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Hydration Break: Die heißeste Debatte der WM

Mathias Brück Los Angeles
1. Juli 2026

Eigentlich sollen sie die Spieler vor der nordamerikanischen Sommerhitze schützen. Doch die verpflichtenden Trinkpausen sorgen bei der WM 2026 für Diskussionen auf den Rängen, auf dem Platz und weit darüber hinaus.

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Trinkpause beim Spiel Panama gegen England mit großem Sponsorenbildschirm im Hintergrund
Die sogenannten "Hydration Breaks" sorgen bei der Weltmeisterschaft für DiskussionenBild: Marco Bader/HMB-Media/IMAGO

Als das Gruppenspiel zwischen England und Ghana nach 22 Minuten zur ersten "Hydration Break" unterbrochen wird, ertönen laute Buhrufe von den Rängen des Stadions in Boston. Die Spieler trotten an die Seitenlinie, die Trainer versammeln ihre Mannschaften für kurze taktische Anweisungen. Schon nach wenigen WM-Tagen zeigte sich: Keine Neuerung polarisiert das Turnier so stark wie diese verpflichtenden Unterbrechungen.

"Als Trainer hätte ich das geliebt", sagt Jürgen Klopp gegenüber der DW. Zusätzliche Minuten für taktische Anweisungen an eine Mannschaft bedeuten einen klaren Vorteil. Der frühere Liverpool- und Dortmund-Coach äußert aber auch deutliche Kritik. "Es gibt ein Problem mit der Länge der Trinkpausen und damit, was Fernsehsender oder die FIFA während dieser Trinkpause machen." 

Vom Hitzeschutz zum Streitthema

Die Regel wurde eingeführt, um Spieler vor der Sommerhitze in Nordamerika zu schützen. Bei dieser WM werden die Partien deshalb zweimal unterbrochen, um die 22. und 67. Minute herum. Nicht erst extreme Hitze entscheidet über eine Trinkpause, anders als bei früheren großen Turnieren oder auch Ligaspielen. Die FIFA verweist auf Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und die hohe körperliche Belastung. Nach den Erfahrungen der Klub-WM im vergangenen Jahr entschied sich der Weltverband für eine einheitliche Regelung bei allen Spielen.

Doch die Trinkpause ist längst zu einer Grundsatzdiskussion geworden. Verändern sie den Fußball in seinen Grundwerten? "Ich mag diese Trinkpause nicht", sagt ein Irak-Fan gegenüber der DW in Philadelphia. "Wenn die Spieler unbedingt was trinken müssen, sollen sie das doch zum Beispiel vor der Ausführung einer Ecke tun."

Das Dach des Stadions in Dallas ist geschlossen beim Spiel Jordanien gegen Argentinien
Auch in überdachten und klimatisierten Stadien, wie hier in Dallas, sind die "Hydration Breaks" verpflichtendBild: Kenjiro Matsuo/AFLOSPORT/IMAGO

Ein anderer zeigt am Rande des Spiels Argentinien gegen Österreich auf das Dach des klimatisierten Stadions in Dallas mit dem Hinweis: "Hier läuft doch die Klimaanlage, wo ist denn die Hitze?"

Taktik statt Trinkpause

Vor allem der Einfluss auf das Spiel sorgt für Diskussionen. Aus einer kurzen Gelegenheit zum Trinken ist vielerorts eine taktische Auszeit geworden. Trainer passen Formationen an, stellen Spieler neu ein, brechen den Rhythmus des Gegners. "Einerseits haben die Pausen das Spiel verändert, weil Trainer mehr Einfluss bekommen, andererseits nehmen sie für die Fans den Spielfluss heraus", sagt ein Anhänger der argentinischen Nationalmannschaft gegenüber der DW.

Dass dieser Eindruck nicht nur subjektiv ist, legt eine Analyse der britischen "Times" nahe. Die Zeitung wertete mithilfe von Opta-Daten sämtliche Gruppenspiele aus. Nach der ersten Trinkpause kam es in 32 Prozent der Partien zu einem deutlichen Momentumwechsel, nach der zweiten in 26 Prozent. Im Schnitt sank das Spielmomentum um 17 Prozent nach einer Unterbrechung. Besonders auffällig: Die Mannschaft mit dem höheren Momentum vor der Pause verzeichnete anschließend einen deutlich stärkeren Rückgang ihres Momentums.

Fan mit Protestschild gegen Trinkpausen um den Hals,, vor dem Spiel USA gegen die Türkei
Viele Fans stehen den Trinkpausen kritisch gegenüber - so auch dieser Anhänger in Los Angeles.Bild: Mathias Brück/DW

Auch andere prominente Stimmen sehen die Entwicklung kritisch. Niederlande-Kapitän Virgil van Dijk sagte, für neutrale Zuschauer vor dem Fernseher seien die Unterbrechungen ebenfalls nicht ideal. Bei großer Hitze seien Trinkpausen zwar sinnvoll, über ihren Einsatz müsse aber von Spiel zu Spiel entschieden werden. Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel kritisierte, die Partien würden dadurch unnötig in die Länge gezogen. Paraguays Trainer Gustavo Alfaro sprach sogar davon, der Fußball entwickle sich zunehmend zu einem Spiel in vier Vierteln. Ein Vergleich, der in Nordamerika naheliegt, sind doch viele traditionelle US-Sportarten wie Basketball und American Football so aufgeteilt.

Werbepause für die FIFA?

Genau dort setzt ein weiterer Kritikpunkt an. In vielen Ländern nutzen Fernsehsender die garantierten Unterbrechungen für Werbeblöcke, etwas, das es im Fußball bislang kaum gab. "Sie müssen ihre Werbung unterbringen, aus Unternehmenssicht ergibt das wohl Sinn", sagt ein US-Fan der DW. Die Hydration Breaks selbst haben sogar einen eigenen Sponsor, dessen Namen pünktlich zu den Unterbrechungen auf der großen Leinwand des jeweiligen Stadions erscheint.

Julian Nagelsmann gibt seinen Spielern in der Trinkpause gegen Ecuador Anweisungen während die Rasensprenger laufen
Bei dieser WM werden die Partien zur "Hydration Break" zweimal unterbrochen, um die 22. und 67. Minute herumBild: Bahho Kara/Kirchner-Media/IMAGO

FIFA-Präsident Gianni Infantino bestreitet jedoch, dass finanzielle Interessen hinter der Einführung der Trinkpausen stehen. "Wir verdienen durch die Trinkpausen keinen einzigen Dollar mehr, weil sämtliche Verträge bereits vor ihrer Einführung abgeschlossen wurden", sagte er gegenüber "SNTV". Gleichzeitig kündigte er an, die Erfahrungen dieser Weltmeisterschaft genau auszuwerten. Erst danach werde entschieden, ob und in welcher Form die Regel künftig Bestand haben soll.

Sportmediziner sehen Vorteile

Sportmediziner halten zusätzliche Trinkmöglichkeiten bei großer Hitze für sinnvoll. "Es gibt Daten darüber, dass sogenannte Cooling Breaks die Körpertemperatur günstig beeinflussen", sagte der renommierte Sportmediziner Professor Tim Meyer gegenüber dem "11 Freunde"-Magazin. "Bei Extrembedingungen laufen die Profis weniger und vor allem weniger intensiv und spielen mehr Sicherheitspässe. Das ist gesundheitlich vermutlich sinnvoll, aber sicher nicht im Sinne des Sports."

FIFA-Präsident Gianni Infantino steht mit mit ausgebreiteten Armen auf der Tribüne beim Spiel USA gegen Paraguay bei der Weltmeisterschaft 2026
FIFA-Präsident Gianni Infantino bestreitet, dass finanzielle Interessen hinter der Einführung der Trinkpausen stehenBild: Andre Penner/AP Photo/picture alliance

Die eigentliche Debatte dreht sich deshalb längst nicht mehr um die Frage, ob Spieler geschützt werden müssen, sondern darum, wie dieser Schutz aussehen sollte, und ob dieselbe Regel wirklich für jedes Spiel gelten muss, auch unter geschlossenem Dach und bei laufender Klimaanlage. Aus einer Maßnahme für den Hitzeschutz ist eine Grundsatzdebatte geworden. Über Spielerschutz und Spielfluss, über Trainer-Einfluss und Kommerz, und darüber, wie viel Veränderung der Fußball verträgt, ohne seine Identität zu verlieren.