IT-Experte: Freies Internet in autoritären Regimen geht nur über Satellit | Wissen & Umwelt | DW | 19.11.2019
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IT-Experte: Freies Internet in autoritären Regimen geht nur über Satellit

In den seltensten Fällen werden Regime ihre Bürger komplett vom Internet abkoppeln, sagt IT-Experte Fabian Marquardt. Aber sie werden genau beobachten, was die Bürger im Netz tun.

Deutsche Welle: Herr Marquardt, derzeit gibt es eine Debatte, ob es möglich ist, Menschen, die in repressiven Regimen leben, freies Internet zu ermöglichen. Eine Idee könnten parallele, autonom betriebene Netzwerke sein. Aus Ihrer Sicht als IT-Experte: Wäre das machbar oder ist es Science-Fiction?

Fabian Marquardt: Theoretisch ist das machbar. Aber praktikabel ist es - wenn überhaupt - nur auf kleiner Ebene. Die Herausforderung ist, dass so ein System nicht [für viele Tausende oder hunderttausende Menschen] skalierbar ist. Aber wenn es darum geht, in einem regional begrenzten Gebiet beispielsweise Demonstrationen zu organisieren, dann halte ich so etwas grundsätzlich für denkbar.

Da gibt es auch Beispiele, wo solche Ad-Hoc-Netzwerke ohne weitere Infrastruktur eingesetzt werden. Es ist also sicherlich keine Fiktion. Aber es ist auch nicht praktikabel, zu sagen: 'Wir werfen unsere ganzen Infrastruktur-basierten Netzwerke weg und ersetzen das mal eben durch so etwas". Das wird nicht funktionieren.

Heutzutage kann sich es ja kaum ein kein Staat leisten, seine ganze Wirtschaft, Industrie und damit auch die Bürger dauerhaft vom Internet abzukoppeln. 

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 IT-Experte Fabian Marquardt (privat)

Fabian Marquardt sagt, freies Internet braucht auch ein freies gesellschaftlich-politisches Klima.

In den meisten Fällen ziehen die autoritären Regime den Stecker ja nicht komplett. Dass ein ganzes Land physikalisch von den weltweiten Datennetzen abgetrennt wird, passiert in der Regel nicht. Gewisse Dienste werden meist noch gebraucht, etwa für den weltweiten Handel. Die wenigsten Länder können es sich leisten, sich dem komplett zu entziehen. Die Regime werden eher versuchen, die Nutzung bestimmter Dienste durch die Zivilbevölkerung einzuschränken.

Oder die Regime versuchen genau zu kontrollieren, was die Nutzer tun, um sie einzuschüchtern oder zu verfolgen.

Wer Zugriff auf staatliche Provider hat, kann dort den Datenverkehr überwachen. Die Vorratsdatenspeicherung, über die wir in Deutschland diskutieren, ist vergleichsweise harmlos im Vergleich zu dem, was Regierungen tun können, die einen Komplettzugriff auf die gesamten Kommunikationsdaten in ihrem Land haben.

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Russisches Internet unter staatlicher Kontrolle

China macht vor, wie es geht, Russland zieht nach und möchte aus dem Internet so etwas wie ein eigenes Intranet machen, Und Iran ist vielleicht technisch noch nicht so weit, aber möglicherweise möchte das dortige Regime es auch gerne tun. Das verändert natürlich das Nutzerverhalten. Die Menschen trauen sich nicht mehr, bestimmte Dinge zu tun oder zu schreiben. Wie kommen Menschen, die in so einer Situation stecken, an freies Internet heran?

Da gibt es eine technische Antwort. Aber man muss auch die gesellschaftlich-politische Dimension betrachten. Technisch gesprochen kann ich mir entsprechende Tunnel-Lösungen konstruieren, sogenannte Virtuelle Private Netzwerke (VPN).

Mit denen kann ich in einem Land, in dem der Zugriff auf bestimmte Internet-Dienste eingeschränkt ist, dann auf Server in einem freien Land zugreifen. Von dort aus kann ich dessen Internet-Verbindung nutzen.

Mit dem Tor-Netzwerk kann ich verschleiern, wer ich bin und wo die Kommunikation hingeht. Es ist Außenstehenden dann nicht möglich die zwei Endpunkte der Kommunikation festzustellen. Da gibt es vielfältige Möglichkeiten, das technisch zu machen.

Wenn wir uns aber die gesellschaftlich-politische Situation anschauen, sehen wir bei China, dass sie sehr genau darauf achten, wer was für Kommunikationstechniken anwendet.

Die chinesische Firewall ist zum Beispiel in der Lage zu erkennen, dass da jemand gerade VPN oder das Tor-Netzwerk nutzt. Da kann das Regime zwar nicht erkennen, was kommuniziert wird, weil es verschlüsselt ist, aber dass derjenige mit einem solchen Dienst kommuniziert. Und sie können auf mich zurückschließen.

Allein die Information, dass ich so einen Dienst nutze, kann einem autoritären Regime schon Grund genug sein, mir dann nahe zu rücken und mich genauestens zu befragen, warum ich das denn wohl tue und was ich da im Schilde führe.

Die Menschen, die ohnehin schon eingeschüchtert sind, tun sich nicht unbedingt einen Gefallen, wenn sie solche Dienste nutzen, weil daraus dann erst Recht eine Repression entstehen kann. 

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Sicherheitscheck: Biometrie vs. Passwort

In China werden Menschen ja zum Teil auch schon gezwungen, ihre Mobiltelefone abzugeben. Die werden dann ausgelesen und ihnen werden möglicherweise auch Trojaner aufgespielt, um genau verfolgen zu können, was sie tun. Und auch wer kein Mobiltelefon hat oder sich an sozialen Netzwerken beteiligt, macht sich schon verdächtig.

Und es geht dann weiter mit sozialen Bewertungssystemen, bei denen Informationen aus verschiedenen Quellen, zum Beispiel aus sozialen Netzwerken, gesammelt werden, um zu ermitteln, wie systemkonform sich ein Bürger verhält. Eine schlechte Bewertung kann beispielsweise zur Folge haben, dass ein Flugticket verweigert oder der Internetzugang eingeschränkt wird. 

Können Menschen sich unter solchen Umständen irgendwie noch zwei Internet-Zugänge erhalten: Einen, in dem sie eine linientreue Identität nach außen zeigen können, und einen zweiten, der ihnen noch eine freie Kommunikation ermöglicht?

Wer einen Zugriff nutzt, der irgendwie staatlich kontrolliert wird, wird nie komplett sicher vor Verfolgung sein. In China gibt es durchaus Menschen, die VPN nutzen, etwa um auf Youtube zuzugreifen, und diese Menschen werden nicht einfach am nächsten Tag verhaftet. Aber es ist immer eine Abwägung in einem grenzwertigen Bereich. 

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Zukunftstrend verhaltensbasierte Biometrie

Wer komplett unüberwacht von solchen staatlichen Stellen kommunizieren will, braucht ganz andere Medien, um darüber kommunizieren zu können. Mitten im Iran oder in China könnten dann satellitengestützte Lösungen eine Alternative sein.

Aber die Systeme, die wir im Moment zur Verfügung haben, etwa Iridium oder geostationäre Satelliten, liefern nur eine geringe Datenrate und es gibt auch lange Verzögerungszeiten. Es kann eine gute Möglichkeit sein, damit Aktivisten eine Möglichkeit bekommen, kleine Text-Informationen nach außen zu geben. Aber es wird mit der jetzigen Technik nicht einen Internetzugang, wie wir ihn kennen, ersetzen können.

Starlink von SpaceX verspricht das zu können. Wir müssen aber erst noch sehen, was dabei herauskommt. Es soll auch noch ein weiteres konkurrierendes System von OneWeb aufgebaut werden.

Die Verzögerungszeiten bei der Kommunikation mit solchen sehr erdnahen Satelliten werden erheblich kürzer sein, als über geostationäre Satelliten. Aber es sind sehr viele Satelliten nötig, weil sie immer nur kurz über uns hinweg fliegen. Zudem sollen diese Satelliten in der Lage sein, mit dynamischen Richtantennen bestimmte Gebiete gezielt anzupeilen. Dadurch könnte die Datenrate für jeden einzelnen Nutzer erheblich erhöht werden. Das alles verspricht Starlink, doch was es davon halten kann, müssen wir abwarten.

Aber als Endkunde brauche ich trotzdem noch eine spezielle Satellitenantenne, um das empfangen zu können?

Ja, auch das müssen dynamische Richtantennen sein. Und ähnlich wie man jetzt eine Satellitenschüssel für den Fernsehempfang hat, hätte man dann auch eine Antenne auf dem Dach. Die wird nicht besonders groß sein, aber auch da kommen wir wieder zu dem gesellschaftlich-politischen Aspekt zurück: Wer sich so etwas in China oder dem Iran aufs Dach montiert, muss sich fragen, ob nicht irgendwann jemand an die Tür klopft und fragt, was das wohl ist. 

Das Interview führte Fabian Schmidt

Fabian Marquardt, forscht an Netzwerken und IT-Lösungen am Institut für Informatik der Universität Bonn. 

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