Ist der Mensch unschuldig? | Spurensuche | DW | 11.12.2018
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Spurensuche

Ist der Mensch unschuldig?

Die heutige Gesellschaft im Unschuldswahn? Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche fragt sich, wohin ein verdrängtes Schuldbewusstsein führen kann.

Beichtstuhl (Colourbox/Giovanni)

Sinn im Leben findet nur, wer sich seiner Fehler bewusst ist, Buße sucht und sich vor dem Nächsten entschuldigt.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das sagt Jesus Christus. Dieses Evangelium Jesu Christi hat Europa mehr als andere Kontinente geprägt oder zu prägen versucht. Noch ist eine Mehrheit der Europäer getauft und nennt sich Christen. Die allermeisten von ihnen wissen auch – auch wenn sie sich nicht unbedingt daran halten –, dass Jesus fordert: Liebe gerade auch deinen Gegner, deinen Feind. Und: Geh an dem Bettler nicht achtlos vorbei, sondern hilf ihm.

Nun meine ich, heute eine bemerkenswerte Kehrtwende feststellen zu können. Vielleicht täusche ich mich, aber ich möchte sie doch einmal hier zur Diskussion stellen: Seit der Aufklärung wird behauptet, die Kirche habe den Menschen immer ein schlechtes Gewissen gemacht und Schuld eingeredet, um sie dann zur Bekehrung, zu Sühne und Buße aufzurufen. Aus der Frohbotschaft habe die Kirche eine Drohbotschaft gemacht. So habe die Kirche ihre Macht gesichert.

Drohbotschaft oder Unschuldsbessenheit?

Der bekannte Zeit-Redakteur Jan Roß fragte schon vor fünf Jahren in seinem Buch „Warum Gott gebraucht wird“, ob die Schuldbesessenheit immer noch das große Problem sei. Und er stellt fest: heute bestehe eher die Tendenz zur Unschuldsvermutung, zur Unschuldsbesessenheit. Man dürfe niemandem ein schlechtes Gewissen machen, vor allem nicht künstlich. Schuldbewusstsein sei fast immer übertrieben oder überflüssig. Den meisten würden falsche Skrupel eingeredet. Die Ratgeberliteratur hämmere den Menschen ein, sie sollten mit sich und ihrer moralischen Gesundheit ganz beruhigt sein. Sie seien keine Rabeneltern, keine undankbaren Kinder oder lieblosen Eheleute. Vor allem hätten sie ein Recht, erst einmal an sich zu denken. Sie dürften vor lauter Altruismus nicht vor die Hunde gehen. Wörtlich schreibt Roß: „Nicht an einem krankhaft schlechten Gewissen leidet die Gegenwart, sondern an einem pathologisch guten: an unheilbarer seelischer Gesundheit.“1

Was sollen wir aus diesen Beobachtungen schlussfolgern? Wer Schuld und Sünde leugnet, leugnet seine eigene Freiheit, seine Verantwortung und leugnet damit das eigentliche Menschsein. Zum Menschen werden wir, wenn wir fähig und bereit sind, uns selbst kritisch in Frage zu stellen und unsere Schuld zu bekennen.

Wer dem Unschuldswahn verfällt, verfällt in Langeweile und Sinnlosigkeit. Sinn im Leben findet nur, wer sich seiner Fehler bewusst ist, Buße sucht und sich vor dem Nächsten entschuldigt. Die zwei Männer im Tempel, von denen Jesus im Lukas-Evangelium (Lk 18,9-14) spricht, unterscheiden sich dadurch: Der hinten im Tempel bekennt sein Versagen und geht mit Gott im Einklang nach Hause. Der sich vor Gott seiner Taten rühmt, verrät sein Menschsein, weil er sein Versagen nicht kennt und anerkennt.

Sinn findet nur, wer sich seiner Fehler bewusst ist

Jan Roß macht seine These deutlich an der Tatsache, dass Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ in einer Neuauflage „Verbrechen und Strafe“ genannt wird. Von Schuld und Sühne solle der moderne Mensch nichts mehr hören. Roß schreibt dazu: „Die Tradition von Schuld und Sünde und schlechtem Gewissen ist nicht einfach eine Last, die man besser abwerfen sollte, um dann endlich glücklich zu werden. Die Schuldkultur ist eine Errungenschaft, ein reiches schweres Erbe des Abendlands, problematisch und kostbar zugleich, eine Erweiterung des Menschenbildes, die nur um den Preis von moralischem und seelischen Verlust rückgängig zu machen ist.“2

Versuchen wir dort aufmerksam zu sein, wo uns die öffentliche Meinung einredet: wir machten uns falsche Vorwürfe, im Grunde seien wir alle in Ordnung. Versuchen wir, die Worte Christi immer wieder auf der Zunge zergehen zu lassen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Das, was die öffentliche Meinung zur Zeit Jesu dachte, war wohl ebenso irrig wie das, was sie uns heute eintrichtert.

1 Jan Roß, „Die Verteidigung des Menschen – Warum Gott gebraucht wird“, Berlin 2012, S. 225.
2 ebd., S. 253

 

Pater Eberhard von Gemmingen (picture-alliance/ ZB)

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.