisch, mit einem gebrochenen Helden namens Harry Gelb als Fausers Alter Ego. Ein junger Mann treibt sich als Heroin-Junkie in Istanbul herum, weil ihm die deutsche Gegenwart der Sechziger Jahre einfach zu öde erscheint. Nach dem Drogenrausch kommt der Entzug, und das Heroin wird durch Alkohol ersetzt.

Harry Gelb kehrt zurück in die alte Heimat, arbeitet als Nachtwächter und am Gepäckband des Flughafens. Gelegenheitsjobs, um nebenher schreiben zu können. Er schlüpft unter in Wohngemeinschaften linker Protestler und revolutionärerer Studentengruppen. Doch schnell merkt er – hinter der umstürzlerischen Fassade herrscht auch hier Anpassungszwang. Der Einzelgänger ist angewidert von den Hierarchien und Doktrinen der Zeit. 

"Ob Verleger oder Redakteure, ob Bonzen oder Mitläufer, es war alles die gleiche Gesellschaft, die funktionierende Kulturklasse, ob man ihnen als bemühter Schreibsklave kam oder als Cut-up-Junkie, als Genosse oder als Geselle, für sie war ich nichts anderes als ein Agent provocateur, ein Agent der dunklen Kräfte, vor denen sie ihre Bausparverträge retten mußten, ihre Pöstchen, ihre Frauen."

Häuserkampf in Frankfurt am Main im Jahr 1973 (Foto: dpa)

Jörg Fauser lebte in den Siebziger Jahren in Frankfurt am Main und erlebte die Häuserkämpfe und Studentenrevolten hautnah mit.

Sucht nach Schreiben

Selbst bei den Außenseitern säße er noch auf der Außenseite, sagte Fauser über sich selbst. Dieses Unbequeme, Rastlose trieb ihn an. Er erzählte von der Sucht nach Heroin ebenso wie von der Sucht zu schreiben. Dabei entstanden nicht nur temporeiche, witzige Passagen, sondern auch hochpoetische.  

"In der Dämmerung, mit den schlanken Silhouetten der Hochhäuser vor dem rötlichen Horizont und den rauchenden Fabrikschloten am Main, war die Stadt ein Anblick, der für manch bittere Stunde entschädigte. Tauben gurrten zutraulich. Und unter allen Dächern lebten Geschichten, die darauf warteten, geschrieben zu werden."

Jörg Fauser wusste, wie Frankfurt in der Nacht riecht und wie Menschen im grellen Neonlicht einer Berliner Absteige aussehen. Dieses Authentische, Rohe, Unverstellte macht ihn zu einem Solitär in der deutschsprachigen Literatur – bis heute. 

 

Jörg Fauser: "Rohstoff" (1984), Diogenes Verlag

Jörg Fauser wurde 1944 in Bad Schwalbach geboren, wurde Rezensent der Frankfurter Hefte, Untergrund-Autor, lebte als Junkie in Istanbul, 1968 als Kommunarde in Berlin, als Hausbesetzer in Frankfurt, zuletzt als Journalist und Texter. Er starb 1987 in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, als er als Fußgänger auf der Autobahn bei München von einem Lkw erfasst wurde.

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