Irans Justiz verbietet Chat-App Telegram | Aktuell Nahost | DW | 30.04.2018
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Meinungsfreiheit

Irans Justiz verbietet Chat-App Telegram

Nach Russland verwehrt nun auch der Iran seinen Bürgern das Recht auf ein freies Internet. Mehr als 40 Millionen Iraner benutzten den Messenger. Sie sollen auf eine iranische App umsteigen - doch der Dienst hat Tücken.

Das Verbot der im Iran äußerst populären Kommunikations-App Telegram gilt ab sofort, wie die Nachrichtenagentur Tasnim meldet. Für viele Iraner bedeutet das Aus des Messenger-Dienstes ein schwerer Schlag. Die App war für mehr als die Hälfte der 80 Millionen Menschen nicht nur ein Kommunikationsmittel - auch Geschäfte wurden darüber abgewickelt. Ärzte schickten ihren Patienten gar Laborergebnisse via Telegram. Besonders in größeren Städten hieß es seit Jahren nicht mehr: "Ich rufe an", sondern "Ich schicke was auf Telegram". 

Anzeigen gegen den Dienst?

Warum die Justizbehörden den Dienst nun verboten haben, blieb unklar. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Teheran behauptete ohne näher darauf einzugehen, es gebe zahlreiche Anzeigen gegen den Dienst. Weiter hieß es, die Sicherheit des Landes sei durch die App gefährdet. So sei der Anschlag der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im vergangenen Jahr in Teheran über Telegram koordiniert worden. Auch soll die App laut den Behörden in der Vergangenheit für "unsittliche Zwecke" wie Pornografie benutzt worden sein.

Regierungsgegner sprechen von Ausflüchten. Für sie sind der wahre Verbotsgrund die regimekritischen Unruhen zum Jahreswechsel 2017/18. Die App diente damals als wichtigstes Kommunikationsmittel der Demonstranten. Informationen, Videos und Bilder der Proteste wurden über Telegram im In- und Ausland verbreitet und von Medien weltweit verwendet. Daraufhin forderten besonders der Klerus und die Hardliner im Iran nicht nur die Blockierung des gut verschlüsselten Dienstes Telegram, sondern auch die Einführung eines staatlich kontrollierten Internets.

Die Alternative: "Stimme des Gewissens"

Als Alternative zu Telegram empfahlen die Konservativen jetzt die im Iran entwickelte App Soroush - übersetzt "Stimme des Gewissens". Die bietet den Nutzern auch Emojis in Gestalt kleiner verhüllter Frauen mit einschlägigen politischen Botschaften an. So halten die schwarz verschleierten Figürchen Plakate mit Slogans wie "Nieder mit Israel" oder "Nieder mit den USA" hoch. Einige der Aufschriften richten sich auch gegen Regimekritiker.

Doch der Dienst ist nicht nur wegen seiner Emojis unpopulär. Die Mehrheit der Iraner befürchtet, dass ihre Daten bei einem staatlichen Kommunikationsdienst gespeichert und kontrolliert werden könnten. Daher hat Soroush bislang auch nur fünf Millionen Nutzer.

Präsident Hassan Rohani und sein Kommunikationsministerium waren strikt gegen ein Telegram-Verbot. Beobachter sprechen von einer schweren innenpolitischen Niederlage für Rohani, seine Regierung und die gesamte Reformbewegung in der von Geistlichen dominierten Islamischen Republik.

se/ww (dpa, afp, rtr)