Inklusion im Theater: Romeo und Julia | Deutschland | DW | 25.09.2019
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60 Jahre Lebenshilfe Bonn

Inklusion im Theater: Romeo und Julia

Im Bonn laufen die Proben für die Tragödie von William Shakespeare auf vollen Touren. Das Besondere an dem Theaterstück: Die Darsteller des weltberühmten Liebespaars haben beide das Downsyndrom.

Julia möchte nicht mehr leben. Mit bebender Stimme hält die zierliche Frau den schwarzen Dolch an ihren Hals und schreit ihre Wut und Verzweiflung immer wieder heraus. "Ich will sterben," brüllt sie leidenschaftlich. Romeo schaut seiner großen Liebe mit einer Mischung aus Bewunderung und Stolz zu.

Romeo und Julia heißen im wahren Leben Hendrik und Antonia, sind 20 und 18 Jahre alt. Für Hendrik ist es bereits das vierte Theaterstück, für Antonia das zweite. Beide haben Trisomie 21. Und spielen mit einer Begeisterung, die auf das gesamte Laien-Ensemble mit und ohne Behinderung überschwappt.

Das Ensemble muss liefern, ob mit oder ohne Downsyndrom

Die Regisseurin geht immer wieder energisch dazwischen, gibt den Darstellern Tipps und mahnt ihre Hauptdarstellerin, sich zu konzentrieren. "Wir arbeiten sehr hart auf die Premiere vor 400 Leuten hin. Und das muss laufen, da müssen wir liefern," sagt Katharina Weishaupt. Soll heißen: Für Hendrik und Antonia gelten die gleichen schauspielerischen Ansprüche wie für den Rest des Ensembles ohne Downsyndrom.

Weishaupt hat sich auf inklusives Theater spezialisiert und in den vergangenen fünf Jahren den "Froschkönig", den "Sommernachtstraum" und "Undine" auf die Bretter gebracht. Ihr Ansatz: Sie will Menschen mit Behinderung herausholen aus ihrer Rolle in der Gesellschaft. "Sie sind ja oft passiv, sie bekommen Hilfe. Wenn behinderte Menschen aber Theater spielen, stellen sie etwas her, geben etwas, für das die Menschen Geld bezahlen," erläutert Weishaupt.

Flexibel sein und improvisieren

Die Regisseurin hat auch selbst sehr viel von ihren Darstellern mitgenommen, hat gelernt, flexibler zu sein, sich nicht auf Ideen vom Schreibtisch zu fokussieren, berichtet sie: "Wenn etwas nicht klappt, weil der Moment oder die Grundstimmung anders ist, klappt es auf einem anderen Weg."

Probe zu Romeo und Julia Theaterstück der Lebenshilfe Bonn (DW/Oliver Pieper)

Marion Frohn von der Lebenshilfe Bonn (li.) mit Regisseurin Katharina Weishaupt

Dazu gehört auch, dass inklusives Theater viel mehr Textarbeit erfordert. Komplizierte Texte werden heruntergebrochen auf den Alltag. Aus einem schwierigen Satz werden drei leichte. Improvisation ist gefragt. Auch bei den Aufführungen, wenn das Publikum dazwischenruft und die Darsteller blitzschnell darauf reagieren müssen. "Es gibt viele absurde Situationen und viel Anarchie," betont die Regisseurin: "Wir lachen unheimlich viel zusammen."

Diskriminierung gehört immer noch zum Alltag

Auch Marion Frohn bricht bei den Proben oft in Lachen aus. Sie koordiniert das Theaterstück und arbeitet ehrenamtlich bei der Lebenshilfe in Bonn. Als Elterninitiative gestartet, unterstützt der Verein seit 60 Jahren Menschen mit geistiger Behinderung von frühester Kindheit bis ins hohe Alter.

Heute gehören neben inklusiven Theaterstücken die Betreuung in Wohngruppen oder Kindertagesstätten dazu, Tanzkurse oder auch die Übersetzung von Texten in leichte und einfache Sprache. "Menschen mit Behinderung werden auch heute noch diskriminiert, Antonia und Hendrik müssen sich immer noch viele gemeine Sachen anhören", klagt Frohn: "Aber es hat sich gesellschaftlich in den letzten Jahrzehnten schon einiges getan."

Kleine Fortschritte im Miteinander

Waren früher im Kindergarten noch die Kinder mit geistiger Behinderung unter sich, spielen dort heute Kinder mit und ohne Behinderung zusammen. Seit zehn Jahren gibt es Inklusion an deutschen Schulen. Menschen mit geistiger Behinderung werden nicht mehr wie früher versteckt.

Probe zu Romeo und Julia Theaterstück der Lebenshilfe Bonn (DW/Oliver Pieper)

Hauptdarstellerin Antonia steht Ende Oktober als Julia auf der Bonner Theaterbühne

Deutschland hat sich also entwickelt, aber noch immer gebe es zu wenige Berührungspunkte wie zum Beispiel die von ihr geleitete Tanzgruppe, erklärt Marion Frohn: "Ich werde dort in eine andere Welt entführt, in der ich mich umstellen muss und eine andere Perspektive gewinne. Jeder, der als Nichtbehinderter in diese Welt eintaucht, ist sofort Feuer und Flamme, weil die Menschen mit Beeinträchtigungen so pur sind."

Diskussion über Downsyndrom-Bluttest in der Schwangerschaft

In den vergangenen Wochen waren die schätzungsweise 50.000 Menschen mit Downsyndrom in Deutschland plötzlich sehr präsent. Man diskutierte leidenschaftlich darüber, ob die Bluttests auf Trisomie von den Krankenkassen übernommen werden sollen oder nicht.

Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, gesetzlichen Kassen und Kliniken entschied schließlich, dass die Kassen voraussichtlich ab Herbst 2020 den Test bei Risiko-Schwangeren unter engen Voraussetzungen zahlen sollen.

"Ich bin sehr wütend, weil das ein wenig danach klingt, dass man das steuern möchte", kritisiert Frohn, "gerade, weil ich sehr viele Menschen in meinem Bekanntenkreis mit Downsyndrom habe und es für mich unvorstellbar ist, dass es diese Menschen nicht gäbe." Doch es sei gleichzeitig unheimlich schwer, sich in die Situation einer werdenden Mutter hineinzuversetzen, die ein Kind mit Behinderung bekommen soll

Hendrik und Antonia haben große Pläne

Die Probe für "Romeo und Julia" hat gerade Pause. Hendrik nimmt seine Antonia beschützend in den Arm. Die Hauptdarsteller des Stücks sind auch privat seit zwei Jahren ein Paar. So unglücklich wie bei Shakespeare soll ihre Liebe nicht enden, die beiden planen schon eifrig für ihre gemeinsame Zukunft.

"Wir wohnen ja noch bei unseren Eltern, aber irgendwann wollen wir selbstverständlich zusammenziehen", sagt Hendrik, "aber jetzt ist es erst einmal die Aufführung. Und das wird sehr aufregend!"

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