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"Ich hab den Krebs nicht umsonst bekommen"

9. März 2019

Diagnose: Krebs. Nachdem der Schock überwunden war, entdeckte Patricia die Kraft ihrer Psyche. Die schwere Krankheit hat ihr Leben heute positiv verändert. Klingt seltsam? Dabei ist Patricias Geschichte kein Einzelfall.

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Junge Frau streckt Arme zum blauen Himmel
Hallo, Leben! Eine schwere Krankheit kann wie ein Weckruf wirkenBild: picture-alliance/blickwinkel

"Regeln Sie Ihre Angelegenheiten", sagte der Arzt zu Patricia. Drei Monate zuvor waren der damals 32-jährigen Grundschullehrerin sämtliche von Metastasen befallene Lymphknoten aus den Achselhöhlen entfernt worden. Nun hatte der Onkologe erneut Krebszellen im Gewebe der Operationsnarbe entdeckt. Die Prognose für die junge Mutter: ziemlich schlecht.

Laut der World Health Organization (WHO) sind im Jahr 2018 weltweit geschätzte 9,6 Millionen Menschen an Krebs gestorben. Vor allem in armen Ländern endet die Krankheit meist tödlich.

Patricia hat ihre Erkrankung überlebt. Und nicht nur das: Wenn sie zurückschaut, hat sie den Eindruck, dass sie sich mit ihrer Lebensweise geradezu in ihr Unglück hineinmanövriert hatte.  

Tatsächlich könnten laut WHO 30 bis 50 Prozent aller Krebserkrankungen vermieden werden. Risiko Nummer eins: Tabak. Es folgen Alkohol und Übergewicht. Die Organisation nennt zudem Infektionen, Umweltverschmutzung und ionisierende Strahlung als krebsauslösend.

Infografik vermeidbare Krebsfälle

Kann die Seele Krebs auslösen?

Patricia aber nennt noch etwas anderes: die Psyche. "Mit meiner Einstellung zum Leben habe ich mir dieses Schicksal auch ein Stück weit selbst erschaffen", erzählt sie. Sie habe sich selbst wenig Wert beigemessen, sei pessimistisch und ängstlich gewesen. "Ein Gedanke war immer, dass irgendwann etwas Schlimmes passieren würde."

Krebs als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung? Kann eine angeschlagene Psyche als Nährboden für Krebserkrankungen dienen? "Das ist auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten eine extrem spannende Frage", sagt Professor Christian Albus, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Uniklinik Köln.

Die Frage, ob und inwiefern die Psyche Krebs gedeihen lässt, sei in der psychosomatischen Forschung intensiv diskutiert worden. "Im Einzelfall finden sich Hinweise dafür. Allerdings hält diese Hypothese einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand", erklärt Albus. Studien mit größeren Gruppen hätten gezeigt, dass die Gruppe der Krebspatienten vor dem Eintreten der Erkrankung dem Leben nicht grundsätzlich negativer gegenüberstand als Menschen ohne spätere Krebserkrankung.

Wenn es allerdings um den Umgang mit der Krankheit geht, sei es von großer Bedeutung, ob der Patient eine Schuld für seine Krebserkrankung bei sich selbst sucht. "Manche werden von schweren Schuldgefühlen gequält, weil sie der Meinung sind, die Krebserkrankung hätte sich nicht ausbilden müssen, wenn ihre Einstellungen zum Leben anders gewesen wären", sagt Albus.

 

Am Anfang war der Schock

Patricia hingegen kam zu einem anderen Schluss: "Wenn ich etwas mit der Tatsache, dass ich Krebs bekommen habe, zu tun habe, dann kann ich das auch wieder drehen." Sie begriff die schwere Krankheit als Chance, sämtliche Einstellungen zum Leben zu überprüfen und zu verändern. Bis sie an diesen Punkt kam, dauerte es allerdings mehrere Jahre.

Jahre, die die junge Mutter in einem Schockzustand verbrachte. Sie fühlte sich unfähig, am Leben teilzunehmen, von der Angst vor dem lauernden Tod gefesselt. Eine Chemotherapie oder Bestrahlung verweigerte sie. "Ich dachte, dass ich ohnehin sterben würde." Wozu sich also noch Therapien mit drastischen Nebenwirkungen unterziehen? Es ist ihr jedoch wichtig zu betonen, dass sie diese Behandlungsmethoden keinesfalls grundsätzlich ablehnt. "Ich weiß nicht, ob ich das heute nochmal so machen würde."

Aufgewachsen mit der Annahme, dass Psychotherapien ausschließlich etwas für Verrückte seien, war es lange keine Option für die junge Mutter, sich seelischen Beistand zu suchen. Die Schwangerschaft mit ihrem zweiten Kind löste sie aus der Schockstarre.

Patricia begann eine Therapie und ging den Ursprüngen ihres immer schon ängstlichen Wesens auf den Grund. Sie lernte, über schmerzvolle Erfahrungen wie die Totgeburt ihres ersten Kindes und die damit verbundenen Schuldgefühle zu sprechen. Sie habe so nach und nach an Selbstwertgefühl gewonnen, erzählt sie.

Psyche für den Heilungsprozess entscheidend

Seelisches Befinden mag aus wissenschaftlicher Sicht kaum etwas mit einer Krebserkrankung zu tun haben, für den Verlauf der Krankheit sei die psychische Verfassung des Patienten jedoch sehr wichtig, sagt Psychoonkologe Albus. "Es gibt einen statistisch-signifikanten Zusammenhang zwischen längerfristiger Depressivität und der Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung einen ungünstigen Verlauf nimmt."

Allerdings stellt sich hier die Frage nach dem Huhn und dem Ei – was war zuerst da? "Sind Leute mit einem schlechteren Verlauf depressiver oder haben die Depressiven einen schlechteren Verlauf?" Das sei noch nicht schlüssig beantwortet, sagt Albus.

Trotz extrem schlechter Prognose lebt Patricia. Und es geht ihr gut. Die Untersuchungen, die sie regelmäßig durchführen lässt, weisen sie als gesund aus. "Irgendwann ist in mir die Gewissheit erwachsen, dass der Krebs nicht mehr wiederkommt. Weil ich ihm den Nährboden entzogen habe."

"Die Umstände annehmen und umdrehen. Oder sterben."

Patricia arbeitet mittlerweile nicht mehr nur als Lehrerin, sie hat zudem ein eigenes Unternehmen gegründet: "Familienbande". Dort bietet sie Familien, Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen Beratung und Unterstützung. Dabei helfen ihr die Erfahrungen, die sie während der schweren Krankheit und der darauffolgenden Therapie gemacht hat, so Patricia: "Ohne den Krebs wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin." 

Letztlich war der Krebs für Patricia ein Weckruf, ein Katalysator auf dem Weg zu einem besseren Leben. Ist dies nur ein Einzelfall? Keinesfalls! "Das gibt es sogar häufig", sagt Christian Albus. Viele Menschen stellten durch die Konfrontation mit einer schweren Krankheit ihr Lebenskonzept auf die Probe. "Habe ich die richtigen Prioritäten gesetzt? Was ist wirklich wichtig?" Diese Fragen rücken ins Zentrum, sagt Albus.

Um sie zu beantworten, müsse nicht jeder Patient eine Psychotherapie machen. Mindestens die Hälfte aller Krebspatienten bewältige den Verlauf der Krankheit allein mit Hilfe des eigenen sozialen Netzwerkes, so Professor Christian Albus. Wer jedoch professionelle Unterstützung braucht, kann sie bei einem Psychoonkologen finden.

Patricia schwört allerdings auf die Hilfe guter Therapeuten. Weil sie den Ursprung der Krankheit in ihren negativen Lebenseinstellungen vermutet, ist es für sie nur logisch, auch dort anzusetzen. "Ich bin mir ganz sicher, dass jede schwere Krankheit auch eine Botschaft enthält. Meine Aufgabe war, die Umstände anzunehmen und umzudrehen. Oder zu sterben."