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Hilfsorganisation warnt angesichts steigender Armut vor sozialen Problemen in Serbien-Montenegro

24. März 2004

- Jeder dritte lebt unterhalb der Armutsgrenze

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Bonn, 23.3.2004, DW-RADIO, Wiebke Breuckmann

Hohe Arbeitslosigkeit und extreme Armut prägen nach Einschätzung der deutschen Hilfsorganisation Caritas den Alltag der Menschen in Serbien-Montenegro. Die Organisation geht davon aus, dass sich innerhalb des vergangenen Jahrzehnts die Armut verzehnfacht hat. Sie beruft sich dabei auf eine Studie des serbischen "Center for Liberal Democratic Studies". Danach lebte im Jahr 2002 schon jeder Dritte unterhalb der Armutsgrenze. 18 Prozent mussten mit weniger als 20 US-Dollar im Monat auskommen, per Definition entspricht das "absoluter Armut".

Die Armut in Serbien-Montenegro nimmt für europäische Verhältnisse erschreckende Ausmaße an, so die Deutsche Hilfsorganisation Caritas. Sie betreffe vor allem Senioren, Kinder, Arbeitslose und Industriearbeiter. Gernot Kraus, Länderreferent für den Balkan bei der Caritas, war Anfang März in der serbischen Hauptstadt Belgrad:

"Man sieht natürlich sehr, sehr reiche Leute, sehr große Autos in der Stadt. Auf der anderen Seite eben auch eine erschreckende Zunahme der wirklich bitteren Armut. Man sieht alte Leute auf den Straßen in Mülleimern suchen, man sieht Bettler, man sieht Roma, die sehr stark verlumpt in alten Kleidungen rumlaufen, also man sieht schon eine starke Zunahme der offensichtlichen Armut in den Straßen."

Die Gründe für die starke Zunahme der Not reichen nach Einschätzung von Gernot Kraus zurück bis zum Umbruch vom Sozialismus zur Marktwirtschaft. Das alte System sei zusammengebrochen, bevor das neue wirklich funktioniert habe. Die gewaltsam ausgetragenen Konflikte hätten das Problem verstärkt:

"Es sind sehr viele Handelsbeziehungen unterbrochen. Es sind sehr viele Betriebe aufgrund des lange anhaltenden Embargos wegen der Jugoslawien- und Nachfolgekriege unterbrochen. Viele Betriebe haben ihre Produktion eingestellt, die Lieferbeziehungen sind unterbrochen. Bis das wieder aufgenommen werden kann, das wird sehr, sehr lange dauern. Und das hat natürlich starke Rückwirkungen auf die Einkommenssituation in der Bevölkerung."

Die deutsche Caritas unterstützt die Caritasorganisation vor Ort, organisatorisch und finanziell. Auch an den Projekten der Caritas Serbien-Montenegro, die erst seit 10 Jahren existiert, beteiligt sich die deutsche Hilfsorganisation. Mit Tageseinrichtungen werden ältere Menschen medizinisch versorgt und bekommen eine Mahlzeit. In einem landesweiten Hauskrankenpflegeprojekt werden alte Menschen durch 120 freiwillige und professionelle Helfer betreut. Die Versorgung reicht von medizinischer Hilfe über psycho-soziale Unterstützung bis hin zur Hilfe im Haushalt. Insgesamt beschäftigt die Caritas Serbien-Montenegro allein in der Hauptstadt Belgrad 93 Mitarbeiter. Hinzu kommen über 100 Freiwillige. Fehlende rechtliche Rahmenbedingungen erschweren offenbar derzeit weitergehende wirkungsvolle Hilfe. Gernot Kraus:

"Wir haben also zum Beispiel Probleme, dass unsere Partner, die Caritas vor Ort, nicht registriert ist als Hilfsorganisation, weil es einfach den rechtlichen Rahmen dafür noch nicht gibt. Das betrifft sicherlich genauso auch die Wirtschaftsunternehmen, die dort eben auch keine Sicherheit sehen für Investitionen. Also die Rahmenbedingungen müssten verbessert werden. Das wäre ein ganz wichtiger erster Schritt. Und natürlich auch politische Sicherheit. Die aktuellen Entwicklungen tragen sicherlich nicht dazu bei, die Situation zu verbessern."

Jeder dritte ist offiziellen Angaben zufolge in Serbien-Montenegro derzeit ohne Arbeit. Auch im Landesteil Kosovo - so die Erfahrungen und Eindrücke der Caritas - kämpfen die Menschen mit diesen Problemen.

"Da ist die Perspektivlosigkeit ein ganz wichtiger Punkt. Man sieht eben keine Zukunft für sich. Es wird nichts produziert, und das ist langfristig eben keine Aussicht auf eine Verbesserung der Einkommenssituation und das bringt natürlich schnell die Leute an den Rand des Erträglichen, dass die sagen, wir müssen gegen die uns aufgezwungenen Strukturen rebellieren und das ist all das was im Augenblick passiert und die Spannungen und die gegenseitigen Zerwürfnisse zwischen Serbien und Kosovo erhöht."

Die Caritas Serbien-Montenegro hat in Belgrad ein multi-ethnisches Jugendzentrum gegründet in der die jungen Erwachsenen lernen sollen, ihre Probleme gemeinsam zu lösen. Gernot Kraus hofft, dass die Hilfsorganisation dadurch einen Beitrag zur Völkerversöhnung leisten kann und sich die Situation langfristig entspannt:

"Ich meine, in den letzten Tagen hat es ja auch in Belgrad Aufstände gegeben und man hat die Moscheen in Belgrad und in Nis angesteckt. Also es ist mit Sicherheit mit weiteren Protesten zu rechnen, wenn sich die Situation nicht beruhigt. Und das Schlimmste wäre, wenn der Konflikt wieder aufflammen würde und damit die ganze Region um Jahre zurückwerfen würde." (fp