Im Kohlenpott | Sprachbar | DW | 17.02.2016
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Sprachbar

Im Kohlenpott

Herne, Bottrop, Gelsenkirchen, Bochum, Essen, Mülheim, Duisburg, Oberhausen – Mann, gibbet im Pott schöne Städte. Und die Sprache erst! Ja leckofanni!

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Im Kohlenpott

Der Pott, von dem hier die Rede ist, ist das Ruhrgebiet, eine Metropolregion in Nordrhein-Westfalen, in der circa fünf Millionen Menschen zu Hause sind. Wie überall, gibt es auch hier einen speziellen Dialekt – oder besser Regiolekt –, den die Einwohner des Ruhrgebiets sprechen. Rücken wir dem Ruhrdeutsch und ihren Sprechern doch mal auf die Pelle!

Tach auch!

Fans in der Bundesliga Schalke 04

Die Ruhris und ihre Fußballclubs

Wer mal in den Genuss kommt, eine Begegnung zwischen zwei „Ruhris“ mitzuerleben, der wird merken, dass es ganz eigene Regeln der Kommunikation gibt. Zunächst mal sollte man wissen, dass der Ruhrgebietsbewohner sehr direkt ist und jeden sofort duzt. Eine klassische Begrüßung auf der Straße ist etwa: „Tach auch!“, gefolgt von einigen Fragen, wie zum Beispiel: „Na, wat macht dein Oller?“ Als Olle oder Ollen bezeichnet man im Ruhrgebiet die Frau oder den Mann.

Andere Möglichkeiten sind Fragen nach den Kindern oder der Arbeit: „Hömma, wat machen denn de Blagen?“ beziehungsweise „Wat macht de Maloche?“. Als Antwort auf alle Fragen hört man ganz oft ein knappes „Ja, et muss, ne!“ oder ein „Boa, hör mir auf, do!“. Kleine Füllwörter, wie boa und ey hört man hier sehr oft, besonders gerne auch in Kombination: boa ey. Es folgt die Gegenfrage: „Und wie iset sons so?“ Man tauscht also die wichtigsten Neuigkeiten aus, um sich dann mit einem „Tschüsskes“ oder „Tschüssikowski“ zu verabschieden.

Eine ganz eigene Grammatik

Historisches Bild: verdreckte Kumpel im Bergwerk unter Tage

So war dat früher unter Tage!

Auch die Grammatik im Ruhrgebiet folgt ihren eigenen Regeln. Das Präsens zum Beispiel wird in den meisten Fällen durch die sogenannte „Rheinische Verlaufsform“ ersetzt. Statt „Es regnet“ wird „Et is am reechnen“ gesagt.

Eine andere Faustregel ist, dass ein „-s“ am Ende eines Wortes durch ein „-t“ ersetzt wird: es wird zu et, das wird zu dat. „Boa, is dat en schäbbiget Wetter draußen, et is ja nur am reechnen.“ Auf Hochdeutsch übersetzt: „Was ist das für ein schlechtes Wetter draußen, es regnet ja nur.“

Der Omma ihre Sprache

Panorama Aufnahme des Duisburger Innenhafens am Abend

Ab inne Kneipe, en Pilsken zischen!

Auch bei Fällen und Präpositionen sind die „Ruhris“ nicht so pingelig. Denn was korrekt lauten müsste: „Omas Haus“ wird zu „Der Omma ihr Häusken“. Genauso hört man Sätze wie: „Boa, ich sach Sie dat!“ oder „Ich hab für ihr gesagt, se soll ma ihre Plünnen aufräumen, hier siehdet ütt wie bei Hempels unterm Sofa!“. Diese Familie Hempel, die in der deutschen Sprache symbolisch für Unordnung steht, soll übrigens aus dem Ruhrgebiet stammen.

Und anstatt zu fragen, ob man zu der Oma möchte, heißt es: „Willze nache Omma hin?“ oder „Willze bei de Omma bei?“. Auch die Verniedlichungsform ist im Pott eine ganz andere. Statt des -chens wird hier ein -ken oder -kes an die Wörter gehängt. „Hömma, du siehs heute aber n bissken bläßkes aus, soll ich dir ma n Käffken machen?“ Na, verstanden?

Die Ruhris sprechen schnell

Blumenkasten in Form eines Grubenwagens mit der Aufschrift Glück Auf

Begrüßung unter Kumpels: Glück auf, der Steiger kommt!

Eine weitere Hürde stellt die Aussprache dar. Im Ruhrgebiet wird sehr schnell gesprochen und so werden viele Wörter auch einfach zusammengezogen. Wenn man woanders sagt: „Beeil dich mal bitte!“, geht es hier etwas direkter zu: „Komma inne Puschen, Kumpel!“. Komm mal wird also zu einem Komma verkürzt und aus in die wird inne.

Nebenbei sei Folgendes erwähnt: Dass das Wörtchen Kumpel eine ganz besondere Tradition im Revier hat. Denn so wurden hier früher die Bergmänner bezeichnet, die auf den vielen Zechen oder Pütts im Kohleabbau gearbeitet haben. In der heutigen Umgangssprache hingegen steht Kumpel für Freund.

Prägende Einflüsse

Das Ruhrgebiet ist ein Schmelzpott, in dem Menschen verschiedenster Herkunft leben. In den „goldenen Zeiten“ des Ruhrgebiets kamen viele von ihnen – oder ihre Eltern und Großeltern – als Arbeiter, um in den Steinkohle-Bergwerken oder der Stahlindustrie einen Job zu finden.

Besonders prägend waren die polnischen Einwanderer für die Region. Einige polnische Begriffe haben dann sogar Einzug in die Sprache gefunden, wie zum Beispiel der Mottek, den Oppa mit auffe Arbeit nahm. Ein Mottek war schlicht und einfach ein Hammer. Eine Mattka ist allerdings nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, etymologisch damit verwandt. Der „Pottler“ versteht darunter eine dickliche ältere Dame!

Unternander und Bratskartoffeln

Schild mit der Aufschrift Kohle ist Brot

Ohne Geld, gibt's auch kein Unternander

Auch kulinarisch hatten die Einwanderer aus Osteuropa Einfluss. So wurden viele Gerichte mit günstigen Zutaten gekocht, oft Suppen oder Eintöpfe – aber ganz gewiss immer mit Kartoffeln in sämtlichen Variationen: Bratkartoffeln – oder wie man hier sagt Bratskartoffeln –, Stampfkartoffeln, Pellkartoffeln, und, und, und.

Aber am allerliebsten werden das Gemüse und die gekochten Kartoffeln direkt vermengt und man bekommt ein herrliches Unternander. Zum Beispiel „Möhrenunternander mit Frikadelle“ oder „Grünkohlunternander mit Mettwurst“. Statt eines „Das ist aber lecker“ ist der Pottler wieder direkter: „Hömma, wenne dat probieren tus, dann bisse vonne Socken! Da kannze noch so quisselig sein, dat mach jeder!

Noch mehr kulinarische „Pottgerichte“

Currywurst Pommes

Die Mantaplatte

Die Einwanderer aus Ostpreußen brachten auch die Königsberger Klopse mit, die bis heute gern gegessen werden. Ein anderes klassisches Ruhrgebietsgericht ist Pannas, eine Art Blutwurst, die mit vielen Beilagen gegessen werden kann. Er ist so beliebt, dass er sogar Einzug in eine Redewendung gefunden hat. Unartige Kinder, Blagen, bekommen von ihren Eltern die Drohung zu hören: „Getz abba Schluss mit dat Palaver, sonst ist hier gleich Pannas am Schwenkmast!

Zu Abend isst man auch im Ruhrgebiet gerne Brot. „Watt gibbet auch lekereres als n paar Dubbels oder n Bütterken, ne? Nur der Vadda, der kricht dann vonne Mudda aams noch n Teller Mittach warm gemacht.“ Ein Teller Mittach ist quasi das, was vom Mittagessen noch übrig geblieben ist. Falls es zu Hause dann allerdings geschmeckt hat wie bei Omma unterm Arm, sollte man sich nicht scheuen und die allseits beliebte Mantaplatte bestellen: Currywurst mit Pommes. Und auf die Frage: „Kommt da noch watt bei, bei de Pommes?“ gibt’s dann nur eine klare Antwort: „Ja, sichaaa, Mayo!“

Gelsenkirchener Barock

Großes Weißes Haus mit vielen ornamentalen verierungen im Stil des Gelsenkirchener Barock

Ob es innen wohl aussieht wie bei Hempels unterm Sofa?

Kulinarisch, wie auch kulturell haben aber auch die vielen Italiener, Griechen und Türken das Ruhrgebiet beeinflusst. Sie sind hier längst zu Hause und sorgen dafür, dass das Revier so bunt und multikulturell ist. Hier gehen Graf Koks vonne Gasanstalt und Hein Dralle vonne Teerfabrik zusammen auf Trallafitti und verstehen sich wunderbar. Es ist die Mischung, die das Ruhrgebiet ausmacht.

Vielleicht wirkt der Charme des Ruhrgebiets auf manchen Außenstehenden etwas prollig oder derb. Abschrecken lassen sollte man sich davon aber nicht, denn hinter der hart wirkenden Schale steckt ein weicher Kern. Freundschaft wird hier groß geschrieben. Und ganz egal, ob auf Schalke oder in Dortmund, das Herz des Ruhrgebiets schlägt für den Fußball.

Schicht im Schacht!

Aber der Pott hat sehr viel mehr zu bieten als nur Fußball, die Autobahn A40, die ihn durchzieht, Pommesbuden, Schrebergärten, Pütts und Dreck. Denn die Zeiten, in denen die Wäsche wegen der rauchenden Kohleschlote zum Trocknen nicht mehr nach draußen gehängt werden konnte, sind vorbei. Immer mehr Grünflächen entstehen und auch kulturell holt das Revier mächtig auf. Kommt doch einfach mal vorbei! Schaut euch das Ruhrgebiet an und spürt seine Gastfreundlichkeit. Bleibt bis inne Puppen wach, geht auf Jöck und schnasselt euch einen! Geht inne Kneipe, sitzt in Walsum neben Willi anne Theke, der euch n Kotlett anne Backe labert und schlürft Pilsken und Fisternölleken bis der Wirt bölkt: „So, getz is hier aber hängen im Schacht!“ Denn dann wisst ihr, wie der Pott sich anfühlt!





Glossar

jemandem auf die Pelle Rücken – jemandem (zu) nah kommen

Tach auch! – Guten Tag!

Olle, -n (f.) – Ehefrau

Oller, -n (m.) – Ehemann

Blag, -en (n.) – Kind

Maloche (f., nur Singular) – Arbeit

Tschüsskes! – Tschüss!

Tschüssikowski! – Tschüss!

Et is am reechnen. – Es regnet gerade.

Bor, ich sach Sie dat! – Ich sag es Ihnen!

Plünnen (f., nur Plural) – Sachen

ütt – aus

wie bei Hempels unterm Sofa aussehen – sehr unordentlich

Bissken, - (n., nur Singular) – eine sehr kleine Menge von etwas

blässkes – blass

Käffken, - (n.) – Kaffee

Damit habbich nix anne Brause! – Damit hab ich nichts zu tun!

inne Puschen kommen – sich beeilen

Kumpel, -s (m.) – heute: Freund, früher: Bergmann

Pütt, -s (m.) – Bergwerk

Mottek, -s (m.) – Hammer

Mattka, -s (f.) – ältere dickliche Dame

vonne Socken sein – erstaunt sein

quisselig – sehr wählerisch beim Essen sein

Unter(ei)nander (n.) – Gericht, bei dem Gemüse und Kartoffeln miteinander vermengt werden

Pannas (m., nur Singular) – ein Gericht aus Blutwurst

Palaver, - (n., nur Singular) – lautes Getöse

Hier ist gleich Pannas am Schwenkmast! – Gleich gibt es Ärger!

Dubbel, -s (m.) – Butterbrot

Bütterken, - (n.) – Butterbrot

aams – abends

Teller Mittach – ein Teller mit Resten vom Mittagessen

Mantaplatte, -n (f.) – Currywurst mit Pommes

Graf Koks vonne Gasanstalt – Bezeichnung für eine arrogante Person

Hein Dralle vonne Teerfabrik – Bezeichnung für jemanden, dessen Namen man nicht kennt

bis inne Puppen wach bleiben – sehr lange wach bleiben

auf Jöck gehen – ausgehen

sich einen schnasseln – sich betrinken

jemandem ein Kotlett anne Backe labern – jemanden etwas lang und breit erzählen

Schlürfen – umgangssprachlich für trinken

Pilsken, -n (n.) – Pilsener Bier

Fisternölleken, - (n.) – Wacholder-Schnaps mit Würfelzucker drin

bölken – laut rufen, schreien

Hier is getz hängen im Schacht! – Jetzt ist Schluss!




Arbeitsauftrag
Plant einen Trip ins Ruhrgebiet! Recherchiert zunächst, welche Städte und Sehenswürdigkeiten es im Ruhrgebiet gibt und entscheidet euch für einige davon. Legt dann eine Landkarte an, auf der ihr euren Ausflug mit den verschiedenen Stationen einzeichnet. Wer möchte, kann ein Foto seiner Landkarte an bildung[at]dw.de schicken. Wir freuen uns auf eure Kreativität!

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