Integration am Gemüsebeet | Kultur | DW | 17.09.2013
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Kultur

Integration am Gemüsebeet

Erfolgreiche Integration kennt viele Metaphern aus dem Reich der Pflanzen: Sie "gedeiht" und Migranten "verwurzeln sich in der neuen Heimat". In Interkulturellen Gärten werden die geflügelten Worte in die Tat umgesetzt.

Samstagnachmittag am Stadtrand von Bonn: Ein kühler Wind weht durch das Beet. Trotzdem sind Jean Ndayambaje und Jacqueline Mukansabimana mit den zwei Söhnen in ihren Garten gekommen, um sich um den Mais, Spinat und die Bohnen zu kümmern. Auf 50 Quadratmetern bauen sie ihr Gemüse an. Das Beet befindet sich aber nicht in einem gewöhnlichen Schrebergarten - der Familie gehört eine Parzelle im "Interkulturellen Garten".

25 Parzellen gibt es dort, bewirtschaftet werden sie von Menschen aus über 15 Ländern. Der internationale Garten möchte den Spaß an der Arbeit im Grünen fördern - und gleichzeitig die Integration: Er soll Migranten und Deutsche zusammenbringen und soziale wie sprachliche Kompetenzen stärken.

Seit der Gründung 2007 hat der Ansturm auf die Parzellen in Bonn nicht nachgelassen. "Ich habe die Warteliste teilweise auch schon gestoppt, weil so viel Andrang war", weiß Bernd Assenmacher, der sich um das Projekt kümmert. Der Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins "Wissenschaftsladen Bonn" hatte 2003 zum ersten Mal von der Idee eines interkulturellen Gartens gehört.

Ort der sozialen Anerkennung

Jacqueline Mukansabimana, kümmert sich um ihre Parzelle im Interkulturellen Garten Bonn copyright: DW/ Johanna Veh

Jacqueline Mukansabimana hegt und pflegt ihre Pflanzen

Damals wurde in Göttingen der erste Garten seiner Art in Deutschland gegründet. Bosnische Flüchtlingsfrauen sehnten sich nach einem Ort, an dem sie wie in der alten Heimat Gemüse und Kräuter anbauen konnten. Ursprünglich stammt die Idee aus New York. Dort hatten Bewohner benachteiligter Stadtteile auf brachliegenden Flächen Gemeinschaftsgärten angelegt. Das Projekt aus Göttingen ist inzwischen in der ganzen Bundesrepublik verbreitet. Es existieren rund 160 Gärten, über 80 sind in Planung.

Und wie können die Gärten die Integration fördern? "Wertschätzung" lautet für Christa Müller das Stichwort. Interkulturelle Gärten seien "besonders geeignete Orte für die Produktion sozialer Anerkennung" - weil sie bei dem ansetzten, was die Beteiligten können. Die Soziologin forscht seit 1999 zu diesem Thema und leitet die Stiftungsgemeinschaft "anstiftung & ertomis", die die interkulturellen Gärten bei ihrer Arbeit unterstützt und vernetzt. Die Migranten könnten ihr Gartenbau-Wissen in einem öffentlichen Raum zum Einsatz bringen und mit einer Gemeinschaft von Menschen aus allen sozialen Schichten teilen.

Schnittmenge zwischen alter und neuer Heimat finden

Auch Jean und seine Frau Jacqueline kennen das Gärtnern noch aus Ruanda. 1980 ist Jean zum Studium nach Deutschland gekommen, Jacqueline lebt hier seit 2005. In ihrem Beet versuchen sie, die alte und die neue Heimat zu verbinden: Sie bauen Pflanzen an, deren Saatgut aus Ruanda stammt, die aber auch in Deutschland gedeihen können. Das ist gar nicht so einfach, denn Ruanda liegt dicht am Äquator. Das ganze Jahr über herrschen dort warme Temperaturen - anders als in Deutschland. "Bananen wären ein Traum. Aber die brauchen eine Menge Sonnenenergie", erklärt Jean Ndayambaje.

Mit der Ausbeute ist das Ehepaar trotzdem zufrieden. "Das Gemüse ist viel besser als im Supermarkt", meint Jacqueline Mukansabimana. Vor dem Abendessen komme sie oft noch schnell in den Garten, um einen Salat zu holen. Im Bonner Garten dürfen keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Und der Dünger stammt vom Kompost.

Zwei Eimer Erbsen

Parzelle im Interkulturellen Garten Bonn; copyright: DW/ Johanna Veh

Im Interkulturelle Garten in Bonn bauen Menschen aus aller Welt Obst und Gemüse an

Aber nicht nur die eigene Familie kann sich an der Ernte erfreuen, erzählt Jean Ndayambaje: "Man produziert nicht nur für sich, man gibt auch den anderen etwas ab. Wenn ich zu viele Erbsen ernte, rufe ich einen Bekannten an: Komm vorbei, hol dir zwei Eimer." Dass in interkulturellen Gärten etwas produziert wird, das verschenkt oder getauscht werden kann, unterscheidet sie von anderen Integrationsprojekten, sagt Christa Müller. Dieser Aspekt sei für die Migranten sehr wichtig: "Sie erfahren sich als produktiv und großzügig. Damit stehen sie auf Augenhöhe zu anderen und können ihnen als Gleiche begegnen."

Die Gemeinschaft im Bonner Garten erlebt aber auch ihre Grenzen. "Wenn ich einen Termin zum Brombeerenschneiden verabrede, sind zehn Gärtner schon viel", erzählt Bernd Assenmacher. Er wünscht sich, dass bei Gemeinschaftsaktionen noch mehr Gärtner mitmachen. In der Gruppe etwas zu organisieren bleibe aber oft an ihm hängen. Christa Müller wundert sich über solche Schwierigkeiten nicht: "Viele - egal ob Migranten oder nicht - müssen eine demokratische Kultur des Miteinanders, des Aushandelns, des Sprechens erst einüben."

Die Garten-Gemeinschaft wird gepflegt: Saatgut wird untereinander ausgetauscht, ebenso wie Tipps zum Gemüseanbau. Und im Herbst gibt es immer eine Art Erntefest: Jeder bringt etwas mit, was er im Garten angebaut hat, und es wird gegrillt.

Auf gute Nachbarschaft

Baucontainer im Interkulturellen Garten Bonn, copyright: DW/ Johanna Veh

Für Jean Ndayambaje ist der Bauwagen Zeichen der Gemeinschaft: Jeder kann sich dort Gartenwerkzeug holen

Eine solch gute Nachbarschaft gibt es jedoch nicht überall. Als im Berliner Stadtteil Lichtenberg 2006 ein interkultureller Garten eröffnet wurde, versuchte die rechtsgerichtete Partei NPD, die Anwohner dagegen zu mobilisieren. Noch schlimmer lief es in Potsdam: Der dortige Garten wurde achtmal Opfer von Brandanschlägen und Vandalismus. Teilweise wurden Hakenkreuzschmierereien hinterlassen.

Carla Villwock vom Kulturbund Brandenburg schätzt den Schaden in der Anlage auf über 50.000 Euro. Solche Überfälle sind jedoch nur Ausnahmen. Die meisten Interkulturellen Gärten haben lediglich mit Unkraut zu kämpfen. Seit 2009 gibt es eine Videoüberwachung in Potsdam - Zwischenfälle blieben seitdem aus. Mittlerweile sind die Gebäude wieder aufgebaut. "Die Täter haben genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten", berichtet Villwock nicht ohne Stolz. Die Gärtner-Gemeinschaft ging aus den Vorfällen gestärkt hervor.

In Bonn können sich Jean und Jacqueline gar nicht mehr vorstellen, ihrem Stück Garten den Rücken zuzukehren. Hier können sich die Kinder beim Spielen austoben und die Eltern den stressigen Alltag hinter sich lassen. In seinem Beruf als Bauingenieur ist Jean Ndayambaje gewohnt, Gebäude in die Höhe wachsen zu sehen. Doch trotzdem: "Wenn ich sehe, wie aus dem Boden Leben kommt, etwas Lebendiges entsteht, ist das ein sehr schönes Gefühl. Das ist besser, als wenn man eine Brücke über einen Fluss baut", sagt er.

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