IAA 2013: Smartphone auf vier Rädern | Wirtschaft | DW | 11.09.2013
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Wirtschaft

IAA 2013: Smartphone auf vier Rädern

Neben zahlreichen Weltpremieren und der Elektromobilität rückt auf der Autoshow in Frankfurt ein anderes Thema in den Fokus: das selbstfahrende Auto. Da tun sich plötzlich ganz neue Allianzen auf.

Daimler-Chef Dieter Zetsche liebt den großen Auftritt. Der auf der diesjährigen Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt aber hatte eine besondere Note: Zetsche saß im Fond einer S-Klasse, der Wagen rollte auf die Bühne - nur ein Fahrer fehlte. "S500 Intelligent Drive" nennen die Schwaben ihr Fahrzeug, das im Sommer eine rund 100 Kilometer lange Strecke komplett autonom, also selbstständig gefahren ist. Es ist ein Auto, das mit Sensoren gespickt und ständig online ist.

Das vernetzte Auto, ein Smartphone auf vier Rädern sozusagen. Das wird nach Einschätzung vieler Experten das nächste große Ding. Und das Besondere daran: In diesem Spiel geben nicht mehr die Autobauer den Takt vor, sondern andere Player: Nokia, der einstige Handy-Krösus, wittert eine neue Chance, die großen Zulieferer wie Bosch und Delphi - und Internet-Giganten wie Google. Die Kalifornier experimentieren schon länger mit umgebauten Toyotas und könnten sich durchaus vorstellen, solche Autos auch selbst zu bauen.

Umfeld-Erfassung durch Sensoren (Foto Continental via: DW/H. Böhme)

Bald Wirklichkeit? Das Auto scannt sein Umfeld.

Revolution in der Autoindustrie?

Für den Auto-Experten Stefan Bratzel eine spannende Sache. Große technologische Änderungen kämen häufig von Akteuren, die außerhalb der Branche stehen, sagt der Leiter des Center of Automotive an der Fachhochschule in Bergisch Gladbach. "Und insofern ist Google für das Thema Autonomes Fahren ein interessanter Fall, der tatsächlich die Branche ein Stück weit aufmischen kann." Das könne zudem dazu führen, dass die etablierten Hersteller ihre Entwicklungsvorhaben beschleunigen müssten. "Ich rechne fest damit, dass das autonome Fahren eines der großen Themen der nächsten fünf bis zehn Jahre wird, das die Branche in ihren Grundfesten verändern kann."

Die Autobranche jedenfalls ist aufgeschreckt und will das Feld gern selbst beackern. Zumal viele Assistenz-Systeme heute schon im Einsatz sind: Vom Navigationsgerät über die Einparkhilfe bis hin zum Regensensor. Ein weiterer Impuls kommt von Elektroautos, wie Volkswagen-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer sagt. Heute seien bei den Elektroautos die vernetzten Systeme bereits enthalten. Und das werde auch in den herkömmlichen Fahrzeugen stattfinden, so Heußer zur DW. "Schon, weil das eine Maßnahme ist, die den Verkehrsfluss optimiert." Wenn man heute sehe, welchen Einfluss allein der Verkehrsfluss auf die Verbräuche der Fahrzeuge und damit auf die CO2-Emissionen habe, "dann ist das das kommende Thema, mit dem sich alle Automobilhersteller beschäftigen müssen."

Neue Allianzen

Denn der Druck der Konkurrenz ist groß. Schon haben sich erste Allianzen gebildet. Der deutsche Zulieferer Continental zum Beispiel, groß geworden als Reifen-Hersteller, sucht längst nach neuen Geschäftsfeldern. Mit dem Netzwerk-Spezialisten Cisco hatten die Hannoveraner bereits eine Kooperation vereinbart, nun, auf der IAA, gaben sie die Zusammenarbeit mit dem Technologie-Konzern IBM bekannt. Conti-Chef Elmar Degenhart benennt vier Gründe für das Bündnis. Zum einen gäbe es anderthalb Millionen Verkehrstote auf der Straße weltweit jedes Jahr. "Das können wir uns nicht länger leisten." Zweitens bringe man das Internet ins Auto. "Oder anders gesagt, das Auto wird Teil des Internets." Der dritte Punkt sei die Umwelt, denn man werde in der Lage sein, mit besserer Information die Autos effizienter zu fahren, was beispielsweise CO2-Emissionen angehe. Und schließlich werde das automatisierte Fahren helfen, ältere Menschen mobil zu halten. "Und wenn ältere Menschen ein Auto fünf oder zehn Jahre länger nutzen können, dann ist das ein ungemeiner Zugewinn an Lebensqualität."

Keine Zukunftsmusik mehr

Ein Conti-Testfahrzeug hat in den USA schon über 35.000 Kilometer auf dem Tacho. Ohne Fahrer und ohne Unfall. Und anders als sonst bei technischen Neuerungen stehen die Deutschen dem selbstfahrenden Auto durchaus offen gegenüber. Umfragen des weltgrößten Autozulieferers Bosch verzeichnen eine Zustimmung bei rund der Hälfte aller Befragten. Auch Bosch tüftelt an neuen Assistenz-Systemen und lässt einen Versuchswagen autonom fahren. Projektleiter Michael Fausten sieht das Ganze in zwei Schritten kommen. Im ersten Schritt werde es darum gehen, das Fahren zu automatisieren - aber noch unter Überwachung durch den Fahrer. "Und in einem zweiten Schritt wird man dem Fahrer sicherlich auch die Möglichkeit geben, nebenher anderes zu tun, beispielsweise E-Mails zu lesen." Für den Ingenieur ist das keine Zukunftsmusik mehr. "Wir reden von einer Zeitachse für die erste Stufe in den nächsten Jahren." Los gehe es mit dem Im-Stau-Fahren, dann würden sich die Geschwindigkeiten steigern. Die zweite Stufe werde zu Beginn des nächsten Jahrzehnts Realität werden.

Bosch forscht übrigens an zwei Standorten: In Stuttgart am Firmensitz und in Palo Alto im berühmten Silicon Valley. Es könnte also durchaus sein, dass in der Automobilindustrie bald andere die Schlagzahl bestimmen.