Immer weniger Verkehrstote - außer bei den Radfahrern | Deutschland | DW | 17.10.2018
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Straßenverkehr

Immer weniger Verkehrstote - außer bei den Radfahrern

Dank besserer Sicherheitstechnik sterben in Deutschland immer weniger Menschen im Straßenverkehr. Doch seit 2010 sinken die Unfallzahlen langsamer. Bei Radfahrern gibt es sogar wieder mehr Unfälle pro Jahr.

"Der Unfallverhütungsbericht zeigt, dass unsere Verkehrssicherheitsarbeit wirkt". So zitiert das Bundesverkehrsministeriums (BMVI) seinen Minister Andreas Scheuer in der Mitteilung zu seinem aktuellen Bericht über die Entwicklung der Verkehrsunfälle in Deutschland. Und tatsächlich zeigt die Statistik ein Minus in fast allen Gruppen von Verkehrsteilnehmern: Von den Fußgängern bis zu den Kraftfahrern, von den Kindern bis zu den Senioren - praktisch überall ist die Zahl der Verkehrstoten 2017 erneut gefallen - um 0,8 Prozent. 3180 Verkehrstote: Das ist der niedrigste Stand seit 1950. Das BMVI sieht sich offenbar auf einem guten Weg zu seinem Ziel: 40 Prozent weniger Verkehrstote im Jahr 2020 im Vergleich zu 2011.

Beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) sieht man das ganz anders: "Dieses Ziel wird die Bundesregierung krachend verfehlen", heißt es in einem Statement, das der DW vorliegt. Tatsächlich ist nach sieben von zehn Jahren erst die Hälfte des geplanten Rückgangs zu verzeichnen: 20 von 40 Prozent - "in den verbleibenden 3 (sic!) Jahren ist die zweite Hälfte der Ziele nicht mehr zu erreichen", schreibt der ADFC.

Mehr Fahrradunfälle mit Verletzten

Tatsächlich sinken die Unfallzahlen seit 2010 langsamer als davor. So ist bei den Fußgängern ein deutlicher Rückgang der Unfallzahlen bis 2010 zu verzeichnen. Seither bewegt sich die Gesamtzahl der jährlichen Unfälle um 32.500. Im Jahr 2017 starben 483 Fußgänger. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei motorisierten Zweirädern: Vergangenes Jahr starben 642 Motorradfahrer.

Bei den Radfahrern ist die Zahl der Unfälle dagegen sogar angestiegen: seit 2010 um satte 20 Prozent (von 65.573 auf 79.826). Der ADFC bemängelt: "Während Pkw-Insassen von der immer besseren Fahrzeugtechnik profitieren, gab es für die Sicherheit von Radfahrerinnen und Radfahrern bisher kaum Verbesserungen."

Deutachland | Fahrradfahrerin stirbt nach Unfall mit Lkw (picture-alliance/dpa/D. Reinhardt)

Häufige Todesursache: Kraftfahrer übersehen Radfahrer beim Rechtsabbiegen. Der ADFC fordert Sicherheitssysteme

Was die Elektronik betrifft, mag das stimmen, doch offenbar hat die größere Verbreitung von Fahrradhelmen seit dem Jahr 2000 zumindest die Unfallfolgen gelindert: Es wurden zwar mehr Radfahrer leicht verletzt, aber weniger Menschen erlitten schwere oder gar tödliche Verletzungen.

Doch bei auch hier markiert das Jahr 2010 einen Wendepunkt. Seither gab es wieder mehr Schwerverletzte pro Jahr. Die Zahl der tödlichen Unfälle geht nicht zurück: 381 tote Radfahrer waren es 2010, im Jahr 2017 starben 382 Radfahrer.

Unterschätzte Gefahr: Pedelecs

Seit einigen Jahren erfasst die amtliche Statistik gesondert die Unfälle mit Pedelecs. Diese Fahrräder verfügen über einen Elektromotor, der die Kraft des Fahrers bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern verstärkt. Der Anteil der Pedelec-Fahrer an den getöteten Radfahrern ist laut Unfallverhütungsbericht zwischen 2015 und 2017 von acht auf 18 Prozent gestiegen.

Mülheim - Senioren üben das Fahren mit dem E-Bike (picture-alliance/dpa/C. Seidel)

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat empfiehlt gerade älteren Rad- und Pedelec-Fahrern ein Sicherheitstraining

"Viele Menschen unterschätzen die Beschleunigung: Autofahrer, Fußgänger und nicht zuletzt die Pedelec-Fahrer selbst", sagt Julia Fohmann, Sprecherin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR), der DW. Gerade älteren Menschen rät der DVR daher zu speziellen Trainings, die Nutzer mit der Fahrdynamik der schnellen Räder vertraut machen. In rund 60 Prozent der Fälle sind Pedelec- und Radfahrer selbst die Unfallverursacher. Ein Viertel der tödlichen Fahrradunfälle geschehen ganz ohne Fremdeinwirkung.

Dennoch weist der ADFC auf die große Gefahr durch abbiegende Lkw und PKW hin. Der Verband fordert von der Bundesregierung: "verpflichtende Abbiege- und Notbremsassistenten zum Schutz von Radfahrenden, physisch geschützte Radwege und Kreuzungen nach niederländischem Vorbild und separate Ampelschaltungen für den Radverkehr".

Mehr Sicherheit durch Technik

Insgesamt ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Gesamtzahl der Verkehrstoten rückläufig ist. Das BMVI lobt eigene Initiativen jüngeren Datums als Ursachen dafür: das verschärfte Handy-Verbot am Steuer, die Erlaubnis für Eltern, ihre Kinder bis zum Alter von acht Jahren auf dem Gehweg mit dem Fahrrad zu begleiten sowie zielgruppenorientierte Verkehrsbildungsprogramme. 

Der Fahrrad-Club dagegen nennt ganz andere Gründe: Die größten Fortschritte seien bereits in den 2000er Jahren erzielt worden - einem Jahrzehnt, "in dem Gurt und Airbag viel zum Rückgang beigetragen haben". Ganz ähnlich sieht das DVR-Sprecherin Fohmann: "Europaweit verzeichnen Länder in dieser Dekade deutlich rückgängige Zahlen von Verkehrstoten. Dazu beigetragen haben sicher technische Neuerungen wie ABS (Anti-Blockier-Systems, d.R.) und ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm, d.R.), aber auch die Gurttragequote. Zudem hat die Rettungs- und Notfallmedizin große Fortschritte gemacht: Es sterben weniger Verletzte an Unfallfolgen."

Symbolbild | Kindersitz im Auto Little (imago/photothek/U. Grabowsky)

Ein wichtiger Faktor: 97 Prozent der Kinder fahren inzwischen gesichert im Auto mit

Sicherheitsbewusstsein schützt Kinder 

2017 sind 75 Prozent weniger Kinder unter 15 Jahren im Straßenverkehr getötet worden als im Jahr 2000. Nach Einschätzung des DRV lag das maßgeblich daran, dass sie häufiger Fahrradhelme tragen und im Auto häufiger angeschnallt waren: Nach Erhebungen der Bundesanstalt für Straßenwesen waren sie zu 97 Prozent gesichert - wenngleich nicht alle altersgerecht.

Dennoch sterben Kinder im Straßenverkehr am häufigsten als PKW-Insassen. 2017 waren es 23 Jungen und Mädchen. 15 Kinder verunglückten tödlich beim Radfahren und 19 als Fußgänger. Julia Fohmann hat dazu eine persönliche Vermutung: "Vielleicht halten sich Kinder nicht mehr so oft im Straßenraum auf wie in früheren Jahren."

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