Influencer sollten gegen BioNTech-Impfstoff agitieren | Deutschland | DW | 27.05.2021
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Corona-Pandemie

Influencer sollten gegen BioNTech-Impfstoff agitieren

Eine mysteriöse PR-Agentur bietet Influencern Geld dafür, dass sie Falschmeldungen über den BioNTech-Impfstoff verbreiten. Spuren führen nach Russland.

"C'est étrange." "Es ist merkwürdig." So fängt der Tweet von Youtuber Leo Grasset an. Dort berichtete der Franzose, der den erfolgreichen Wissenschaftskanal "Dirty Biology” betreibt, dass eine PR-Agentur mit einem seltsamen Angebot an ihn herangetreten sei. Dafür, dass er seiner Community Falschinformationen über den BioNTech-Impfstoff vermittelt, sollte es eine attraktive Bezahlung geben.

Kampagne soll geheim gehalten werden

Die Agentur, die sich "Fazze" nennt und angeblich in London basiert ist, stellte allerdings zwei Bedingungen. Erstens sollte es so wirken, als würde Grasset seine eigene Meinung kundgeben. "Sagen Sie, dass Sie sich für Impfstoffe interessieren und dass Sie Informationen darüber entdeckt haben," "Erklären Sie, dass die Mainstream-Medien dieses Thema ignorieren," heißt es in den Handlungs-Anweisungen, die die Agentur in einer Mail an Grasset schickte. Zweitens wollte die Person hinter der Kampagne anonym bleiben. Léo Grasset lehnte ab und machte am 24. Mai den Zwischenfall öffentlich.

Angeblich höhere Sterberate bei BioNTech/Pfizer Impfstoff

In einem Fernsehinterview erklärte Grasset, er hätte gleich gewusst, dass er sich darauf nicht einlassen wollte. Zum ersten sei es in Frankreich, wie in vielen europäischen Ländern, illegal, bezahlte Werbung nicht als solche kenntlich zu machen. Vielmehr ging es aber ihm um die Inhalte, die er propagieren sollte. Etwa die falsche Behauptung, dass der Impfstoff von BioNTech/Pfizer eine signifikante Sterblichkeitsrate aufweist.

Um das zu belegen schickte die Agentur ihm eine Tabelle, deren Herkunft sich nicht verifizieren lässt. Dort werden falsche Zahlen präsentiert, die die Gefährlichkeit von Impfstoffen von BioNTech/Pfizer im Vergleich zu den Impfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson beweisen sollen.

Eine europaweite Desinformationskampagne

Was Grasset noch nicht ahnte: Er war Teil einer größeren Kampagne gewesen. Denn Fazze hatte auch andere Influencer in Frankreich, in Deutschland und sogar in Brasilien kontaktiert. Mirko Drotschmann, der sich im Internet Mr. Wissen2Go nennt und mit fast 1,5 Millionen Abonnenten einen der einflussreichsten Youtube-Kanäle zum Thema Wissenschaft betreibt, bekam das gleiche Angebot.

"Ich war überrascht und vor allem schockiert", sagt Drotschmann im DW-Interview, "dass die Menschen dieser Agentur davon ausgingen, dass ich so was mache. Die haben sich offensichtlich nicht über mich informiert." Allgemein bewertet Drotschmann den Vorgang der Agentur als äußerst "plump".

Mirko Drotschmann

"Überrascht und vor allem schockiert" zeigte sich der Wissenschafts-Influencer Mirko Drotschmann von dem Angebot, das er ablehnte

In Europa wird der Impfstoff von BioNTech massiv eingesetzt - Anfang Mai 2021 wurden 1,8 Milliarden zusätzliche Dosen bestellt. Derzeit häufen sich Kampagnen, die den Impfstoff zu diskreditieren versuchen. Besonders Moskau und Beijing stehen im Fokus. EineEU-Studie vom letzten Monat warnt vor "staatlich geförderten Desinformationen," die darauf abzielen, Misstrauen gegenüber westlichen Impfstoffen zu schüren, indem sie "unbelegte Verbindungen zwischen Impfungen und Todesfällen in Europa" herstellen und russische und chinesische Impfstoffe als überlegen anpreisen.

Wer steht hinter Fazze, der mysteriösen PR Agentur?

Nachdem Grasset und andere Influencer die Kampagne öffentlich machten, steht die Werbeagentur Fazze unter näherer Betrachtung. Zahlreiche ihrer Falschangaben wurden aufgedeckt. Zum Beispiel existiert der angebliche Hauptsitz in London gar nicht. Laut einer Recherche der französischen Online Publikation Numerama ist das Unternehmen weder in Großbritannien registriert, noch gibt es an der angegebenen Adresse Büros eines solchen Unternehmens. Die Fazze-Webseite deutet höchstens auf einen möglichen Briefkasten auf den britischen Jungferninseln. 

Hinweise auf Russland-Connection

Der französischen Zeitung Le Monde gelang es zudem, an die E-Mail-Adressen zu kommen, die verwendet wurden, um einen der französischen Influencer zu kontaktieren. Das inzwischen unzugängliche Profil des Firmenchefs und der Head of Sales verraten, dass die Firma von Moskau und nicht von London aus operierte.

Großbritannien Russland Vermeintlicher Hauptsitz der Firma Fazze in London

In der Nähe der British Museum sollte die Agentur Fazze angeblich ihr Büro haben. Doch das Büro gab es nie.

Beweise, die auf Russlands Einmischung hindeuten, erlauben keine endgültigen Schlüsse. Weder das Land noch der russische Impfstoff Sputnik V, den Moskau aktiv bewirbt, werden in den Anweisungen von Fazze erwähnt. Der anonyme "Kunde" der Firma Fazze zieht es vor, einen anderen Impfstoff, AstraZeneca, gegen BioNTech/Pfizer auszuspielen. Trotzdem hält Dr. Janis Kluge, Russland-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, einen Versuch der russischen Einflussnahme für plausibel.

Die Tabelle, die Influencer verbreiten sollten, ähnelte stark der Rhetorik des Twitter-Accounts von Sputnik V. Vermehrt wurde dort in den letzten Wochen die Sterblichkeitsrate der westlichen Impfungen falsch und übertrieben hoch dargestellt. "Bei diesen Fake-News-Kampagnen geht es Russland auch um wirtschaftliche Interessen, aber vor allem um das Aufwerten des eigenen Images, das einer Weltmacht, die auch High-Tech kann. Und dazu gehört nach deren Auffassung, andere mit Schlamm zu bewerfen," sagt Kluge im Gespräch.

Die Spuren werden beseitigt

Fast alle von der Agentur gesendeten Quellen, etwa auf Reddit, wurden nach Grassets Veröffentlichung binnen Stunden entfernt. Auch die Personen, die sich als Mitarbeiter von Fazze ausgeben, haben ihre Profile privat gestellt oder sogar Informationen gelöscht. Die Webseite Fazze.com war zeitweise nicht mehr erreichbar.

Es bleibt unklar, wie viele Influencer das Angebot tatsächlich angenommen haben. Grasset hofft, dass die meisten nicht die Zeit hatten, Ihre Videos fertigzustellen, bis die Kampagne aufflog.

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