Integration in Sachen Liebe | Deutschland | DW | 07.09.2016
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Deutschland

Integration in Sachen Liebe

Für Flüchtlinge ist in Deutschland vieles neu - auch das richtige Flirten in der unbekannten Umgebung. Wie es funktioniert, wurde nun in einem Workshop in Essen geübt. Die Polizei musste die Veranstaltung schützen.

Nach außen hin wirkt Mohammed wie ein selbstbewusster 17-Jähriger: Die Jeans hochgekrempelt, lässiges Shirt und eine moderne Frisur mit abrasierten Haaren an den Seiten. Lässig hat er den Stuhl umgedreht und beugt sich entspannt über die Rückenlehne. Doch die Selbstsicherheit täuscht. Geht es um Mädchen, wirkt Mohammed plötzlich schüchtern. "Wie soll ich herausfinden, was sie will? Ich hatte noch nie eine Freundin und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll", sagt der 17-Jährige ganz offen. Mohammeds Freunde fangen an zu kichern, doch ihm ist die Frage wichtig.

Teilnehmer des Flirtkurses sitzen in einem Stuhklkreis zusammen (Foto: DW/C. Wolf)

Gemeinsam sprechen die Flüchtlinge über ihre Erfahrungen

Etwa 30 Jugendliche sitzen im Essener Beratungszentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zusammen. Sie alle sind Flüchtlinge, zumeist minderjährig und ohne Eltern nach Deutschland gekommen. "How to fall in love in Germany" ("Wie man sich in Deutschland verliebt") ist auf einer Leinwand zu lesen. In einem Flirtworkshop sollen die Flüchtlinge Einblicke in das Liebesleben der Deutschen bekommen. "Mach kein Sonderding daraus, nur weil es Frauen sind. Sei du selbst, dann wird das Gespräch auch gut", antwortet Horst Wenzel dem aus Afghanistan stammenden Mohammed. Wenzel ist Flirtcoach und steht den Jugendlichen Rede und Antwort.

Flüchtlinge stellten Fragen zum Flirten

Seit fast einem Jahr bietet die AWO in Essen eine Sexualberatung für Migranten an. In einem Parcours können sie sich auf lockere Art mit Sexualität auseinandersetzen. Liebe, Verhütung, sexuell übertragbare Krankheiten und Schwangerschaft - all das wird thematisiert. "Immer wieder haben junge Geflüchtete gesagt, sie würden auch gerne etwas zum Thema Flirten wissen, wie das in Deutschland überhaupt abläuft", sagt Sexualpädagogin Meral Renz. So sei die Idee entstanden, einen speziellen Flirtworkshop ins Leben zu rufen.

Flirtcoach Horst Wenzel spricht zu den Flüchtlingen (Foto: DW/C. Wolf)

Flirtcoach Horst Wenzel gibt den Flüchtlingen kostenlos Tipps

Gewonnen wurde dafür Flirtcoach Wenzel. Beruflich kümmert er sich darum, Frauen und Männern bei der Suche nach der großen Liebe zu helfen. Die zahlen sonst Geld dafür, um zu erfahren, wie sie im Alltag jemanden ansprechen können. Für die Flüchtlinge gibt er seine Tipps kostenlos. "Ich rate jedem, wenn er sich hier in Deutschland zurechtfinden will, erst einmal einen besten deutschen Freund oder eine beste deutsche Freundin zu suchen, um auch sozial integriert zu sein", sagt Wenzel. Auch empfiehlt er den Jugendlichen, Apps zum Onlinedating zu nutzen.

Polizeischutz wegen Drohungen

Schon im Vorfeld hat der Flirtkurs für Aufregung gesorgt. Wenzel wurde heftig dafür angefeindet, dass er Flüchtlinge coacht. In Hassmails gab es Beleidigungen und Beschimpfungen. "Als ich das gelesen habe, dachte ich: Jetzt erst recht", sagt er. Auch bei der AWO gingen Drohungen ein. "Rechtsextreme warfen uns vor, wir würden Flüchtlingen beibringen, wie sie deutsche Frauen vergewaltigen können", sagt die Leiterin des Beratungszentrums, Nicola Völckel. Die Konsequenz: Vor dem Haus steht ein Streifenwagen, zwei Polizisten sichern die Veranstaltung ab.

Die jungen Männer bekommen davon nichts mit. Nach einem Vortrag über zwischenmenschliche Kommunikation beginnt der spannende Teil. In lockerer Atmosphäre können die Flüchtlinge dem Flirtcoach Fragen stellen. Anfangs noch etwas zurückhaltend, tauen die Jugendlichen nach und nach auf. "Wie erkenne ich, ob ein Mädchen geküsst werden will?", fragt ein Junge. "Warum gehen Beziehungen schon nach ein paar Wochen zu Ende?", fragt ein anderer. "Weil die Männer zu schnell Sex haben wollen", ruft ein Jugendlicher in die Runde. "Nein, die Frauen suchen sich jemanden Besseres", meint ein anderer. Immer wieder wird deutlich, dass die Sprache das größte Hindernis zum Kennenlernen ist.

Zwei Holzpuppen liegen in einem Regal aufeinander (Foto: DW/C. Wolf)

Auch ganz grundlegende Dinge werden bei der Sexualberatung der AWO erklärt

Tipps für die Praxis

Flirtcoach Wenzel gibt den Jugendlichen ein paar praktische Tipps: So sei guter Sex für eine funktionierende Beziehung enorm wichtig. Bei einem Date solle darauf geachtet werden, welche Signale das Mädchen ausstrahle. Reagiere sie auf eine zufällige Berührung ablehnend, lieber einen Schritt zurückgehen. Auch ein Lächeln bedeute noch nicht, dass das Mädchen geküsst werden wolle. Das Wichtigste sei ein respektvoller Umgang.

Wie ein Gespenst schweben in diesen Momenten die Erinnerungen an die Kölner Silvesternacht durch den Raum, als massenhaft Frauen von Migranten begrapscht wurden. Den Jugendlichen hier ist klar, dass so etwas nicht passieren darf. Die Folgen davon spüren auch sie. "Seitdem ängstigen sich Frauen viel mehr. Sie gehen auf Distanz", sagt Nadeem aus Syrien. Und der 17-jährige Mohammed meint: "Ich frage mich immer, warum sie Angst vor mir haben. Ich habe ihnen nichts getan. Aber wir wissen alle, was an Silvester in Köln passiert ist."

Flirtcoach Wenzel sieht die Vorurteile mit als größte Schwierigkeit. "Das Problem liegt meist nicht bei den Flüchtlingen, sondern bei den Deutschen", sagt er. Viele reagierten abweisend, wenn sie erführen, dass ihr Gegenüber Flüchtling sei. Besser sei es, unvoreingenommen auf Leute zuzugehen. "Mein Eindruck ist, dass sind sehr charmante junge Herren, die alles Rüstzeug mitbringen, um auch hier in Deutschland eine Frau zu begeistern."

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