″Im Grundgesetz gibt es keine Obergrenzen″ | Deutschland | DW | 14.10.2018
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Interview der Woche

"Im Grundgesetz gibt es keine Obergrenzen"

Der Streit um Einwanderung spaltet das Land und Missbrauchsskandale erschüttern die Katholische Kirche. Darüber spricht Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, im Interview der Woche.

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Interview - Thomas Sternberg: "Unser Grundgesetz wird niemals eine Obergrenze zulassen"

Über kein Thema wurde und wird in Deutschland so emotional und unerbittlich gestritten wie über das Thema Einwanderung. Unversöhnlich stehen sich die Kontrahenten gegenüber. Auf der einen Seite sind diejenigen, die beteuern, man müsse Menschen in Not helfen und sie aufnehmen - auf der anderen Seite diejenigen, die betonen, viele Flüchtlinge kämen nur aus wirtschaftlichen Gründen und Deutschland habe ohnehin mehr Flüchtlinge aufgenommen, als es verkraften könne. Die Grenze sei überschritten. "Es kann Grenzen geben. Diese Grenzen sehe ich bei uns nicht erreicht", sagt dagegen Thomas Sternberg im Interview der Woche der Deutschen Welle.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) fragt: "Sollen wir Kriegsflüchtlinge nicht mehr aufnehmen?" und gibt sogleich die Antwort, dass Deutschland ihnen selbstverständlich eine Zuflucht bieten müsse. Die Behauptung, dass Flüchtlinge nur wegen der Sozialleistungen nach Deutschland drängten, hält er für falsch.

AfD agiert "unchristlich"

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist im Deutschen Bundestag die mit Abstand schärfste Kritikerin der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. Ist sie deswegen unchristlich? Nicht deswegen, meint Sternberg, der 23 Millionen Katholiken in Deutschland vertritt. Unchristlich sei sie nicht, weil sie die Flüchtlingspolitik ablehne, sondern weil sie es in einer Art und Weise tue, die er mit aller Schärfe ablehne.

In populistischen Bewegungen sammeln sich die unterschiedlichsten Menschen, darunter viele, die sich mit ihren Problemen von den anderen Parteien nicht ernst genommen und die sich abgehängt fühlen. Die AfD nutze das in einer "bis ans Schamlose grenzenden Weise" aus, so Sternberg. Auch kritisiert er Äußerungen der Parteioberen. Wenn der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland sage, die AfD sei der Pfahl im Fleisch eines Systems, das überwunden werden müsse, dann sei damit "eine Demokratie-Grenze überschritten, die meines Erachtens den schärfsten Widerstand hervorrufen muss".

Deutschland AfD-Pressekonferenz mit Weidel und Gauland (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Die beiden AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Alexander Gauland vor einem Plakat mit dem Slogan "Flüchtlingswelle hinterlässt Spuren!"

Die AfD ist nicht die einzige Partei, die die Politik der offenen Grenzen von Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel kritisiert. Auch aus der Schwesterpartei CSU kommt zum Teil heftige Kritik. Sie hatte für die Aufnahme von Flüchtlingen eine Obergrenze von 200.000 Menschen pro Jahr gefordert. Für Thomas Sternberg ist das aus zwei Gründen unverständlich: Zum einen werde diese Zahl gar nicht erreicht, zum anderen "wird unser Grundgesetz niemals eine Obergrenze zulassen. Da gibt es keine Obergrenzen."

Missbrauchsskandale: "Betroffene unterstützen"

Vatikan Papst Franziskus & Bischöfe aus Chile (picture-alliance/AP Photo/A. Tarantino)

Papst Franziskus spricht vor chilenischen Bischöfen, die er wegen des Missbrauchsskandals zu sich bestellte

Seit vielen Jahren kommen in etlichen Ländern immer mehr Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder bei der Katholischen Kirche ins Licht. Ob in den USA, Australien, Chile, Irland oder Deutschland - die Enthüllungen häuften sich. Hat die Katholische Kirche in Deutschland diesen Skandal jahrzehntelang vertuscht, verschwiegen und verdrängt? Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken bescheinigt der Kirche, dass sie sich erstaunlich intensiv damit beschäftigt und eine gründliche Untersuchung beauftragt habe, nachdem der Skandal 2010 öffentlich geworden war.

An der Untersuchung hat es allerdings viel Kritik gegeben, da die Forscher nicht die Akten aller Bistümer einsehen durften und somit vermutlich nicht das tatsächliche Ausmaß der sexualisierten Gewalt ermitteln konnten. Thomas Sternberg findet, dass die Zahlen auch so "schon erschreckend genug" sind. Er weist darauf hin, dass Laienmitarbeiter und weibliche Ordensangehörige nicht einmal Teil der Untersuchung gewesen seien.

Die Täter wurden außerdem - anders als in einigen anderen Ländern - nicht öffentlich benannt, ebenso wenig wie diejenigen, die sie oft einfach versetzt haben, statt sie beispielsweise vom Dienst zu suspendieren. Sternberg wirft ein, dass dem ein strafrechtliches Verfahren vorausgehen müsse, "denn natürlich stehen in diesen Akten auch Dinge, die nicht bewiesen sind". Er warnt vor Vorverurteilungen und verweist auf den Fall des inzwischen verstorbenen Bischofs von Hildesheim, gegen den Vorwürfe öffentlich geworden sind, die sich aber nicht bestätigen ließen. Wichtiger, so Sternberg, sei allemal, die Betroffenen zu unterstützen - und Prävention und Kontrolle, um weiteren Übergriffen vorzubeugen.

Deutsche Bischofskonferenz - Mahnwache sexueller Missbrauch (picture-alliance/dpa/R. Haid)

Mitglieder der katholischen Laienbewegung "Wir sind Kirche" fordern anlässlich der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2010 die Bischöfe dazu auf, mehr gegen sexuellen Missbrauch zu tun

"Wir brauchen eine weiblichere Kirche"

Priester der Katholischen Kirche dürfen, im Gegensatz zu Diakonen, nicht verheiratet sein. Das besagt der Zölibat. Die Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz hat nun belegt, dass Priester fünfmal häufiger Täter waren als Diakone. Ist die verpflichtende Ehelosigkeit der Priester also Teil des Problems? Thomas Sternberg glaubt das nicht. Zwar würde die Aufhebung des Zölibats dazu führen, dass Priester anders mit Sexualität umgingen, es wäre aber nicht die Lösung des Problems. Nur weil jemand Single sei, hieße das schließlich auch nicht, dass er deswegen Kinder missbrauche. Am häufigsten findet sexualisierte Gewalt im familiären Umfeld statt.

Auch wenn Thomas Sternberg den Zölibat nicht zur Disposition stellt, wirbt er doch für Veränderungen. "Wir werden insgesamt eine sehr viel weiblichere Kirche brauchen", sagt der ZdK-Präsident - und das nicht nur in der Gemeinde, sondern auch in Spitzenämtern. Die stärkere "Durchmischung" mit Frauen "halte ich wirklich für unabdingbar".

Thomas Sternberg ist seit 2015 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Geboren wurde er 1952 in Grevenbrück im Sauerland. Nach einer Bäckerlehre machte er am Abendgymnasium Abitur und studierte dann Germanistik, Kunstgeschichte und Theologie in Bonn, Münster und Rom. Thomas Sternberg ist seit 1974 Mitglied der CDU und saß für sie von 2005 bis 2017 im Landtag Nordrhein-Westfalen. Seit 1996 ist er Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder.

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