″Helft uns, alleine schaffen wir das nicht!″ | Deutschland | DW | 07.05.2018
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Die Kanzlerin spricht mit Schülern über Europa

"Helft uns, alleine schaffen wir das nicht!"

Was bedeutet jungen Leuten Europa? Zum Auftakt ihres Bürgerdialogs versucht die Kanzlerin, das an einer Berliner Schule herauszufinden. Viele Schüler sind vor allem an Selfies interessiert.

"Ein bisschen Gänsehaut" habe sie schon gehabt, sagt die 20-jährige Nina Klyk. Die angehende Erzieherin steht mit zwei Mitschülerinnen der Jane-Addams-Schule zusammen und schaut aufs Handy. Im Video haben sie die Ankunft von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrem Schulhof festgehalten, und sie haben der Kanzlerin die Hand geschüttelt. Ein besonderer Moment, findet auch Ilirjana Ispahi. "Weil ich Flüchtling bin", erklärt die 24-jährige. Sie stammt aus dem Kosovo und hat zumindest während ihrer Ausbildung ein Aufenthaltsrecht in Deutschland. Europa, das heißt für sie vor allem bessere Chancen für die Zukunft. Ihre Freundin Elvan Kir ergänzt, dass Europa Freiheit bedeute. Für sie, die in Deutschland geboren wurde, aber türkische Staatsbürgerin ist, ein besonderer Aspekt: hier könne sie auch mit Kopftuch als Erzieherin arbeiten.

Merkel besucht Schule in Berlin (DW/A. Köhler)

Ein bisschen Gänsehaut war dabei für Ilirjana Ispahi, Elvan Kir, Nina Klyk (v.l.n.r.)

"Verstehen Sie, was ich meine?"

In der Diskussion mit Angela Merkel  zu europäischen Themen wird es später zum Teil etwas abstrakter: Warum es bei Vertragsverletzungsverfahren Einstimmigkeit braucht, um Sanktionen zu beschließen, will einer der Abiturienten wissen. Die Kanzlerin macht einen kleinen Exkurs zum Artikel 7 und der Möglichkeit der qualifizierten Mehrheit. Meistens aber ist sie bemüht, verständlich zu antworten. Da hat sie vielleicht noch die Frage des 19-jährigen Hannes Zartmann im Ohr: der Abiturient will wissen, ob man Politik nicht einfacher machen könne und besser begreifbar. "Verstehen Sie, was ich meine?", schiebt er hinterher. "Ansatzweise", antwortet Merkel.

Europa verstehen

Verstehen, was die Bürger bewegt, das ist das Ziel des sogenannten Europadialogs. Die Diskussion in der Berliner Schule ist für Angela Merkel der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Veranstaltungen. Die Schülerinnen und Schüler hier stehen Europa ziemlich positiv gegenüber. Hannes Zartmann meint, das liege vielleicht daran, dass sie es nicht anders kennen würden, er sei ja aufgewachsen mit Europa und dem Euro. "Es ist für mich einfach Normalität, deshalb ist Europa für mich allgegenwärtig und trotzdem einfach eine schöne Sache." 

Die angehenden Erzieherinnen und Erziehern haben die Möglichkeit, einen Teil ihrer Ausbildung als Praktikum im europäischen Ausland zu absolvieren, ein Programm, welches die Bundeskanzlerin gern weiter ausbauen würde: "Auch die, die kein Hochschulstudium machen, sollten die Möglichkeit haben, Europa kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und einfach ihr eigenes Land aus der Perspektive eines anderen Landes zu sehen und zu erleben."

Merkel besucht Schule in Berlin (DW/A. Köhler)

Angela Merkel wirbt für politisches Engagement.

Die 24-jährige Katja Piehler hat ein solches Auslandspraktikums in Bilbao absolviert und zieht eine durchweg positive Bilanz: "Ich hab da einen ganz anderen Bezug gewinnen können zu dem Land. Mich weiterbilden, Umgang mit kulturellen Unterschieden lernen und auch wertschätzen."

Europäische Antworten auf konkrete Probleme gesucht

In der Diskussion mit der Bundeskanzlerin erklärt die junge Frau, dass andere europäische Länder in der Erziehung teilweise völlig anders tickten. Standards und pädagogische Ansätze unterschieden sich sehr voneinander. Dem Wunsch nach besserer Vergleichbarkeit von Berufsabschlüssen innerhalb der EU weicht Merkel aus: "Ich bin ja schon froh, dass die Bundesländer einverstanden sind, dass wir überhaupt auf europäischer Ebene sprechen dürfen." Nach einer halben Stunde über dies und das fragt sie "Was reden wir noch über Europa?" In wenigen Minuten geht es dann von der Wahlbeteiligung bei Europawahlen (Belgien und Luxemburg haben eine Wahlpflicht, Deutschland nicht) über die Unterschiede zwischen der französischen und der deutschen Europapolitik (mehr Gemeinsamkeiten als Meinungsverschiedenheiten, betont Angela Merkel) zur Frage nach Staatenverbund oder Vereinigte Staaten von Europa (auf absehbare Zeit werde es beim Staatenverbund bleiben, aber immer wieder würden Kompetenzen nach Brüssel wandern). Viel zu wenig Zeit für all die Themen, finden Bundeskanzlerin und Schüler nach einer Stunde Diskussion. Angela Merkel lädt ein, sich zu engagieren, egal ob in der Schule, in Gewerkschaften, Umweltverbänden oder für soziale Belange: "Ihr müsst helfen, allein schaffen wir das nicht", sagt die Kanzlerin.

Und dann ist sie auch schon wieder weg. Fast. Denn ein letztes Selfie, das gibt es doch noch, kurz bevor Angela Merkel in ihrer Limousine verschwindet und vom Schulhof fährt. Zurück bleiben die Schüler, die ihre Fotos und Videos vergleichen. Die jedenfalls bleiben vom Besuch der Kanzlerin.

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