Inferno in Kemerowo: Tiefe Kluft zwischen Bürgern und Politik | Europa | DW | 27.03.2018
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Russland

Inferno in Kemerowo: Tiefe Kluft zwischen Bürgern und Politik

Russland trauert um die vielen Toten der Brandkatastrophe in einem Einkaufszentrum im sibirischen Kemerowo. Viele Menschen misstrauen den Behörden. Bevölkerung und Politik reden aneinander vorbei.

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Putin gedenkt Opfer der Brandkatastrophe von Kemerowo

Schwarze Tage für Russland: Das Ausmaß der Brandkatastrophe in der sibirischen Stadt Kemerowo, bei der über 60 Menschen, die meisten Kinder, starben, schürt Wut und Trauer in der Bevölkerung. Der verheerende Brand in einem Einkaufszentrum, der am Sonntag und Montag wütete, ist in den vergangenen Jahren nicht die erste und nicht die größte Tragödie dieser Art in Russland und doch ist die Empörung in der Bevölkerung ungewöhnlich groß. Einer der Gründe dafür ist der Umgang der Behörden und der staatlich kontrollierten Medien mit der Katastrophe und den Opfern.

Als das Feuer am Sonntag im vierten Stock des Einkaufszentrums ausbrach und es erste Opfer gab, widmeten die großen staatlichen TV-Kanäle den Ereignissen in Kemerowo kaum Sendezeit. Erst am Tag danach berichtete das Staatsfernsehen ausführlicher über die Tragödie. Auch der Besuch von Präsident Wladimir Putin am Dienstag in Kemerowo stand im Fokus der Medien. Doch die große Kundgebung auf dem zentralen Platz der Stadt blieb unerwähnt, zu der sich gut 5000 Menschen versammelt hatten. Zudem sprachen die staatlichen Medien weder mit Betroffenen, die Angehörige beim Brand verloren haben, noch mit Augenzeugen.

Gouverneur erzürnt die Menschen

Der Gouverneur von Kemerowo, Aman Tulejew, sorgte für große Empörung, weil er auch zwei Tage nach der Brandkatastrophe weder den Unglücksort besucht noch mit den Angehörigen der Opfer gesprochen hat. Tulejew regiert seit 20 Jahren die Region und sicherte Putin immer wieder russlandweit die besten Ergebnisse bei Wahlen.

Protestkundgebung in Kemerowo nach Brand in Einkaufszentrum (Reuters/M. Lisova)

"Wie viele Opfer sind es wirklich?" steht auf einem Plakat der Demonstranten in Kemerowo

Weiteren Unmut und Entrüstung rief er hervor, indem er sich nur gegenüber dem Präsidenten für die Katastrophe entschuldigte. Bei einem überraschenden Besuch Putins in Kemerowo sagte er: "Wladimir Wladimirowitsch, Sie haben mich persönlich angerufen. Noch mal allergrößten Dank. Ich bitte Sie persönlich um Verzeihung für das, was auf unserem Territorium passierte."

Bei den Angehörigen entschuldigte sich der Gouverneur hingegen nicht. Tausende Demonstranten, die auf der Kundgebung auf dem zentralen Platz der Stadt seinen Rücktritt forderten, bezeichnete er als "Krawallmacher" und "Aasgeier".

Für Putin musste sich Tulejew Zeit nehmen, aber zu den Menschen, die zehn Stunden in der Kälte bei der Kundgebung ausharrten, ging er nicht. Vizegouverneur Sergej Ziwiljow, vertrat ihn dort. Am Montag noch bezichtigte Ziwiljow den Demonstranten Igor Wostrikow, er wolle sich nur durch das Leid profilieren. Wostrikow entgegnete dem Vizegouverneur, er habe im Feuer seine Schwester, Ehefrau und drei kleine Kinder - sieben, fünf und zwei Jahre alt - verloren.

Erst am Dienstag, vor dem Hintergrund immer größer werdender Proteste, entschloss sich der Vizegouverneur zu einer Geste: Er kniete vor Demonstranten nieder und bat alle Betroffenen um Verzeihung. Dafür erntete er Applaus aber auch Buhrufe.

Starkes Misstrauen und Angst

Viele Menschen in Kemerowo trauen den Angaben der Behörden nicht mehr. Hartnäckig verbreitet sich in den sozialen Medien die These, dass die am Dienstag offiziell verkündete Zahl von 67 Opfern, darunter 41 Kinder, nur ein Vertuschungsmanöver seien und die wahre Opferzahl weit höher sei. Die Rede ist von "hunderten" Toten. Bewiesen sind diese Zahlen nicht, es gibt nur anonyme Quellen. Allerdings hat sich eine Gruppe lokaler Aktivisten gebildet und stellt eine eigene Liste zusammen. Sie kommen auf 85 Vermisste, darunter sollen 70 Kinder sein.

Russland Gedenken in Kemerowo nach Brand in Einkaufszentrum (picture-alliance/AP Photo/S. Gavrilenko)

Kundgebung im Zentrum von Kemerowo: Vergebliches Warten auf den russischen Präsidenten

Als Vizegouverneur Ziwiljow die offiziellen Opfer-Zahlen vor der Menschenmenge am Zentralplatz von Kemerowo nannte, quittierten Demonstranten diese mit lang anhaltenden verärgerten Pfiffen. Auf DW-Nachfrage äußerten viele Menschen Zweifel an den bisherigen Ermittlungsergebnissen. Sie kritisierten das Vorgehen der Behörden während und nach der Katastrophe. 

Doch viele haben offenbar Angst vor den Behörden. Wladimir Warfolomejew vom einflussreichen Radiosender "Echo Moskwy" schrieb in seinem Facebook-Profil, mehr als die Hälfte seiner Quellen wolle nicht genannt werden und Interviewpartner hätten um eine Verfremdung ihrer Stimme gebeten. "Dabei ist es kein Terrorakt, keine politische Verschwörung und kein aggressiver militärischer Akt. Was müssen die Leute für eine wilde Angst verspüren, dass sie sich heute nicht trauen, laut darüber zu sprechen, was passiert ist", schrieb Warfolomejew.

Schweigepflicht für die Angehörigen der Opfer

Misstrauisch macht die Menschen auch, dass die Angehörigen der Opfer eine Schweigepflichtserklärung bei der Identifizierung der Opfer unterschreiben mussten. Die russischen Behörden begründen dies als eine Maßnahme zum Schutz der Angehörigen. Bei den Betroffenen entsteht jedoch der Eindruck, dass das wahre Ausmaß der Tragödie verheimlicht werden soll.

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