Ist Alzheimer schon bald heilbar? | Wissen & Umwelt | DW | 31.08.2016
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Wissen & Umwelt

Ist Alzheimer schon bald heilbar?

Forscher haben eine Therapie entwickelt, die die typischen Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten reduzieren soll. Ist das der Durchbruch? Bedeutet das, wir können diese Erkrankung sogar bald heilen?

Eine neue Alzheimer-Therapie schürt Hoffnung. Denn sie scheint die für die Krankheit charakteristischen Eiweißablagerungen im Gehirn der Patienten zu reduzieren. Und auch die fortschreitende Verschlechterung der Geisteskraft scheint sich infolge der Behandlung zu verlangsamen, berichten Forscher aus den USA und der Schweiz im Fachblatt "Nature".

Bei der Studie, an der 165 Alzheimer-Patienten beteiligt waren, wurde der einen Gruppe ein Placebo verabreicht. Die andere Gruppe wurde einmal im Monat mit dem Antikörper Aducanumab behandelt. Dieser Antikörper greift die für Alzheimer typischen Eiweiße an und sorgt für ihren Abbau. Denn lange bevor Patienten die typischen Alzheimer-Symptome zeigen, etwa Gedächtnis-, Sprach- oder Denkstörungen, häufen sich im Gehirn Bruchstücke bestimmter Eiweiße. Forscher sprechen von amyloiden Plaques. Genauer: Amyloid-Beta-Plaques. [Anm. der Red. Amyloid-Hypothese]

Nach einem Jahr zeigte sich, dass die Ablagerungen bei der einen Patientengruppe deutlich zurückgegangen waren. Und: dass die kognitive Leistung der Patienten weniger stark abgenommen hatte als bei den Patienten mit Scheinmedikament. Der positive Effekt auf die kognitiven Fähigkeiten müsse aber noch genauer untersucht werden, so die Forscher.

Verlaufsbilder aus der Alzheimer-Studie (Bild: Nature Scientific Journal).

Alzheimer-Studie: Links die Entwicklung der Eiweißablagerungen (rot) bei der Placebo-Gruppe, rechts die der Aducanumab-Gruppe

Dennoch bestätigten ihre Ergebnisse die Amyloid-Hypothese und rechtfertigten die Weiterentwicklung des Antikörpers zur Behandlung von Alzheimer, schreiben die Wissenschaftler weiter.

Könnte das womöglich die Alzheimer-Therapie sein, auf die wir gewartet haben? Um das herauszufinden, haben wir mit dem Alzheimer-Experten Christian Haass vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) gesprochen, der nicht an der Studie beteiligt war.

Deutsche Welle: Sind die Ergebnisse der Studie wirklich so "wertvoll", wie die Forscher sagen?

Christian Haass: In früheren Studien mit ähnlichen Ansätzen war es möglich, Eiweißablagerungen zu entfernen - aber dies führte nicht zur Umkehrung des Gedächtnisverlustes. Oder zur Stabilisierung. Also ist der große Unterschied diesmal, dass die Reduzierung der Ablagerungen stark mit der Stabilisierung des Gedächtnisses zusammenhängt. Und das ist - natürlich - das wesentliche Ziel. Denn es reicht nicht, einfach nur die Eiweißablagerungen zu entfernen - man muss das Gedächtnis stabilisieren!

Also ist sie das - DIE Alzheimer-Therapie, nach der wir so lange gesucht haben?

Es ist jedenfalls ein ganz, ganz großer Fortschritt auf diesem Gebiet. Denn die Studie zeigt klar, dass eine Antikörper-Therapie funktioniert und das Gedächtnis bewahren kann. Trotzdem - für einen "Breakthrough" ist es noch zu früh… Die Studie war sehr klein. Aber es ist definitiv das erste Mal, dass es bei Alzheimer-Patienten zumindest ein paar positive Auswirkungen auf das Gedächtnis gibt.

Also gar keine Kritik?

Die Art und Weise der Studie ist sehr positiv zu bewerten. Wie gesagt: Viele andere klinische Studien hatten es zuvor in ähnlicher Weise probiert - und sind gescheitert. Sie waren in der Lage, Alzheimer-Plaques (auch Amyloid-Plaques, Amyloid-Beta-Plaques) zu verhindern, dies hatte aber keinen Effekt auf das Gedächtnis. Viele Leute sagten danach, das sei "das Ende der Amyloid-basierten Therapie". Weil es einfach nicht funktioniere.

Aber: was sich auch schon bei den vielen fehlgeschlagenen Versuchen vorher zeigte, ist, dass die Krankheit schon Jahre vor dem Gedächtnisverlust beginnt. Die Eiweißablagerungen gibt es schon viel früher. Wenn man die Krankheit also aufhalten möchte, muss man die Patienten extrem früh behandeln. Wenn sie aber in die Klinik kommen und unter starkem Gedächtnisschwund leiden, so ist es meist bei Alzheimer-Patienten zu spät.

Die Forscher haben bei ihrer Studie diesmal ein bildgebendes Verfahren genutzt, das die Ablagerung im Gehirn visualisiert. Und: Sie haben sich Patienten herausgesucht, die nur unter sehr, sehr geringen kognitiven Störungen litten. Das macht die Studie so besonders.

Eine wichtige Frage der letzten 25 Jahre war bei der Therapie: "Was ist die Ursache für die Krankheit?" Viele Menschen - mich eingeschlossen - haben immer behauptet, es ist die Amyloid-Produktion. Sobald man es schafft, diese zu stoppen, sollte man somit auch die Krankheit aufhalten. Es gibt viele genetische Beweise, dass dies tatsächlich der Fall ist. Was die ganze Zeit aber fehlte, war eine Amalyoid-basierte Therapie, die wirklich den Gedächtnisschwund aufhält! Dies ist das erste Mal, dass es nun einen Beweis dafür gibt. Für mich ist das nun das Ende der Diskussion. Amyloid ist der Auslöser von Alzheimer.

Christian Haass ist Biochemiker mit dem Schwerpunkt Stoffwechselbiochemie und Neurowissenschaften. Er forscht am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).

Das Interview führte Conor Dillon.

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