ICE-Unfall bewegt Menschen bis heute | Aktuell Deutschland | DW | 03.06.2018
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20 Jahre nach Eschede

ICE-Unfall bewegt Menschen bis heute

Es war das schwerste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Beim Unfall des ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" am 3. Juni 1998 starben 101 Menschen, mehr als 100 wurden verletzt.

Deutschland | 20. Jahrestag Bahnunglück Eschede (picture-alliance/dpa/H. Hollemann)

Eine Achse des verunglückten ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" (Archivbild von 1998)

Im Nachhinein wirkt es wie eine Verkettung unglücklicher Umstände. Umstände, von denen im Vorfeld wohl niemand gedacht hätte, dass sie hier alle aufeinandertreffen könnten. Am Anfang des Unfalls stand ein gebrochener Radreifen. Dieser Radreifen ist eine Spezialkonstruktion, wie sie sonst vor allem bei langsam fahrenden Straßenbahnen zum Einsatz kommt. Dabei wird dem Stahlrad ein Reifen aus Stahl übergestülpt. Zwischen den beiden befindet sich eine Schicht aus Hartgummi. Das alles zusammen funktioniert wie eine Art Stoßdämpfer: In den Waggons geht es deutlich leiser zu, es ruckelt und vibriert weniger als bei einem Rad, das komplett aus Stahl gefertigt wird.

Allerdings haben die Techniker seinerzeit die Haltbarkeit dieser Radreifen offenbar überschätzt - beziehungsweise sie haben nicht erkannt, wann ein Wechsel dringend erforderlich ist.

Deutschland | 20. Jahrestag Bahnunglück Eschede | Radreifen (picture-alliance/dpa/H. Hollemann)

Einer der Radreifen des verunglückten ICE (Archivbild von 2002)

Der Radreifen, der bei Tempo 200 kurz vor Eschede brach, war bei Inspektionen offenbar mehrfach aufgefallen - niemand erkannte aber, dass er damit zum Sicherheitsrisiko wurde. Der Bruch alleine war allerdings noch nicht einmal das Problem. Als sich der äußere Stahlring vom Reifen löste, gab es im Zug offenbar einen riesigen Knall, der ICE aber setzte seine Fahrt mit voller Geschwindigkeit fort.

Weiche und Brücke entscheiden das Schicksal Hunderter von Menschen

Zur Katastrophe wurde die Sache erst, als der Waggon mit dem gebrochenen Radreifen eine Stelle kurz vor der niedersächsischen Ortschaft Eschede erreichte. Hier befand sich eine Weiche, die auf ein zweites, parallel zur Strecke verlaufendes Gleis führte. Der defekte Radreifen stellte die Weiche um. Während ein Teil des Zuges mit dem Triebwagen weiter geradeaus fuhr, wurden die anderen Waggons auf das Nebengleis umgeleitetet - was bei Tempo 200 zwangsläufig zum Entgleisen dieser Waggons führen musste.

Doch damit nicht genug: In unmittelbarer Nähe der Weiche befand sich eine Brücke. Sie war es, die schließlich das Schicksal vieler Menschen im Zug besiegelte. Die ersten entgleisten Wagen ließen die etwa 200 Tonnen schwere Brücke einstürzen - sie fiel auf einen der Waggons. Die nachfolgenden Wagen klappten wie ein Zollstock zusammen und prallten mit hoher Wucht auf die Trümmer.

Deutschland | 20. Jahrestag Bahnunglück Eschede (picture-alliance/dpa/Keystone/I. Wagner)

Hinter der zusammengestürzten Brücke wurden die Waggons wie ein Zollstock zusammengeschoben (Archivbild von 1998)

Gedenkstätte erinnert heute an das Unglück

Der Unfall ereignete sich am 3. Juni 1998 um kurz vor 11 Uhr am Vormittag. Erste Helfer, die in umliegenden Häusern wohnten, waren schnell vor Ort, auch Polizei und Feuerwehr waren innerhalb weniger Minuten alarmiert. Kurze Zeit später wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Den Helfern vor Ort bot sich ein fürchterliches Bild, das viele bis heute nicht vergessen können. Zerquetsche Waggons, Trümmerteile im Umkreis von mehreren Hundert Metern.

Heute erinnert am Ort des Unglücks nichts mehr an dieses Horrorszenario. An der Unfallstelle wurden 101 Kirschbäume gepflanzt, einer für jeden Verstorbenen. Eine Gedenktafel listet zudem alle Opfer namentlich auf.

Deutschland | 20. Jahrestag Bahnunglück Eschede | Gedenkstätte (picture-alliance/dpa/H. Hollemann)

101 Kirschbäume und eine Gedenktafel erinnern heute an das Unglück

Ereignisse bis heute nicht wirklich verarbeitet

Viele Überlebende und Angehörige der Opfer haben die Ereignisse von damals bis heute nicht wirklich verarbeitet. Bereits vor der offiziellen Gedenkveranstaltung am heutigen Jahrestag gab es am Samstag einen ökumenischen Gottesdienst. Der Lüneburger Regionalbischof Dieter Rathing sagte dabei, für die einen sei der 3. Juni mit seinem Gedenken ein Tag im Kalender, anderen sei unvorstellbar tief ihr Herz mit diesem Datum verbunden. Rathing sprach auch von der Trauer und der Wut angesichts der Dinge, die "Stückwerk" geblieben seien. Mangelhaft sei die letzte Inspektion des Zuges gewesen. Und lange hätten die Betroffenen auf ein Entschuldigungswort der Verantwortlichen gewartet. Das Leben vieler Menschen sei durch das Unglück nur ein Fragment geblieben.

bru/mak (dpa, afp)

 

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