Hochwasser: Die Solidarität der Macher – Menschen für Menschen  | Deutschland | DW | 23.07.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Hilfsbereitschaft nach der Flut

Hochwasser: Die Solidarität der Macher – Menschen für Menschen 

In der Not ist schnelle Hilfe doppelte Hilfe. Nach der Flutkatastrophe in Westdeutschland packen Helfende aus nah und fern an, räumen auf, spenden – in improvisierten Strukturen. Über Solidarität in der Not.

Deutschland Simbach Aufräumarbeiten nach Flut

Hände reichen, anpacken - in der Krise zeigt sich der Mensch von seiner besten Seite

Helfer brauchen Hilfe. Und ihre Maschinen Kraftstoff. Um vier Uhr früh am Mittwochmorgen haben sich deshalb Thomas Sperber und Marius Gläser in Limburg in ihren Tanklastzug gesetzt. 32.000 Liter Diesel schwappen in den Tanks hinter ihrer Fahrerkabine, gespendet von 17 Mineralölhändlern aus Limburg und Umgebung. Den wollen sie im Hochwassergebiet verteilen - kostenlos an alle, die dort mit Baggern unterwegs sind und Traktoren, mit Lastern und Bussen, die Notstromaggregate betreiben und Pumpen. Verbreitet wird das Hilfsangebot per Facebook.

Als sie auf einem Parkplatz in Remagen unweit des schwer vom Hochwasser getroffenen Ortes Sinzig ihre improvisierte Tankstation eröffnen, rollt als einer der ersten "Kunden" Rasim Cervidaku mit seinem Radlader an, in der Schaufel drei leere Fässer. Der Landschaftsgärtner aus Sinzig ist seit der Flutkatastrophe vor einer Woche mit seinem Arbeitsgerät fast pausenlos im Einsatz. Er selbst habe Glück gehabt, sagt er der DW, sein Haus und sein Betrieb seien höher gelegen und nicht vom Hochwasser betroffen. Für ihn und seine Familie stand trotzdem fest: Sie wollen mit allem, was sie haben, den Flutopfern beistehen. Sein Sohn beteiligt sich mit dem firmeneigenen Bagger an den Aufräumarbeiten.

Private Hilfeleistende bei der Flukatastrophe an der Ahr

Treibstoff für die Helfer: Gespendeter Diesel fließt in die Tanks von Rasim Cervidaku.

Menschen von Hilfsbereitschaft überrascht

"Die allergrößte Hilfeleistung wird von den Menschen vor Ort geleistet", hat der Berliner Katastrophenforscher Martin Voß beobachtet. "Erst einmal von jenen, die noch nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen sind - so, dass sie noch etwas tun können: Die packen mit an."

Solidarität ist das Schlagwort der Stunde, der Stunde der Not in den Überflutungsgebieten. Die Solidarität, die Hilfsbereitschaft ist riesig – und sucht sich auch Wege jenseits etablierter Strukturen des Staates oder von Hilfsorganisationen. Viele, die Menschen sonst eher als egoistisch und konkurrierend wahrnehmen, sind erstaunt über die riesige Welle an Hilfsbereitschaft, die der Flutwelle folgt. Allerdings zeige die Forschung seit Jahrzehnten, dass sich Menschen in Katastrophensituationen genuin solidarisch verhielten, sagt Martin Voß der DW. "In dem Moment, wo Menschen in solch eine Notlage geraten, ist das große soziale und engagierte füreinander Dasein ganz klar das primäre Verhalten".

Martin Voss, Katastrophenforscher an der Freien Universität Berlin

Der Berliner Soziologe Martin Voß forscht zu Katastrophen

Das muss nicht immer so weit gehen wie bei Hubert Schilles: Der Mittsechziger aus dem Eifelort Mechernich hatte mit seinem 30 Tonnen Bagger unter Lebensgefahr den blockierten Abfluss einer Talsperre freigeschaufelt. Und damit mehr als 10.000 unmittelbar von einem möglichen Dammbruch Betroffene gerettet.

300 Kilometer Anreise - mit Bagger

Ein Mann der Stunde ist auch Karsten Steiner. Der kräftige Mann sitzt am Mittwoch am Steuer seines schweren Baggers in Sinzig. Die Greifarme heben erst eine zerstörte Mercedes-Limousine zur Seite. Dann packen sie wieder in den meterhoch am Straßenrand aufgetürmten Wall aus Schlamm und Müll und hieven den Unrat in einen bereitstehenden Laster. Drei Tage nach der Katastrophe hatte Steiner seinen Bagger auf seinen Tieflader gefahren und war aus dem knapp 300 Kilometer entfernten Georgsmarienhütte angereist, um zu helfen. Auf eigene Kosten. Darauf und auf den Verdienstausfall angesprochen entgegnet Steiner nur: "Sehen Sie sich um: Den Leuten hier geht es viel schlechter als mir". Dann räumt er ungerührt wieder ein Stück Straße frei. Bis zum Wochenende will Steiner in Sinzig noch aushelfen.

Private Hilfeleistende bei der Flukatastrophe an der Ahr

Helfer Karsten Steiner ist mit seinem eigenen Bagger aus dem 267 Km entfernten Georgsmarienhütte angereist

"Die Macher sind die wirklichen Helden der Situation", bestätigt Wolf Dombrowsky. "Also die, die sofort loslegen und anpacken und tun. Und die am besten auch noch einteilen und den anderen sagen: Du machst dies, du machst das". Der Bremer Katastrophenforscher unterstreicht, wie sehr die normalen Konkurrenzmechanismen in der Gesellschaft in einer Katastrophensituation außer Kraft gesetzt sind. "Hier sind die Leute ja entblößt von allem. Und jeder der hilft ist ein Held."

Ausgemusterte Feuerwehr-Laster reaktivert

Zu diesen Helden gehört auch Max Diron. Der 27-Jährige fährt bei der Gratis-Tank-Aktion in Remagen mit einem alten privaten Feuerwehr-Laster vor. Mit solchen Oldtimern handelt Diron im nahegelegenen Bonn: Die Allradfahrzeuge sind als Wohnmobile beliebt bei Leuten, die in abgelegenen Bergregionen jenseits fester Straßen unterwegs sein wollen.

Jetzt ist Dirons Heimatregion an der Ahr Off-Road-Gebiet. Und die ausgemusterten Feuerwehrfahrzeuge sind plötzlich wieder im Hilfseinsatz. Schon in der Katastrophennacht war der Oldtimerhändler zu Rettungsaktionen unterwegs. "Meine Schwiegermutter hat mich um halb vier Uhr angerufen", gibt er zu Protokoll. 

Mittlerweile bricht er jeden Nachmittag gegen 17 Uhr mit einer Gruppe Mitstreiter zum "After-Work-Help" auf, wie er es nennt. Im Gepäck Besen, Schaufeln, Schubkarren, Gummistiefel und was sonst noch alles benötigt wird im Krisengebiet - plus jede Menge Motivation.

Private Hilfeleistende bei der Flukatastrophe an der Ahr

Max Diron (2. von links) mit den "After-Work-Helfern". Der Feuerwehr-LKW war schon ausgemustert. Jetzt erweist er sich wieder als extrem nützlich

"Wir haben schon zwölf Häuser fertig gemacht", zieht Diron Bilanz. Und erzählt, dass seine alten Feuerwehrautos auch Wege bewältigen könnten, in denen die moderneren LKW des Technischen Hilfswerks, THW, stecken blieben. Weshalb er an diesem Nachmittag mit seiner "After-Work-Help"-Truppe mit Notstromaggregat und Wasserpumpe in besonders abgeschnittene Ortschaften fahren will.

Mit Shuttle-Bus zum Hilfseinsatz

Wer kein Spezialfahrzeug hat und trotzdem helfen will, kommt per Shuttle-Bus ins Krisengebiet. Ab morgens um sieben fahren Kleinbusse, Reisebusse, Linienbusse die Hilfswilligen an ihre Einsatzorte. Knapp 1000 Menschen täglich.

Organisator Marc Ulrich aus Bad-Neuenahr-Ahrweiler hatte nach der Katastrophe schnell gemerkt: Viele Menschen wollen helfen. Aber es droht ein komplettes Verkehrschaos, wenn alle mit ihren Privatautos ins Flutgebiet zu fahren versuchen. Dann kommen auch die Rettungs- und Räumfahrzeuge nicht mehr durch. Also die Idee mit den Shuttlebussen. Abfahrtsorte und Zeiten werden auf Facebook verbreitet.

Auf den Fahrten zum Einsatz werden die Helfenden schon mal eingestimmt. "Geht nicht ungebeten in leere Häuser", lautet einer der Hinweise. Oder: "Hört den Menschen zu, wenn sie reden möchten. Aber sprecht sie nicht an".

Deutschland: Aufräumen nach der verheerenden Flut

Wenn die Hilfsbereitschaft nachlässt

In einem Interview mit dem Bonner General-Anzeiger sorgt sich der 42-jährige Unternehmer Ulrich um die Dauer der Hilfsbereitschaft. Er befürchtet, die Flutkatastrophe werde bald von anderen Themen verdrängt. Auch Katastrophenforscher Dombrowsky rechnet mit einem Abebben der privaten Hilfseinsätze. "Die Leute, die da hinfahren und helfen, stehen ja zumeist im Beruf. Sie haben Familie, Kinder, Verwandte. Und dieses wunderbare Gefühl, ein gebrauchter Held zu sein und enorm nützlich zu sein, das kommt an eine Art Sättigung. Und dann tritt das Gefühl ein: Ich muss ja wieder arbeiten oder meine Familie braucht mich ja auch. Oder die Kraft lässt nach."

Spätestens dann müsse die Verstetigung der Hilfe auf professionellem Niveau einsetzen, sagt Dombrowsky. "Aber dann ist auch das Gröbste überwunden und dann ist nicht mehr spontane Hilfe nötig". Dann kommt die Phase des Wiederaufbaus.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema