Herman Melville zum 200. Geburtstag: Ein Wal machte ihn unsterblich | Bücher | DW | 01.08.2019
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Weltliteratur

Herman Melville zum 200. Geburtstag: Ein Wal machte ihn unsterblich

Bei seinen Zeitgenossen fiel er mit "Moby Dick" durch und geriet schnell in Vergessenheit. Erst nach seinem Tod wurde Herman Melville wiederentdeckt. Mit "Bartleby" nahm er die Moderne vorweg - und Donald Trump.

"Ich weiß nicht, ob ein Buch nicht besser im Hirn eines Mannes aufgehoben ist als in Kalbsleder gebunden - auf alle Fälle ist es dort besser vor der Kritik geschützt."

Melville schrieb diese Zeilen ein paar Monate, bevor in London sein Roman "Moby Dick" erschien. Kurz danach wurde er auch in seiner Heimatstadt New York veröffentlicht. Vielleicht hatte Melville es geahnt. "Moby Dick" wurde zu einem Misserfolg, nur rund 3000 Exemplare wurden zu Lebzeiten verkauft. Die Literaturgeschichte hat es nicht gut gemeint mit Herman Melville. Zumindest lange Zeit nicht.

Das Werk Herman Melvilles wurde erst spät gewürdigt

Wenn jetzt an den 200. Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville erinnert wird - er kam am 1. August 1819 in New York City zur Welt - sollte man auch daran erinnern, dass sein Werk für einige Jahrzehnte in der Versenkung verschwunden war. Heute gilt der Amerikaner als einer der größten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, als Monument der Literaturgeschichte, als Wegbereiter des modernen Romans. Diesen Ruf hat er vor allem "Moby Dick" zu verdanken.

Doch erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts setzte die Wiederentdeckung Melvilles ein: "Die Sprache, die Komplexität und die Vieldeutigkeit dieses Buches hat damals sehr beeindruckt, und man hat erkannt, dass man das eigentlich nie richtig gewürdigt hat im 19. Jahrhundert", sagt Alexander Pechmann, Autor, Herausgeber, Übersetzer englischsprachiger Literatur -  und der wohl beste Kenner Herman Melvilles im deutschsprachigen Raum.

Bildergalerie zum 200. Geburstag des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville (imago/Prod.DB)

Tauchte erst nach Jahren in der Weltliteratur auf: "Moby Dick", hier eine Szene aus der Hollywood-Verfilmung von 1956

Den Roman "Moby Dick" mit seinen vielen hundert Seiten dürfte auch heute nur eine Minderheit tatsächlich gelesen haben. Sicher, man kennt "Moby Dick": als spannende Jugendroman-Ausgabe, als auf seine Abenteuerelemente gekürzte Buch-Version, als monumentale Hollywood-Verfilmung mit Gregory Peck. Aber den ganzen Roman? "Moby Dick" erzählt ja weit mehr als die Geschichte des fanatischen Kapitäns Ahab, der sich, am Rande des Wahnsinns agierend, auf der Suche nach dem legendären weißen Wal aufreibt.

"Moby Dick": experimentell, verspielt, uferlos

Das Buch ist aus vielen Elementen zusammengesetzt: "Was es von der Abenteuergeschichte unterscheidet, sind diese Einfügungen Melvilles, der ganz verschiedene Stilmittel benutzte: Er schreibt nicht den Roman von A bis Z", erzählt Pechmann: "Es gibt Kapitel, die sind wie aus einem Theaterstück entnommen, es gibt Artikel, die sind reine Essays, es sind Lexikonartikel eingefügt, über die Abbildungen von Walen, über die verschiedenen Sorten von Walen, über den Walfang."

Gregory Peck als Kapitän Ahab in der Moby-Dick-Verfilmung von John Huston (picture-alliance/United Archives)

Gregory Peck als Kapitän Ahab in der Moby-Dick-Verfilmung von John Huston

Melville habe damals "die traditionelle Romanhandlung" aufgebrochen und "daraus etwas viel Größeres" gemacht, so Pechmann: "Aus der einfachen Abenteuergeschichte wurde eine immer mehr ins Metaphysische gehende Erzählung, die mit Anspielungen überhäuft und fast schon überfrachtet war." Herausgekommen sei schließlich ein sehr komplexes Werk: "Die Abenteuergeschichte wurde zu einem Transportmittel für verschiedene Deutungsmöglichkeiten."

Melville verarbeitete in seinen Büchern eigene Erlebnisse

Die Geschichte, die Melville in den Jahren 1850/51 zu Papier brachte, speiste sich aus den verschiedensten literarischen Einflüssen. Und aus seinem Leben, seinen Erlebnissen und Erfahrungen. Als drittes von acht Kindern schottischer Einwanderer geboren, wurde Herman im Alter von 13 Jahren Halbwaise, musste die Schule verlassen und Geld verdienen.

Mit 20 fuhr er erstmals zur See, zwei Jahre später heuerte er auf dem Walfangschiff "Acushnet" an. Was in den Jahren danach folgte, ähnelt selbst einer Abenteuergeschichte. Weil Melville die Bedingungen auf dem Schiff als unmenschlich empfand, desertierte er. Es folgten Flucht und Gefangenschaft in der Südsee, erneute Flucht, dann wieder Gefängnis, nochmaliges Anheuern an Bord.

Gemälde von Louis Dodd, das den Walfänger Acushnet vor den Marquesas-Inseln zeigt (picture-alliance/akg-images)

Gemälde von Louis Dodd, das den Walfänger "Acushnet" vor den Marquesas-Inseln zeigt

Erst 1844 kehrte Melville in die Heimat zurück, drei Jahre später heiratete er Elisabeth Shaw und wurde Vater von vier Kindern. Das Paar zog sich auf einen kleinen Bauernhof in Massachusetts zurück. Seine Erfahrungen auf See und den Aufenthalt in der Südsee brachte er zu Papier, die naturalistischen Romane "Typee" und "Omoo" verkauften sich gut. "Moby Dick" sollte ihm dann allerdings kein Glück bringen. Das Buch ließ sich "in der damaligen Roman-Literatur sehr schwer einordnen und fand vielleicht deshalb auch nicht so großen Anklang", meint Alexander Pechmann.

Im 20. Jahrhundert sahen moderne Autoren Melville als einen der ihren an

Literaturgeschichtlich nahm "Moby Dick" die Moderne vorweg: "Es sind Techniken, die in der 1920er Jahren aufkamen, collagenartige Texte aus verschiedenen Textformen, das Spiel mit verschiedenen Stilmitteln." Dass man diese stilistischen und ästhetischen Mittel damals in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert gefunden habe, das sei "schon eine Sensation" gewesen und habe "dazu geführt, dass die modernen Autoren Melville als einen der ihren betrachtet haben."

Robert Ryan (l.) und Peter Ustinov in der Verfilmung von Melvilles Erzählung Billy Budd aus dem Jahre 1962 (picture-alliance/Everett Collection)

Robert Ryan (l.) und Peter Ustinov in der Verfilmung von Melvilles Erzählung "Billy Budd" aus dem Jahre 1962

"Moby Dick" blieb nicht das einzige Werk, für das Melville heute so geschätzt wird. Unter den späteren Arbeiten, den Novellen, Romanen und lyrischen Schriften, sticht noch die schmale Erzählung "Bartleby, der Schreiber" (1853) hervor. Es ist die Geschichte des einfachen Bürogehilfen Bartleby, der in einer Amtsstube an der Wall Street angestellt ist und aus unerfindlichen Gründen plötzlich die Arbeit verweigert.

"Bartleby": Weltverweigerung als Lebensphilosophie

"Ich möchte lieber nicht" ("I would prefer not to”) ist die rätselhafte wie unmissverständlich mantramäßig wiederholte Formel Bartlebys. "Das Buch entstand in einer Zeit, als Melville verzagte, an seiner Absicht und seinen Ambitionen, ein großer und bekannter Schriftsteller zu werden", erzählt Pechmann. Der Grundton von "Bartleby", "das ist der Melville nach dem Misserfolg von 'Moby Dick' und 'Pierre' [weiterer Roman Melvilles, der keinen Erfolg beim Publikum hatte, Anmerkung d. Red.]". Melville habe damals an Selbstmord gedacht und Depressionen gehabt. Gleichzeitig verfüge das Buch aber auch über Humor, so Pechmann: "Eigentlich ein widersprüchliches Buch: Einerseits ist es ganz unfassbar modern, aber auch in dieser Zeit verankert."

Deutsche Ausgaben von Romanen und Erzählungen des Schriftstellers Herman Melville (DW/J. Kürten)

An deutschen Übersetzungen der Bücher Melvilles besteht kein Mangel

Was machte "Bartleby" so modern? "Diese Figur der Verweigerung", sagt Pechmann: "Der Büroschreiber ist schon eine moderne Figur und diese totale Verweigerung, das ist etwas, was in der Literatur des 19. Jahrhunderts sonst eigentlich gar nicht existierte." Mit "Bartleby" nahm Herman Melville die Prosa Franz Kafkas vorweg, existenzialistische Strömungen in Philosophie und Literatur späterer Zeiten.

Melville und Trump: der Autor als literarischer Seher

Für diejenigen, denen Walfänger und Büroschreiber trotz aller formaler und stilistischer Meisterschaft als Figuren früherer Epochen erscheinen, hat Pechmann einen dritten Lesetipp im Jahr des 200. Geburtstags Melvilles parat: den Roman "The Confidence-Man" (dt. "Maskeraden oder Vertrauen gegen Vertrauen"). 

"Da geht es um einen Betrüger, der in verschiedenen Masken auftritt, als Quacksalber, als Tourist, in ganz verschiedenen Figuren, und dieser Betrüger zieht die Leute über den Tisch. Man könnte sagen, dieser Trickster ist ein bisschen eine Figur, die schon auf Trump hindeutet: Das Amerika von heute funktioniert ja auch sehr viel über diese Schaumschlägerei und diese zwielichtigen Gestalten, die auch durch die Sozialen Medien immer mehr an Einfluss gewinnen - da gibt es schon den Bezug zum gegenwärtigen Amerika."

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