Ich sterbe heute nicht – schade | Spurensuche | DW | 13.02.2020
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Spurensuche

Ich sterbe heute nicht – schade

Ein Autounfall, mit Schock und Verletzungen. Und plötzlich fragt man sich, warum man noch lebt.

Das Auto hat Feuer gefangen

Ich konnte mich an nichts mehr erinnern … Ich lag auf dem Gras neben der Autobahn und hatte keine Ahnung, warum. „Was machen wir hier?“ In meinem Kopf war nur Nebel, den ich nicht durchdringen konnte. Neben mir saßen Bianca, Birgit und Manfred, da drüben lag die andere Birgit: „Wir hatten einen Autounfall.“

„Und wo wollten wir hin?“ Auf dem Weg nach München gewesen, ins Schleudern gekommen, mit 120 km/h die Böschung raufgerast, mehrmals überschlagen, Feuer gefangen, alle rechtzeitig aus dem Auto gekommen. Ich konnte mich an nichts davon erinnern, nur, dass es krachte. Und jetzt tat mein Kopf weh. Ich war so müde.

 

„Selbst wenn ich sterbe – ist mir auch recht“

Als ich im Rettungswagen lag, konnte ich nicht mehr, fühlte mich klein und hilflos. Ich sah den Sanitäter, wollte ihn fragen: „Darf ich mal Ihre Hand festhalten?“ Mir war so nach Nähe, aber ich habe meinen Wunsch doch nicht laut gesagt. Ich wollte Frau der Lage sein, wollte meine Gefühle diesem Wildfremden gegenüber nicht sagen. Blöd eigentlich, warum sollte ich das nicht fragen? Er hätte meinen Wunsch sicher verstanden. Denn es war offensichtlich, dass ich komplett auf die Fürsorge der anderen angewiesen war. Als ich das endlich einsah, wurde ich ganz schwer und noch müder. Meinetwegen konnte passieren, was wollte. Selbst wenn ich sterbe – ist mir auch recht.

Ich war immer noch wie gerädert, als ich im Krankenhaus wieder zu mir kam. Aha, dachte ich, ich soll also doch noch nicht sterben. Schade. – Ich war überrascht, dieses Bedauern in mir wahrzunehmen. Aber es stimmte, es hätte mir in diesem Moment gut gepasst, jetzt abtreten zu können. Dann hätte ich mir keine Gedanken mehr über die Menge an Arbeit und über Erfolg machen müssen. Alle größeren und kleineren Beziehungsprobleme, die Unzufriedenheit über die Welt und das Leben im Allgemeinen wären mit einem Schlag weg gewesen. Aber in dieser Situation entdeckte ich für mich Gottes Antwort: Antje, du hast eine Aufgabe, und die sollst du zu Ende bringen. – Mir war so klar wie noch nie, dass ein Mensch eine zugewiesene Lebenszeit hat und dass meine Uhr noch nicht abgelaufen war. Tod und Leben sind für mich nicht zufällig, mir kam es so vor, dass mein Leben unter der Regie des Höchsten läuft. Gott wollte mich noch hier beschäftigen. Ich sollte mich nicht drücken, sondern die Aufgaben angehen. Na gut.

Ich dachte in diesem Augenblick nicht darüber nach, warum nun gerade ich noch leben sollte und andere nach Unfällen starben, die sogar kleiner waren als meiner. Ich wollte auch nicht darüber nachdenken, das erschien mir, als würde ich zu weit gehen. Ich lebte, und Gott hatte das so gewollt, darauf konnte ich vertrauen. Es tat mir gut, mir all das über mein Leben und meinen Tod klar zu machen.

Gut tat mir auch die Erfahrung, wie viele Menschen an meinem Leben interessiert waren: Besuche, Grüße, Anrufe, Briefe und darüber hinaus. Ich freute mich über diese Verbundenheit. Eigenartig, dass oft erst im Angesicht des Todes Menschen deutlich ihre Zuneigung zeigen – obwohl es doch so wohltut, sie zu spüren. Wäre ich tatsächlich gestorben, hätte ich das alles gar nicht mitbekommen. Ich nahm mir vor, dass ich ab jetzt meine Zuneigung öfter sagen will: Kann ich mal deine Hand anfassen? Schön, dass es dich gibt!

 

Zur Autorin: 

Borchers (DW)

Antje Borchers ist Diplom-Medienwirtin und Journalistin. Sie betreibt eine Agentur für Kommunikation, Medienarbeit und Pressearbeit.