Hodges: ″Die Russen respektieren nur Stärke″ | Europa | DW | 17.07.2018
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DW-Interview

Hodges: "Die Russen respektieren nur Stärke"

Der ehemalige Chef der US-Army in Europa, General "Ben" Hodges, kritisiert Donald Trumps Kuschelkurs gegenüber Wladimir Putin. Auch für Trumps Umgang mit Deutschland zeigt er wenig Verständnis.

Deutsche Welle: Viele Beobachter sagen, das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sei desaströs verlaufen und bedrohe multilaterale Allianzen wie die NATO. Ist das auch Ihre Bewertung?

Frederick Benjamin Hodges: Ich bin sehr zurückhaltend, etwas als Desaster zu bezeichnen, wenn es gerade erst passiert ist. Es wird Zeit brauchen, die Dinge zu sortieren. Allerdings deuten alle Berichte, die ich bislang gesehen habe, in die gleiche Richtung: Mit Ausnahme von den Russen sind alle unglücklich mit dem Treffen. Positiv vermerken kann man allerdings, dass es zumindest keine Ankündigungen nach der Art gab, Russland könne mit Georgien oder der Ukraine verfahren wie es wolle. Es gibt also keinen Hinweis darauf, dass es bei dem Treffen so zuging wie im 18. Jahrhundert, als Staaten mit ihren Territorien untereinander Handel trieben. Immerhin.

Dennoch wird Trump in den USA große Probleme bekommen. Denn viele Republikaner sind darüber verärgert, dass er sich nicht um das Thema der russischen Einmischung bei den US-Wahlen gekümmert hat. Er wollte es nicht verurteilen, er hat Putin dafür nicht zur Rede gestellt. Das ist nicht nachvollziehbar.

Trump begann seine Europareise mit heftiger Kritik an den NATO-Verbündeten und beendete sie, ohne Putin zu kritisieren. Was sollen wir davon halten?

Lassen Sie mich eines vorausschicken: Die NATO, unser großes Bündnis, ist nicht perfekt, aber es ist immer noch das erfolgreichste Bündnis in der Weltgeschichte. Wir sind zusammen durch harte Zeiten gegangen, auch weil die Nationen gemeinsame Werte und Interessen haben. Dabei stand nie zur Debatte, dass die USA zu ihrer Verantwortung stehen und Führung übernehmen. Zum ersten Mal in meinem Leben hat ein amerikanischer Präsident das in Frage gestellt - und das besorgt mich zutiefst. Neu ist diese offene Respektlosigkeit und Ablehnung gegenüber unseren wichtigsten Verbündeten. Das besorgt alle Militärs, die ich kenne.

Finnland Helsinki PK Treffen Trump Putin (picture-alliance/Zumapress)

Mini-Gipfel: US-Präsident Trump und Präsident Putin bei ihrem Treffen in Helsinki

Zweitens glaube ich nicht, dass der Präsident internationale Bündnisse und Organisationen schätzt. Das ist bedauernswert, denn für die USA sind solche Bündnisse essentieller Bestandteil unserer Sicherheitsstrategie. Die 30.000 Soldaten, die hier in Deutschland stationiert sind, sollen nicht Deutschland verteidigen, sie sind unser Beitrag zur gemeinsamen Sicherheit. Offen gesagt: Deutschland ist unser wichtigster Verbündeter aufgrund der Möglichkeiten und Zugänge, die es uns gibt. Wenn man so will, ist Deutschland unser wichtigster Außenposten, auch was die Zusammenarbeit unserer Nachrichtendienste angeht. Ich habe Deutschland immer als den Bündnispartner gesehen, um den sich die USA am meisten bemühen sollten - dass unser Präsident ausgerechnet die Kanzlerin als Gegnerin ausgemacht hat, das halte ich für einen schrecklichen Fehler.

Viele konservative Politiker in Deutschland unterstützen Trumps Forderungen, dass Deutschland seinen NATO-Beitrag erhöhen sollte...

Ja, es stimmt, Trump hat der Debatte über die Finanzierung der NATO neuen Schwung verliehen. Das muss man anerkennen. Aber die Art, wie er die Forderungen gestellt hat, die hat mir nicht gefallen.

Symbolbild Deutschland Bundeswehr Material (picture alliance/dpa/F. Kästle)

Mehr Geld für die NATO ist richtig, die Kritik an den Bündnispartnern nicht, sagt Hodges

Sind es dann nur die rüden Umgangsformen, mit denen Trump aneckt?

Ich glaube nicht, dass es nur um Stil geht - das würde den Schaden kleinreden, den der US Präsident im Bündnis angerichtet hat. Es geht um Missachtung der Verbündeten. Deutschland leistet sehr viel für das Bündnis und auch an Unterstützung für die USA, was nicht mit dem Zwei-Prozent-Ziel erfasst wird (bis 2024 wollen die NATO-Staaten jeweils zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben aufwenden; Anm. der Red.) Mir gefällt es nicht, dass dies der einzige Maßstab ist, der angelegt wird. Es sollte eine etwas anspruchsvollere Debatte über eine gerechte Lastenverteilung innerhalb der NATO geben. 

In Deutschland gibt es Misstrauen gegenüber der Rhetorik aus den Zeiten des Kalten Krieges, die von der NATO aufgegriffen worden sind. Die Leute wollen keinen Konflikt mit Russland. Wird die russische Bedrohung überbetont?

Nein, absolut nicht. Mehr als 400 Jahre hat Russland all seine Macht dafür eingesetzt, um seine Ziele durchzusetzen. Seine wirtschaftliche Kraft, seine diplomatischen Mittel und natürlich sein Militär. Wir müssen realistisch sein: Russland respektiert nur Stärke. Russland ist in der Ukraine einmarschiert, Russland ist in Georgien einmarschiert, Russland bedroht die baltischen Staaten und Russland bezeichnet Staaten wie Rumänien, Dänemark oder Schweden als "nukleare Ziele". Das ist eine echte Bedrohung.

Nun stehen hinter der Grenze nicht reihenweise russische Panzer mit laufenden Motoren, die jederzeit bereit wären, eine Invasion zu starten. Damit rechne ich nicht. Aber sie wären dazu im Stande. Hinzu kommen ihre Möglichkeiten in den Bereichen Cybertechnologie und Desinformation. Und natürlich die nukleare Bedrohung. Außerdem haben wir alle, auch die USA, über eine lange Zeitspanne hinweg abgerüstet, da wir davon ausgegangen sind, Russland könnte unser Partner werden. Der letzte US-Panzer hat Deutschland schon vor fünf Jahren verlassen. Die Bundeswehr wurde fast gänzlich entwaffnet. Jetzt, nachdem Russland sich so aggressiv verhalten hat, müssen wir alle uns beeilen, verlorene Fähigkeiten wieder aufzubauen, um eine Abschreckung gewährleisten zu können.

War das Treffen zwischen Putin und Trump unter diesen Vorzeichen besonders Besorgnis erregend? 

Es ist gar nicht schlecht, dass sich die beiden getroffen haben. Je angespannter eine Situation ist, um so mehr sollten sich die Beteiligten treffen und von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen. Einfach damit es keine Missverständnisse gibt. Das Problem ist nur, dass nur sehr wenige Menschen tatsächlich glauben, was der US-Präsident sagt. Ein Treffen um des Treffens willen ist nicht hilfreich, erst recht nicht, wenn man nicht weiß, was man erreichen will und man keinen Druck auf Russland ausübt. Ich sage es noch einmal: die Russen respektieren nur Stärke und im Moment sieht unser Bündnis nicht stark aus. Und auch der US Präsident sieht nicht stark aus.

Das Interview führte Ben Knight.

Frederick Benjamin Hodges war bis 2017 Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa. Während seiner aktiven Zeit diente der Drei-Sterne-General "Ben" Hodges in Korea, im Irak und in Afghanistan. Seit seinem Ausscheiden aus der US Armee lebt Hodges in Frankfurt und arbeitet für den US-amerikanischen Think Tank Center for European Studies CEPA. 

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