In mehreren Sprachen zu Hause sein | Deutschlehrer-Info | DW | 20.02.2020
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Deutschlehrer-Info

In mehreren Sprachen zu Hause sein

Viele Kinder wachsen in Deutschland mehrsprachig auf. An Schulen wird Bilingualität jedoch häufig nicht als Potenzial erkannt, das gefördert werden muss. Bildungsexperten finden, dass sich das ändern sollte.

Die meisten Menschen haben nur eine Muttersprache. Der dreijährige Seymen und der siebenjährige Ensar haben zwei: Türkisch sprechen sie mit Eltern und Großeltern. Deutsch in der Kita, in der Schule und mit Freunden. Zwischen ihren beiden Muttersprachen scheinen die beiden Jungs problemlos zu wechseln. „Unser Weg ist: zu Hause möglichst immer Türkisch, draußen konsequent Deutsch“, sagt ihre Mutter Aslihan Bakkal. Sie findet: „Mehrsprachig aufzuwachsen ist ein Vorteil, eine Bereicherung. Die Kinder werden damit ja auch in zwei Kulturen groß.“

Mehrsprachigkeit in Deutschland Alltag

In Deutschland ist Mehrsprachigkeit wegen der Migrantinnen und Migranten aus aller Herren Länder längst Alltag. Auf Schulhöfen werden mehr als hundert Sprachen gesprochen, sagt Stefanie Bredthauer vom Mercator Institut für Sprachforschung und Deutsch als Zweitsprache in Köln. „Man kann davon ausgehen, dass etwa ein Drittel der Schülerschaft zwei- oder mehrsprachig aufwächst.“ Dabei gebe es je nach Stärke der Zuwanderungsbewegung regionale Unterschiede. Nordrhein-Westfalen gehöre im Hinblick auf Sprachenvielfalt zu den Hotspots, so Bredthauer.

Aber von Sprachgenies einmal abgesehen: Hat ein Kopf überhaupt Platz für zwei Muttersprachen, die fehlerfrei nebeneinander funktionieren? Die Sprachexpertin Bredthauer meint, es sei selten, dass jemand zwei Sprachen wirklich mit exakt gleicher Kompetenz und gleichem Wortschatz beherrsche.

Nur Deutsch erwünscht?

Doch sich dann gleich nur auf eine Muttersprache zu konzentrieren, sei auch nicht notwendig. Das sei irgendwie eine typisch deutsche Auffassung. Stattdessen, sagt Bredthauer, „sollte das Bildungssystem die Mehrsprachigkeit viel stärker als Potenzial erkennen, nutzen und systematisch fördern.“ Länder wie Frankreich oder die Niederlande seien da viel weiter.

Alle Sprachen sollten gleichermaßen wertgeschätzt werden, findet Bredthauer. Sprache sei auch Identität, und Lernen habe viel mit Motivation zu tun. Sie hat nach eigenen Angaben beobachtet, wie Kinder, die neben Deutsch noch gerne eine zweite Sprache gesprochen haben, diese plötzlich verweigert haben, als sie in die Schule kamen. Denn dort hätten sie plötzlich das Gefühl gehabt, dass nur Deutsch die erwünschte Sprache sei. Ob Arabisch, Türkisch, Polnisch, Russisch: Lehrende sollten alle Sprachen einbeziehen, die die Schüler von zu Hause mitbringen und die Kinder als Expertinnen und Experten heranziehen.

Allerdings ist auch für Seymen und Ensar Zweisprachigkeit nicht immer einfach. Es gibt Phasen, in denen mal das Türkische die Nase vorn hat, dann ist eher Deutsch angesagt. Ihre Mutter – fließend zweisprachig – meint: „Es wird ihnen in Kita und Schule doch sprachlich einiges abverlangt. Ich möchte sie nicht in eine Zwickmühle bringen. Perfektes Deutsch hat schon Priorität.“

Mehrsprachigkeit als Potenzial erkennen

In mehreren Sprachen zu Hause zu sein, sei eine kostbare Ressource, betont auch die Dortmunder Bildungsforscherin Nele McElvany. Es könne sich damit auch eine Orientierung in ein weiteres Land eröffnen – und später zusätzliche berufliche Möglichkeiten. Für den bilingualen Spracherwerb gelte: Je früher, desto besser. In den ersten Lebensjahren seien Kinder besonders lernfähig. „Wer kompetent und auf hohem Niveau bilingual ist, hat oft sehr früh mit zwei Sprachen angefangen, ist quasi in beide Sprachen ‚reinsozialisiert‘ worden.“

Individuell hänge die Fähigkeit zur Mehrsprachigkeit beziehungsweise zur Bilingualität auch von Faktoren wie der Qualität des Sprachinputs, der Sprachbegabung und der Persönlichkeit ab. Die Wissenschaftlerin ist aber überzeugt: „Man kann und soll Kindern zutrauen, mit zwei Sprachen aufzuwachsen und sich zurechtzufinden.“ Für Kita und Grundschule fordert McElvany aber deutlich mehr Deutsch-Sprachförderung. Wichtig ist ihrer Meinung nach, die Sprachen auf keinen Fall gegeneinander auszuspielen. Und was zu Hause gesprochen werde, sei privat, eine Einmischung von außen tabu. Die Förderung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt steht auch im Fokus des von der UNESCO im Jahr 2000 ausgerufenen Internationalen Tags der Muttersprache, der am 21. Februar begangen wird.

sts (dpa)/wa

 

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