Hungerstreik: Zustand von Luaty Beirão verschlechtert sich | Afrika | DW | 17.10.2015
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Afrika

Hungerstreik: Zustand von Luaty Beirão verschlechtert sich

Seit mehr als drei Wochen befindet sich der angolanische Rapper Luaty Beirão im Hungerstreik. Er ist zurzeit der prominenteste politische Gefangene und wird immer mehr zur Symbolfigur der angolanischen Protestbewegung.

Völlig entkräftet wurde Luaty Beirão am Donnerstag vom Gefängniskrankenhaus in eine private Klinik in der angolanischen Hauptstadt Luanda verlegt. Dort sollen Ärzte seinen Gesundheitszustand prüfen. Schwer bewaffnete Polizisten überwachen sein Krankenzimmer. Luaty Beirãos Angehörige fürchten um das Leben des 33-jährigen Familienvaters.

Vor fast einem Monat hat der prominente Menschenrechtsaktivist aufgehört, feste Nahrung zu sich nehmen. Er protestiert damit gegen seine Verhaftung im Juni. Das angolanische Regime sagt, er und weitere 14 verhafte Angehörige der angolanischen Jugendprotest-Bewegung hätten einen Putsch gegen Präsident José Eduardo dos Santos geplant. Ein absurder Vorwurf, sagen Beobachter.

Die Regierung lässt indes keine Kritik zu: In einer am Donnerstag der Nationalversammlung zugegangenen Verlautbarung behauptet Präsident José Eduardo dos Santos "feindliche Mächte aus dem Ausland" steckten hinter der immer lauter werdenden Protestbewegung. Der Präsident, der Angola ununterbrochen seit 36 Jahren regiert, bekräftigte sein Credo, dem Druck der Straße nicht nachzugeben, auch nicht im Fall Beirão.

Angola Movimento Revolucionário - Adolfo Campos

"Movimento Revolucionário" - die angolanische Jugendprotestbewegung macht seit 2011 auf sich aufmerksam

Luaty Beirão: Pazifist, Aktivist, Symbolfigur

Wer ist Luaty Beirão? Im Interview mit der DW erinnert die Menschenrechtsaktivistin Lisa Rimli daran, dass er ursprünglich aus einer Familie stammt, die der MPLA-Elite angehört, jener Freiheitsbewegung und Partei, die seit der Unabhängigkeit von Portugal 1975 die Geschicke Angolas bestimmt. Beirãos Vater sei ein hochrangiger Parteifunktionär gewesen. Doch anders als andere Angehörige der angolanischen Oberschicht sei Luaty Beirão ein Idealist geblieben. Nach seiner Ausbildung in Portugal, England und Frankreich sei er in sein Heimatland zurückgekehrt, um sich - auch über die Musik - für die Ausgebeuteten und Unterdrückten einzusetzen.

Rimli lernte den unter dem Künstlernamen "Ikonoklasta" auftretenden Rapper im September 2011 in Luanda kennen, als sie im Auftrag von Human Rights Watch über die aufkeimende Jugendprotestbewegung "Movimento Revolucionário" recherchierte. Beirão gehörte von Anfang an zur Gruppe. Heute - vier Jahre später - gilt er als Symbolfigur für die gesamte außerparlamentarische Opposition in Angola: Luaty Beirãos gesundheitlicher Zustand ist ernst, aber in den sozialen Medien ist er präsenter denn je. "Viele Anhänger bekunden in den sozialen Netzwerken ihre Solidarität mit dem Rapper."

"Immer mehr Angolaner organisieren Mahnwachen und Proteste - auch im europäischen Ausland, so auch in Lissabon in den vergangenen Tagen", fasst Rimli zusammen. Mónica Almeida, Ehefrau von Luaty Beirão und Mutter der gemeinsamen zweijährigen Tochter, äußert gegenüber der DW große Sorge über den Zustand ihres Ehemannes: Sie habe große Angst, dass er sterbe. Er habe bereits die Ärzte angewiesen, "im Falle eines Falles keine lebensverlängernden Maßnahmen" einzuleiten. In einem offenen Brief habe er bereits - im Falle seines Todes - den angolanischen Präsidenten zum "einzigen Verantwortlichen" erklärt. Luatys Ziel sei es nicht, "eine Symbolfigur, ein Nationalheld oder gar ein Märtyrer zu werden", betont Mónica Almeida im DW-Gespräch. Mit dem Hungerstreik wolle ihr Ehemann vor allem eines: "einen fairen Prozess einfordern".

Verhaftungswelle: Jeglicher Protest im Keim erstickt

Auslöser für die aktuellen Hungerstreiks war eine Verhaftungswelle von Oppositionellen, die am 20. Juni 2015 ihren Höhepunkt erreichte: An dem Tag wurden 15 Angehörige der Protestbewegung von Sicherheitskräften verhaftet und - zunächst ohne formelle Anklage - monatelang im Gefängnis festgehalten. Die Angeklagten streiten die Vorwürfe ab. Sie hatten sich kurz vor ihrer Verhaftung in einer Privatwohnung getroffen, um über die politische Lage in Angola zu diskutieren, sagen Freunde und Angehörige. Erst im September wurden sie formell angeklagt: Sie sollen eine Rebellion, einen Staatsstreich gegen Staatspräsident José Eduardo dos Santos und sein Regime geplant haben.

Angola Luanda Gefängnis Luaty Beirao

An der Tagesordnung in Luanda: Proteste für die Freilassung von Luaty Beirão

Nach angolanischem Recht handele es sich formell um einen "schweren Anschlag gegen die Sicherheit des Staates", eine schwere Straftat, die mit mindestens drei Jahren Haft bestraft wird. Eine Anklage, die nicht nur Mónica Almeida, die Ehefrau Luaty Beirãos, für absurd hält: "Wie ist es möglich, dass 15 junge Oppositionelle die Sicherheit eines der am stärksten bewaffneten Staaten Afrikas gefährden? Luaty ist immer ein Pazifist gewesen." Er gehöre keiner Partei oder Organisation an und er lehne Gewalt ab. In einem seiner Songs heißt es, er würde sich gern mit dem Präsidenten im Palastgarten unterhalten, "aber die Wahrheit ist, das angolanische Regime kennt keinen Dialog".

Menschenrechtsaktivistin Lisa Rimli fügt hinzu, das Problem sei, dass es in Angola keine von der Regierung unabhängige Justiz gebe. Die Verhaftungen passierten willkürlich und würden ohne Haftbefehl durchgeführt. "Ebenso die Hausdurchsuchungen. So gesehen ist es nachzuvollziehen, warum die Verhafteten in den Hungerstreik getreten sind."

Mit Luaty Beirão haben auch andere Häftlinge die Nahrungsaufnahme verweigert. Doch die meisten von ihnen haben nach drei Wochen aufgegeben. Nur einer hält weiter durch: Luaty Beirão. An diesem Samstag sind es bereits 27 Tage.

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