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Spaniens Start-ups boomen

29. August 2017

In diesem Jahr könnte sich das Risikokapital für Startups in Spanien nahezu verdoppeln. Das lockt auch viele Deutsche ins Land - trotz niedrigerer Löhne. Stefanie Müller aus Madrid.

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Spanien - Start up Boom: Sarah Mildenberger von Spotahome
Bild: Spotahome

Sarah Mildenberger hatte einen guten Job in Frankfurt bevor sie zum spanischen Startup Spotahome als Kommunikationschefin für den deutschen Markt wechselte: "Ich mag die Arbeitsmentalität, die Spontanität, die Kreativität der Spanier, das Klima. Das alles entspricht meinem offenen Charakter." Spotahome ist ein internationales Vermietungsportal, das neben den Fotos auch Wohnungs-Videos und zahlreiche Garantien anbietet. Die gebürtige Kaiserslauterin spricht noch wenig Spanisch, aber sie fühlt sich trotzdem wohl in Madrid: "Die Freundlichkeit der Menschen hilft." Nach vielen Dürrejahren fließt wieder Geld nach und innerhalb von Spanien.

War das Land bisher eher ein Waise in Sachen Risikokapital, stehen gemäß des Branchenverbands Ascri (Ascociación Española de Capital, Crecimiento e Inversión) in diesem Jahr bis zu vier Milliarden Euro für Firmen zur Verfügung, das ist fast doppelt soviel wie 2016. "Ein regelrechtes Fieber ist ausgebrochen", bestätigt Mildenbergers Chef, Alejandro Artacho, einer der Gründer von Spotahome. Es wurden dafür neue Risikokapital-Fonds aufgelegt, darunter der in Madrid ansässige K-Fund.

Besonders erfolgreich waren bis jetzt die Investitionen von Seaya Ventures, gegründet von der Tochter einer der wichtigsten Banker des Landes: Beatriz González. Ihr Vater Francisco ist seit fast 20 Jahren Chairman der BBVA, der zweitgrössten Bank des Landes. Die junge Frau hat sich einen deutschen Partner an die Seite geholt: Michael Kleindl - schon ein alter Bekannter in der spanischen Gründerszene. Der Fonds hat neben Spotahome den spanischen Uber cabify, den Lieferanten glovo sowie den Marktplatz wallapop in verschiedenen Entwicklungsstufen finanziert.

Spanien - Start up Boom: Sarah Mildenberger und Bryan McEire
Sarah Mildenberger (r.) und Bryan McEire vom spanischen Startup SpotahomeBild: Spotahome

Niedrige Gehälter haben Gründungen stimuliert

Das Gehalt dürfte junge deutsche Talente wie Mildenberger allerdings nicht nach Spanien locken. Der Durchschnittslohn für einfache Programmierer liegt bei 30.000 Euro brutto im Jahr, branchenübergreifend sind es gerade Mal 26.000 Euro. Gemäß der europäischen Statistikbehörde Eurostat liegt Spanien mit diesen Gehältern weit unter dem EU-Durchschnitt. Nur zum Vergleich: In Deutschland liegt das durchschnittliche Jahres-Bruttogehalt bei rund 47.000, in Holland bei 50.000 Euro. Dafür ist das Leben in Madrid ein wenig billiger. "Niedrige Gehälter sind jedoch eindeutig ein wichtiger Faktor, warum Madrid und Barcelona in diesem Jahr zu Hotspots der europäischen Gründerszene geworden sind", glaubt Rodolfo Carpintier, ein alter Hase der spanischen Investmentwelt, der jetzt nur noch in Internet-Start-ups investiert.

Seine Firma Digital Assets Deployment hilft Business Angels, das richtige Unternehmen zu finden: "Es bewegt sich etwas in Spanien. In Madrid spürt man das besonders im Fintech-Bereich, der auch von den großen Banken mit viel Geld unterstützt wird." Dabei hilft, dass die Spanier schon ziemlich weit sind beim mobilen Bezahlen, neue Apps werden schnell angenommen, weil das Vertrauen ins Handy noch grösser ist als im Norden Europas. Auf fintechspain.com können sich Interessierte bereits in Englisch über neue Trends und Firmen informieren. Am 19. Oktober findet zudem der Fintech Startup Summit 2017 in Madrid statt.

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Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage hilft den Gründern

Zu mehr Liquidität im Markt und Attraktivität von Spanien als Investitionsstandort hat auch beigetragen, dass in den vergangenen Jahren einige Startups bereits erfolgreich wieder verkauft wurden wie zum Beispiel die Verkaufsplattform Privalia, die für 500 Millionen Euro über den Tisch ging. Geld fließt auch dank eines stärkeren "Made in Spain"-Gefühls, das in der spanischen Wirtschaft lange vermisst wurde. Endlich investieren spanische Unternehmer auch in nationale Startups, alle großen Firmen wie Telefónica und die Banken haben Inkubatoren und schreiben Wettbewerbe aus: "Wir haben unter unseren Business Angel ganz große Namen, aber auch viele mittelständische Firmeninhaber", bestätigt Carpintier den Trend. Er sieht Madrid inzwischen auf Platz vier der europäischen Startup-Hotspots - nach London, Berlin und Amsterdam.

Spanien - Start up Boom: Moose Cityburger
Umgebauter Mannschaftswagen der niederländischen Polizei: Foodtruck vom Startup Moose Cityburger beim Event MadrEat in Madrid. Bild: Moose Cityburger

Zum Gründerboom hat aber auch ohne Frage die verbesserte wirtschaftliche Lage beigetragen. Francisco González, der auf den Kanarischen Inseln tienda.com hochgezogen hat und inzwischen schwarze Zahlen schreibt: "Das hat natürlich etwas damit zu tun, dass die Leute wieder mehr konsumieren und auch, dass e-commerce einen Durchbruch in Spanien erlebt. Bisher waren wir noch sehr auf den traditionellen Einzelhandel konzentriert. Jetzt bestellen wir massiv Essen ins Büro und kaufen online ein."

Die Krise war eine Chance für Spanien

2012 mussten spanische Geldinstitute noch gerettet werden, seitdem hat sich jedoch viel geändert, glauben Álvaro Rodríguez und César Martínez, die in 2015 mit dem "Moose City Burger" in das in Spanien boomende Foodtruck- und Hamburger-Business eingestiegen sind: "Qualität und Vertrauen sind inzwischen enorm wichtig für die Spanier. Sie drehen den Euro zweimal herum, bevor sie Geld ausgeben. Unsere Gourmet-Hamburger sind einzigartig. Damit haben wir Erfolg, während viele Wettbewerber aufgeben mussten." Alles, was die beiden Unternehmer verdienen, wird fast komplett in die Zulassung und Fertigstellung der vier ehemaligen holländischen Polizeiautos gesteckt, mit denen sie ihr Business 2018 ausbauen wollen.

Das zeigt: Das Geld fließt wieder in Spanien und nicht mehr nur in Immobilien. Damit hätte Spanien den Strukturwandel, den so viele Ökonomen verlangt haben, endlich eingeleitet. Auch Sarah Mildenberger ist guter Dinge. Ihr Arbeitgeber gehört zu den erfolgreichsten spanischen Start-ups und wurde schon mehrfach dafür ausgezeichnet: "Alle sind sehr bemüht, den Stereotypen über Spanien, die leider noch existieren, etwas Neues und Innovatives entgegenzusetzen."