Israels angespannter Blick nach Teheran | Nahost | DW | 09.01.2020
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Iran-Krise

Israels angespannter Blick nach Teheran

Nach der Tötung von General Soleimani hat der Iran Israel offen mit Angriffen gedroht. Dafür könnte das Regime in Teheran laut einer Studie auf mehrere Optionen zurückgreifen. Israel ist unter Druck, aber entschlossen.

Die Worte des israelischen Premiers waren deutlich. Sein Land werde hart zurückschlagen, sollte es vom Iran angegriffen werden. "Der Staat Israel ist der stabile Anker in den stürmischen Gewässern des Nahen Ostens", sagte Benjamin Netanjahu am Mittwoch am Rande einer Konferenz in Jerusalem. "Entschlossen stehen wir denen gegenüber, die uns zerstören wollen. Jeder, der uns anzugreifen versucht, wird einen überwältigenden Gegenschlag erleiden."

Soleimani, der bei einem US-Angriff getötete Befehlshaber der iranischen al-Kuds-Einheiten, sei für den Tod zahlloser unschuldiger Menschen verantwortlich, erklärte Netanjahu weiter. "Er hat viele Länder destabilisiert. Jahrzehntelang säte er Angst und Elend und Kummer, und er plante noch viel Schlimmeres." US-Präsident Trump sollte für sein schnelles, kühnes und entschlossenes Handeln beglückwünscht werden, so Netanjahu weiter. "Was ich in den letzten Tagen offen gesagt habe, denken auch viele Staats- und Regierungschefs im Nahen Osten."

Am Mittwoch traf sich das israelische Sicherheitskabinett zu einer fünfstündigen Sitzung, um über die gegenwärtige Situation zu beraten.

Iran neu ernannter Kommandeur der Kuds-Truppen Ghaani (picture-alliance/abaca/SalamPix)

Beratung: Ayatollah Ali Khamenei und der neue Kommandant der Quds-Brigaden, Ismaen Qaani

Konsens in Israel

Netanjahus Erklärung gebe die Meinung der meisten israelischen Bürger wieder, sagt Alexander Brakel, Leiter des Jerusalemer Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung. "In Israel herrscht über die Parteigrenzen hinweg Konsens darin, dass man gegenüber dem Iran eine sehr robuste Sprache sprechen soll. Konzessionen sind aus Sicht der allermeisten Bürger weder angebracht noch zielführend. Dementsprechend haben Politiker sowohl der Regierung als auch der Opposition diesen Schlag begrüßt."

Die überwiegende Zustimmung gründet auf dem Umstand, dass Soleimani und der ebenfalls getötete Chef der "Volksmobilisierungseinheiten", Abu Mahdi al-Muhandis, als verantwortlich für Attacken auch auf Israel gelten. "Seit Mai hat der Iran nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch Israel, Saudi-Arabien und Öl-Tanker in der Region angegriffen", heißt es in einer Analyse der Jerusalem Post. "Iran beschoss Israel im Januar, September und November 2019 mit Raketen."

Die Optionen des Iran

Der Iran könnte Israel auf vielfältige Weise attackieren. Eine Studie der "International Crisis Group" listet mögliche Reaktionen des Iran nach der Tötung Soleimanis auf.  Als besonders gefährdet gilt darin allerdings nicht Israel, sondern der Irak. Auf dessen Boden könnte ein Stellvertreterkrieg geführt werden. Auch anderswo könnte der Iran zuschlagen: So könnte in der Straße von Hormus der Schiffsverkehr einschließlich der Erdöl-Transporte beeinträchtigt werden. Doch auch Israel könnte von dem Konflikt betroffen sein: "In Syrien könnte ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Iran und Israel außer Kontrolle geraten und die gegenseitige Abschreckung zwischen Israel und der Hisbollah aufheben, die seit 2006 die Grenze zwischen Israel und Libanon ruhig hält."

Irak Basra Studenten protestieren gegen die US und iranische Intervention (Reuters/E. al-Sudani)

Mögliche Bühne eines Stellvertreterkriegs: der Irak. Hier anti-amerikanische Proteste in Basra nach der Tötung Soleimanis

Das Magazin "National Interest" nennt weitere Szenarien. So könnten dem Iran verbundene Milizen aus dem Gazastreifen Israel angreifen. Denkbar wäre auch ein Beschuss aus dem Libanon, verantwortet von der Hisbollah, oder ein Angriff dem Iran verbundener Milizen von syrischem Boden aus. "Diese Kräfte können israelische Truppen und Siedlungen auf den Golanhöhen treffen."

Alle diese Aktionen hätten für den Iran zweierlei Vorteile: Erstens böten sie die Chance, eine engen Verbündeten der USA zu treffen. "Zweitens wäre es mit Hilfe der im Libanon, in Syrien und im Gazastreifen befindlichen iranischen Alliierten ein Leichtes, Israel zu attackieren, ohne dazu auf iranische Truppen auf iranischem Boden zurückzugreifen."

Israel Militäranlage Mount Hermon Golanhöhen (AFP/J. Marey)

Einsatzbereit: Israelische Luftabwehrraketen auf den Golanhöhen, Juni 2019

Israel setzt auf militärische Entschlossenheit

Trotz solcher Risiken verlaufe der Alltag in Israel in den gewohnten Bahnen, sagt Alexander Brakel.  "Die größte Einschränkung war für die Öffentlichkeit die mehrfache stundenweise Sperrung eines Skigebiets auf den Golan-Höhen, relativ nah an der syrischen Grenze." An einigen Checkpoints zu den palästinensischen Autonomiegebieten sei verstärkt kontrolliert worden. "Aber insgesamt befindet sich das Land im Normalzustand."

Zu welchen Schritten sich das Regime in Teheran entschließt, ist schwer absehbar. Doch wie immer mögliche Attacken des Iran oder der mit ihm verbündeten Milizen aussähen, sagt Brakel: Möglichen Angreifern dürfte klar sein, dass die israelische Antwort auf einen Schlag massiv sein dürfte. "In Israel ist man der Ansicht, man müsse dem Iran hart und entschlossen entgegentreten. Dann werde er von Angriffen absehen."

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