Im Schlaf von Berlin nach Paris: Das Comeback der Nachtzüge | Wirtschaft | DW | 14.12.2020
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Verkehr

Im Schlaf von Berlin nach Paris: Das Comeback der Nachtzüge

Vor rund vier Jahren hat die Deutsche Bahn ihre Nachtzüge eingestellt. Nun sollen sie wiederbelebt werden. Zusammen mit den Bahnen der Nachbarn in Österreich, der Schweiz und Frankreich.

Abends am Berliner Hauptbahnhof in den Zug einsteigen und am nächsten Morgen ausgeschlafen mit einem Blick auf den Eiffelturm aufwachen. Ein schöner Gedanke. Vor vier Jahren hatte die Deutsche Bahn allerdings entschieden, ihre Nachtzüge einzustellen. Sie seien aus wirtschaftlicher Sicht nicht mehr haltbar, so das Argument der DB. Kritiker sahen darin allerdings vorgeschobene Gründe - wie bei einer öffentlichen Anhörung des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages im Februar 2017 deutlich wurde.   

Zum Nachlesen: Das Protokoll der Anhörung: 

Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) sprangen ein und übernahmen einige Linien. Doch jetzt die Kehrtwende. Gemeinsam mit den ÖBB, dazu die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und der französischen SNCF will die Deutsche Bahn den Nachtzugverkehr wiederaufleben lassen.

Ende des kommenden Jahres soll es losgehen. Unter dem Namen Nightjet sind dann zunächst vier neue Linien geplant. Ab Dezember 2021 soll es im Nachtzug von Wien über München nach Paris oder von Zürich über Köln bis an die Grachten in Amsterdam gehen. Ein Jahr später soll dann eine Verbindung von Zürich bis in die ewige Stadt Rom aufgenommen werden. Von Berlin aus soll es im Dezember 2023 dann tatsächlich nach Paris oder wahlweise nach Brüssel gehen. Eine Verbindung von Zürich an den Strand von Barcelona soll das Netz im Dezember 2024 zunächst komplettieren.

Infografik Neue Nachtzug-Verbindungen der DB ab 2021

Weniger Emissionen als andere Verkehrsträger

Gernot Sieg, Verkehrswissenschaftler der Universität Münster, ist noch skeptisch. "Ob sich das rechnet, muss sich noch herausstellen", meint er. Fliegen sei immerhin am Ende doch schneller und gerade Geschäftsreisende würden eher am Abend in den Flieger steigen und die Nacht dann in einem Hotel verbringen, schätzt er. Er stellt deshalb die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Projekts noch in Frage. Denn werden die Züge nicht voll, könnten die Kosten nicht gedeckt werden. Zudem haben die Nachtzüge auch eine geringere Kapazität und sind seiner Meinung nach weniger komfortabel als beispielsweise ein Flugzeug.

Dennoch ist Sieg gespannt und hofft, dass das Konzept aufgeht, denn: "Die Eisenbahn ist sicherer und stößt schon jetzt weniger Emissionen aus als andere Verkehrsmittel." Das gelte auch für den Nachtzugverkehr. Mehr Umweltfreundlichkeit ist auch eines der erklärten Ziele der beteiligten Bahnunternehmen mit diesem Vorhaben. Es soll helfen, den CO2-Ausstoß in Europa zu reduzieren und damit einen Beitrag zu leisten, das Pariser Klimaabkommen doch noch einhalten zu können. Die neuen Nachtzüge sollen die Angebote für nachhaltiges und umweltfreundliches Reisen vergrößern und eine Alternative zu innereuropäischen Flügen bieten.

Auftakt zum Europäischen Jahr der Schiene

Kurzfristig sei dieser Schritt laut Sieg unerheblich, langfristig sei der Nachtzugverkehr aber besser als das Fliegen, da die Bahn bereits elektrifiziert ist, was beim Flugverkehr wohl erst in ferner Zukunft denkbar ist. Für Sieg ist eine Reise im Nachtzug vor allem etwas für Reisende, die bereits auf ihrem Weg in den Urlaub "ein kleines Abenteuer" suchen. 

Die Ankündigung der Nachtzugpläne bildete den Auftakt zum Europäischen Jahr der Schiene. Denn auf europäischer Ebene soll das kommende Jahr im Verkehrsbereich der Stärkung des Schienenverkehrs gewidmet sein. So gibt es auch von den Verkehrsministern Zuspruch für den Zusammenschluss. Ein starker Schienenverkehr ist in ihren Augen unverzichtbar auf dem Weg in eine umweltfreundlichere Zukunft - und dazu gehören auch die neu geplanten Nachtzuglinien.

Die Zusammenarbeit der Bahnunternehmen sieht Sieg dabei nicht als problematisch. "Der Markt ist nicht so groß, dass durch Konkurrenz Preise niedriger werden könnten", ist er überzeugt und ergänzt: "Ein Anbieter ist immerhin besser als keiner." Zudem stünden die Nachtzüge ja auch immer noch im Wettbewerb mit den Fluggesellschaften, so der Verkehrsexperte.

Es gilt nun also abzuwarten ob die Zusammenarbeit der Verkehrsunternehmen funktioniert und die neuen Nightjets von den Verbrauchern auch angenommen werden. Für Umwelt und Klima sind mehr Zugfahrten auf jeden Fall eine gute Nachricht. 

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