Islands Fußball führungslos nach mutmaßlichem Skandal um sexuellen Missbrauch | Sport | DW | 02.09.2021
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Fußball

Islands Fußball führungslos nach mutmaßlichem Skandal um sexuellen Missbrauch

Ein mutmaßlicher Missbrauchsskandal erschüttert den isländischen Fußball. Es werden Forderungen laut, dass die Führungsebene reagieren und einen Kulturwandel schaffen muss. Unterdessen beginnt die WM-Qualifikation.

Island Fußball Guðni Bergsson Präsident KSI

Der Vorsitzende des isländischen Fußballverbandes KSI, Gudni Bergsson, ist zurückgetreten

Es war ein brutaler und sicher lebensverändernder Moment für Thorhildur Gyda Arnarsdottir. In einem Fernsehinterview enthüllte sie die angeblichen Details zu ihrem sexuellen Missbrauch vor vier Jahren. Arnarsdottir erzählte, wie sie und eine weitere Frau im September 2017 in einer Bar in Reykjavik von einem Spieler der Fußball-Nationalmannschaft, die an diesem Mittwoch in der WM-Qualifikation gegen Deutschland spielt, angegriffen wurden. Beide Frauen, so Arnarsdottir weiter, wurden verletzt. Am nächsten Tag erstatteten sie bei der Polizei Anzeige. Außerdem hätten ihre Eltern später persönlich mit dem Vorsitzenden des isländischen Fußballverbandes KSI, Gudni Bergsson, gesprochen.

In dem Fernsehinterview berichtete Arnarsdottir auch, dass der mutmaßliche Täter seine Tat zugegeben, sich entschuldigt und sogar eine Entschädigung gezahlt haben soll. Dies geschah jedoch erst, nachdem der isländische Fußballverband versucht hatte, sie zum Schweigen zu bringen, so die 25-Jährige. "Ein Anwalt des Fußballverbands fragte mich, ob ich bereit sei, eine Geheimhaltungsvereinbarung zu unterzeichnen und auch eine Entschädigung zu erhalten", sagte sie. "Und ich habe natürlich nein gesagt."

Rücktrittsforderungen

Der nationale Rundfunksender RUV fragte Bergsson, ob die Beschwerde oder "andere derartige Fälle" auf seinem Schreibtisch gelandet seien. "Nein, nicht auf formellem Wege", antwortete er. Diese Behauptung wurde später jedoch durch den E-Mail-Verkehr zwischen Arnarsottir´s Vater und dem isländischen Staatspräsidenten widerlegt. Der Staatspräsident gab zu, mit dem KSI-Vorsitzenden über die Angelegenheit gesprochen zu haben. Bergsson trat am Sonntag von seinem Amt zurück.

Arnardsottir forderte alle KSI-Vorstandsmitglieder auf, ebenfalls zurückzutreten und zuzugeben, dass sie dieses Fehlverhalten der Spieler, gegen die die Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden, hingenommen hätten. Der Vorstand reagierte darauf und erklärte, dass "wir als Gemeinschaft mehr tun müssen, um Opfer zu unterstützen und sexuelle Gewalt zu bekämpfen".

"Wir haben die Opfer im Stich gelassen"

Solche Worte wurden schon früher in Island geäußert. Island gilt – und das völlig ironiefrei – als der "beste Ort, um eine Frau zu sein", weil es seit zwölf Jahren an der Spitze des Gender Gap Reports des Weltwirtschaftsforums (WEF) steht. In diesem Report untersucht das WEF die globale Entwicklung der Gleichberechtigung der Geschlechter. Anhand von Indexpunkten wird so ein internationales Ranking erstellt.

Laut einer Studie der Universität von Island aus dem Jahr 2018 wurde jedoch jede vierte isländische Frau vergewaltigt oder sexuell missbraucht. Auch das "Scandinavian Journal of Public Health" veröffentlichte 2020 einen Bericht, demzufolge in der Notaufnahme des größten Krankenhauses in Reykjavik außergewöhnlich viele Fälle von Gewalt durch Intimpartner registriert wurden.

Massive Vorwürfe

Dem isländischen Fußballverband KSI und der Männermannschaft wird seit Jahren schon sexueller Missbrauch vorgeworfen, wie die Kolumnistin Hanna Bjorg Vilhjalmsdottir vergangenen Monat in einem Artikel im "Reykjavik Visir" ausführte. Sie berichtete von Vorfällen angeblicher sexueller und häuslicher Gewalt durch Spieler der Mannschaft und von einer angeblichen Gruppenvergewaltigung vor etwa zehn Jahren, über die einige Spieler später Witze machten.

Island Fußball Stadion Laugardalsvöllur

Island noch führungslos in der WM-Qualifikation gegen Rumänien

Vilhjalmsdottir fragte, ob der KSI Jungen und Männern weiterhin die Botschaft vermitteln wolle, dass sie Gewalt gegen Frauen ausüben können und "keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen müssen".

Nach dem Rücktritt des größten Teils der Führungsspitze des isländischen Fußballverbands sagte die KSI-Geschäftsführerin Klara Bjartmarz: "Ich denke, es ist ganz klar, dass wir eine große interne Aufräumaktion brauchen". Klara Bjartmarz selbst weigerte sich allerdings, ihren Posten als Geschäftsführerin aufzugeben, obwohl der Verbandsführung fast geschlossen zurückgetreten war. "Wir müssen zuhören. Wir müssen lernen ... wir haben die Opfer im Stich gelassen."

Aus dem Englischen adaptiert

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