Hoffnungen und Skepsis in Argentinien zum G20-Gipfel | Wirtschaft | DW | 29.11.2018
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G20-Gipfel

Hoffnungen und Skepsis in Argentinien zum G20-Gipfel

G20-Gastgeber Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Das Haushaltsdefizit steigt und steigt. Die Inflation ist auf 20 Prozent geklettert. Immer mehr Argentinier leben unter der Armutsgrenze.

Seit Jahren produzieren die Maschinen von "Industrias Klammer" nichts mehr. Aber nicht weil sie kaputt sind, sondern weil es keinen mehr gibt, der sie in Betrieb setzt. Vor 30 Jahren gründete ein deutsches Ehepaar die Drechslerei in San Martín, einem Vorort von Buenos Aires. In guten Zeiten hatte die Firma bis zu 12 Mitarbeiter, jetzt bleibt nur noch einer. "Einen Großteil unserer Arbeit übernimmt jetzt beispielsweise China, also kommen die Leistungen von außerhalb, es ist billiger und sie haben bessere Bedingungen als wir", erzählt der 70-jährige Gründer Juan Beck.

Juan Beck (DW/O. Harms)

Der deutsch-argentinische Unternehmer Juan Beck

Die Einkünfte von ihm und seiner Frau Gertrud entsprechen nach jahrzehntelanger Arbeit gerade mal dem Mindestlohn. Damit kann die Familie kaum überleben. "Statt neue Kleidungsstücke zu kaufen, tragen wir nun die alten weiter", sagt Gertrud, "bei meinem Enkel wird auch mal ein Flicken am Knie auf die Hose genäht".

Immer weniger Kleinunternehmen

Das traurige Schicksal von Industrias Klammer trifft aber auch die Familien ehemaliger Mitarbeiter. Eduardo García wurde nach 28 Jahren gekündigt. Mit 55 Jahren wird er kaum mehr irgendwo angestellt. Wie viele Argentinier kommt er nun als Uber-Fahrer gerade so über die Runden. "Nicht nur diese, sondern auch die vorherige Regierung hat gegen die Industrie und die Klein- und Mittelbetriebe agiert, die bisher den meisten Menschen Arbeit boten."

Aufgrund der Krise, in der sich viele Firmen befinden, will die argentinische Industrieunion (UIA) der Regierung Hilfsmaßnahmen vorschlagen. Am dringlichsten sei es, die Steuerbelastungen zu senken. Die hohen Abgaben haben auch Industrias Klammer fast in den Ruin geführt. "Das und die ständige Abwertung des argentinischen Peso führen dazu, dass man von der geleisteten Arbeit kaum noch was hat", so Juan Beck.

"Raus mit dem IWF und den G20”

Argentinien befindet sich in einer tiefen Wirtschaftskrise und ist auf Hilfe von außen angewiesen: Kredite vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Dagegen protestieren tausende Bürger seit Monaten, auch im Vorfeld des G20-Gipfels, der zum ersten Mal in einem südamerikanischen Land stattfindet.

Luciana Ghiotto (DW/O. Harms)

Aktivistin Luciana Ghiotto

Der IWF hat Argentinien im September mit einem neuen Milliardenkredit unter die Arme gegriffen und wird auch beim diesjährigen Gipfel eine wichtige Rolle spielen. Die G20 wurden ursprünglich gegründet, um die globalen Finanzkrisen zu lösen, "doch in Wirklichkeit hilft der Gipfel niemandem", meint Luciana Ghiotto von ATTAC Argentina. Zusammen mit anderen Menschenrechtsorganisationen wird sie während des ersten Gipfeltags am Freitag (30.11) protestieren. "Argentinien spielt den guten Schüler des IWF, aber den Besuch von Christine Lagarde und dass der G20-Gipfel überhaupt hier in Buenos Aires stattfindet, sehen viele Menschen als eine Provokation."

Argentinien Buenos Aires Proteste gegen G20 Gipfel (Reuters/M. Brindicci)

Die Proteste dauern schon Monate an


Mit neuen internationalen Abkommen aufholen

Die Regierung Macri erhofft sich mit dem Gipfeltreffen frischen Wind und Aufmerksamkeit für das Land. Neue Abkommen beispielsweise für den Fleischexport in die USA wurden bereits einige Tage vor dem Gipfel unterzeichnet. Miguel Braun, Sekretär für Wirtschaftspolitik, sieht den Gipfel auch als eine "großartige Gelegenheit für den Tourismus” und glaubt, dass sich Argentinien als "ehrlicher Vermittler von auseinander liegenden Positionen in einer sehr komplexen globalen Situation” zeigen kann.

Auf den Straßen von Buenos Aires glauben dagegen aber nur wenige Menschen, dass der Gipfel irgendetwas an ihrer Situation ändern könnte. Die Ausgaben für das Treffen werden auf rund 200 Millionen Dollar geschätzt. "Das Geld sollte lieber in Bildung investiert werden, dort wäre es dringend nötig ”, meint die 25-jährige Studentin, Mariana Arboledas, "Die einzige Hoffnung ist, dass dieser Gipfel nicht in einem riesigen Chaos endet wie letztes Jahr in Hamburg”, sagt sie.

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