Iran und Pakistan im Wettstreit der Tiefwasserhäfen | Asien | DW | 05.12.2017
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Asien

Iran und Pakistan im Wettstreit der Tiefwasserhäfen

Keine 200 Kilometer Luftlinie trennen die beiden Tiefwasserhäfen Gwadar in Pakistan und Tschahbahar im Iran. Die beiden Häfen stehen sinnbildlich für den Wettstreit Indiens und Chinas um mehr Einfluss in der Region.

Für iranische Verhältnisse ist Tschahbahar ein Provinznest, weit weg von Teheran in der Provinz Sistan-Belutschistan. Fischerboote dümpeln an den Anlegern, vor der kleinen Uferpromenade glitzert der Golf von Oman in der heißen Sonne. Rund 200.000 Menschen leben in der schmucklosen Küstenstadt, nur einen Steinwurf entfernt von der Grenze zu Pakistan. Irans Polit-Prominenz verirrt sich nur selten in diesen südöstlichsten Zipfel des Landes. An diesem Wochenende jedoch war es anders. Denn nach jahrelanger Bauzeit wurde vor den Toren der kleinen Stadt ein neuer Tiefwasserhafen eröffnet. Präsident Hassan Rohani persönlich war gekommen, um den Hafen feierlich einzuweihen, und mit ihm Vertreter aus 17 weiteren Ländern. Denn an den neuen Hafen knüpfen sie alle große Hoffnungen.

Iranisch-afghanisch-indische Zusammenarbeit

Iran Rohani, Modi und Ghani in Teheran (IRNA)

Die drei Präsidenten Narendra Modi, Hassan Rohani und Ashraf Ghani nach der Unterzeichnung eines Abkommens über den Hafen von Tschahbahar 2016

Der Hafen von Tschahbahar liegt strategisch günstig und besitzt daher eine immense Bedeutung für den Iran, aber auch für die gesamte Region, sowohl in wirtschaftlicher als auch in geopolitischer Hinsicht. Aufgrund des anhaltenden Konflikts zwischen Indien und Pakistan ist es für Indien schwierig, eine sichere Transit-Route zum Iran und Afghanistan, aber auch in die Golfregion und nach Zentralasien zu finden. Wie ein Sperrriegel liegt Pakistan zwischen Indien und den Ländern Zentralasiens und des Mittleren Ostens. Aus politischen und wirtschaftlichen Beweggründen erschwert Pakistan dem Erzrivalen Indien den Handel mit diesen Ländern über den Landweg.

Der Hafen von Tschahbahar, der ca. 900 km von Indien entfernt ist und als einziger iranischer Hafen direkten Zugang zum Indischen Ozean hat, ist für Indien daher eine wichtige Alternative. Er vereinfacht nicht nur den Handel zwischen Indien und dem Iran, sondern soll darüber hinaus als neue Transit-Route Indiens gelten, auf der Waren nach Afghanistan und in andere zentralasiatische Ländern verschickt werden. "Durch den verbesserten Handel will Indien auch seinen politischen Einfluss auf Afghanistan und die Länder Zentralasiens vergrößern", erklärt Abdol Sattar Dushouki vom Londoner "Centre for Balouchistan Studies". Indien allein investiert rund 500 Millionen US-Dollar, um die Kapazitäten des gerade erst eröffneten Hafens weiter auszubauen. Damit soll die Umschlagskapazität von derzeit rund acht Millionen Tonnen auf über 80 Millionen Tonnen erhöht werden.

Konkurrenzhafen in direkter Nachbarschaft

Dabei gibt es schon längst einen Tiefwasserhafen in der Region -  auf der anderen Seite der iranisch-pakistanischen Grenze. Nur rund 170 Kilometer von Tschahbahar entfernt hat Pakistan mit immenser chinesischer Finanzhilfe den Hafen von Gwadar aus dem Küstenboden gestampft. Strategisch dient der Hafen zum einen als Endpunkt des China Pakistan Economic Corridor (CPEC), mit dessen Hilfe China vor allem den Im- und Export von Waren und Gütern im Westteil des Riesenreiches ankurbeln will. Zum anderen besteht aber bei einer Bedrohungslage auch die Möglichkeit, den Hafen als chinesische Militärbasis zu nutzen, was ihn aufgrund seiner günstigen Lage zum Rivalen Indien attraktiv macht. Indien sieht durch den Hafen bei Gwadar ebenso wie durch die enge Zusammenarbeit Chinas mit Pakistan seine Stellung bedroht. "Das vollständige Funktionieren dieser beiden Häfen könnte den Wettbewerb und die Spannungen in den Reedereien in der Region verstärken", fürchtet Abdol Dushouki.

Denn die iranisch-indische Zusammenarbeit bereitet auch vielen pakistanischen Militärs große Sorge. Auch wenn der Iran beteuert, dass die Zusammenarbeit weder gegen Pakistan noch gegen China gerichtet sei, sorgt sie bei vielen Pakistanern für Unmut. Denn auch wirtschaftlich wird Pakistan diese Kooperation zu spüren bekommen. Pakistanische Waren werden im afghanischen und zentralasiatischen Markt vermehrt indischer Konkurrenz ausgesetzt sein, was zu deutlichen Handelseinbußen führen könnte.

Trotz der kritischen Haltung Washingtons gegenüber dem Iran scheinen die USA keine größeren Einwände gegen das indische Engagement im Land zu haben. Im Oktober gab der amerikanische Außenminister Rex Tillerson den Indern grünes Licht für ihr Investment in Tschahbahar. Dies liegt womöglich daran, dass es durchaus im amerikanischen Interesse liegt, das Indien als demokratische Nation seinen Einfluss in der Region auf Länder wie Afghanistan ausweitet. So könnte insbesondere der chinesische Einfluss in der Region zurückgedrängt werden.

Iranisches Interesse am Hafen

Abdolsattar Doshoki (Abdolsattar Doshoki)

Iran-Experte Abdol Sattar Dushouki

Der Ausbau des Hafens ist aber auch für den Iran selbst von großem politischem Interesse. Neben einem erwarteten Wirtschaftsaufschwung erhofft Teheran sich für die Zukunft eine größere Unabhängigkeit von den Häfen der Arabischen Emirate. Tschahbahar ist Irans erster eigener Tiefwasserhafen. Zudem liegt er als einziger größerer Hafen außerhalb der Straße von Hormus und wäre daher deutlich schwerer durch eine etwaige Seeblockade abzuriegeln.

Tschahbahar liegt in Belutschistan, der ärmsten Provinz des Iran. Mehrheitlich wird die Region von der ethnischen Minderheit der Belutschen bewohnt, die als Sunniten auch eine religiöse Minderheit im Land darstellen. Nicht zuletzt deshalb gilt die Region als Brandherd im Iran. Immer wieder gibt es Scharmützel zwischen Regierungseinheiten und Angehörigen separatistischer oder extremistischer Gruppierungen. Der Hafen dient als Hoffnungsprojekt, um die Provinz aufzuwerten. Durch den wirtschaftlichen Zuwachs und Investitionen in die Infrastrukturen soll auch die Region stabilisiert werden, so die Hoffnung Teherans.