Irland: Der Brexit und die Grenze | Wirtschaft | DW | 07.10.2019
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Brexit

Irland: Der Brexit und die Grenze

Seit Jahren wird viel geredet und gerechnet in Sachen Brexit. Kurz vor Schluss aber scheint es nur noch um eine 500 Kilometer lange Grenze zu gehen - die zwischen Irland und Nordirland. Dort drohen viele Gefahren.

Man könnte, wenn es nun um den letzten Akt im Brexit-Drama geht, von einem langen Bürgerkrieg reden, von mehr als 3400 Toten in diesem Krieg und von rund 40.000 Verletzten. Der Jahrzehnte währende Konflikt auf der irischen Insel ist erst seit 1998 beigelegt. Man könnte aber auch von irischem Käse und nordirischem Fisch reden. Und von Guinness und Baileys. Damit wollen wir anfangen. 

Lassen wir also einmal den "Backstop" beiseite, mit dem das Nordirland-Problem nach dem Willen der EU geregelt werden soll, wenn es zum Brexit kommt. Lassen wir auch angeblich "technologische Lösungen" für die Grenzkontrolle aus dem Blick, von denen der Brexit-Befürworter Boris Johnson so lange geschwärmt hatte, wenn die Rede auf Nordirland kam. Schauen wir uns an, was eigentlich an dieser Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland passiert.

Karte Vereinigtes Königreich Nordirland Irland DE

270 Straßen

Es gibt auf dieser 500 Kilometer langen Grenze zwischen dem Süden und dem Norden Irlands, also zwischen der EU und Großbritannien, zu dem Nordirland gehört, an die 270 Straßenübergänge, und all die Wege über grüne Wiesen zählt ohnehin niemand. Auf diesen Straßen sind tagtäglich zwischen 14.000 und 16.000 LKW unterwegs. Sie transportieren Käse, Vieh, Milch, Fisch, Bier, Whiskey und alles, was man braucht, um Bier und Whiskey und Käse herzustellen.

Nehmen wir zunächst den Käse. Schmelzkäse aus Irland ist überall in der EU zu haben, und der ist eine Gemeinschaftsproduktion zwischen Nord und Süd. Vier Mal geht es hin und her über die derzeit nicht bestehende Grenze, so wissen mittlerweile auch deutschen Zeitungen, bevor aus Rohmilch aus dem Norden Käsescheiben werden, die vom Süden in die EU geliefert werden.

Nicht viel anders ist es bei Bier und Schnaps. Die Brauerei für Guinness steht zwar in Dublin, abgefüllt aber wird in Belfast. Die Zutaten des Sahne-Likörs Baileys kommen aus Irland, zusammengerührt werden sie aber im Norden, die Likör-Exporte wiederum verlassen vom Süden aus die Insel - fünf mal geht es dabei hin und her. Die Lieferketten zwischen beiden Inselteilen sind überall eng: Im Süden wird fast jedes dritte Schaf aus dem Norden geschlachtet; im Norden geht es jedem zweiten Hühnchen aus dem Süden an den Kragen.

Grenze zwischen Irland und Nordirland

Grenze zwischen Irland und Nordirland

30.000 Pendler

Seit die Grenze zwischen der Republik und Nordirland 1998 fiel, hat die Wirtschaft in beiden Teilen der Insel einen kräftigen Aufschwung erlebt. Allein die Arbeitslosigkeit im Norden fiel von seinerzeit 13 Prozent auf heute 3,5 Prozent. Rund 30.000 Pendler überqueren inzwischen täglich die frühere Grenze, um da zu produzieren und dort zu verpacken und verkaufen.

Würde die Grenze wieder hochgezogen, wären auf besagten Schmelzkäse Zollgebühren von 42 Prozent fällig, rechnete jetzt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vor. So hoch ist mancher Schutzzoll an den EU-Außengrenzen, um die heimische Lebensmittelindustrie zu schützen. Und nach einem Brexit würde Nordirland nicht mehr dazu gehören. Der britische Markt läge zum Beispiel für irisches Fleisch plötzlich hinter der zollbewehrten Grenze. "Falls es einen harten Brexit gibt, und wir Zölle nach den Regeln der Welthandelsorganisation WTO zahlen müssten, wäre das das Ende der Fleischindustrie in unserem Land", sagte der Rinderzüchter Joe Brady aus dem irischen Cavan County der DW. Schließlich ginge rund die Hälfte seiner Produktion nach Großbritannien. Genau 46 Prozent waren es im Jahr 2017.

Überhaupt exportierte Irland 2017 mehr ins Vereinigte Königreich als in irgendein anderes EU-Land. Eine drohende Zollgrenze würde das ändern. Das "Economic and Social Research Institute of Ireland" schätzt, dass im Falle eines harten Brexit das irische Wirtschaftswachstum innerhalb von zehn Jahren um fünf Prozent sinken würde. Andere Experten sprechen von etwas anderen Zahlen; besorgniserregend sind sie alle. Vor allem für die Landwirtschaft: Denn auch wenn etwa 2017 nur zwölf Prozent der gesamten irischen Exporte nach Großbritannien gingen, so waren es bei Agrarprodukten doch rund 40 Prozent, so Joe Healy, Chef des irischen Bauernverbands.

Nordirland Grenze Irland Rinder (Getty Images/AFP/P. Faith)

Rinder aus Irland für Großbritannien und die Welt

An der Grenze

Mit Märkten in Großbritannien und der EU und Nordamerika ist Irland der sechstgrößte Fleischexporteur der Welt. Aber auch hier könnte der Brexit mit seinen dann komplizierten Grenzübergängen zu einem ernsten Problem für die grüne Insel werden. Schließlich gehen - wie im Jahr 2017 - rund 475.000 Container mit irischen Waren über britische Häfen nach EU-Europa. Das entspricht 85 Prozent der irischen Güterfracht in die EU. Der schmale Rest nimmt nicht den Weg über England, sondern über die Häfen Dublin, Rotterdam oder Zeebrugge.

Nordirland Belfast | paramilitärisches Wandgemälde Selbstverteidigung (picture-alliance/AP Photo/P. Morrison)

Erinnerung an brutale Zeiten: Wandgemälde in Belfast (vom März 2017)

Für eine Flasche Baileys oder eine Dose Guinness mag hier und da eine Stunde mehr für Zollformalitäten an den neuen, alten Grenzen kein Problem sein. Aber Meeresfrüchte? Die werden oft von Fischern in der Republik eingekauft, im Norden verarbeitet, und konsumiert werden sie gern in südlichen Ländern der Europäischen Union. Schon zwanzig Minuten Wartezeit an einer Grenze könnten die empfindliche Ware verderben.

Das mag angesichts anderer Gefahren ein Witz sein, und da spielt dann doch die Erinnerung an den Bürgerkrieg auf der Insel wieder eine Rolle. Kontrollstellen an den Grenzen könnten wieder zu Brennpunkten des alten Konflikts um Nordirland werden. "Wenn wir bei der Grenzfrage einen Fehler machen", so zitierte das deutsche "Handelsblatt" jetzt den frühreren EU-Kommissar Chris Patten, "werden erneut Menschen sterben". Patten war vor gut 40 Jahren Londons Staatssekretär für Nordirland. Jetzt will die Londoner Regierung den Brexit um jeden Preis. 

(mit Archivmaterial)

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