Helene Fischer: man verehrt sie oder lehnt sie ab | Kultur | DW | 02.07.2015
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Kultur

Helene Fischer: man verehrt sie oder lehnt sie ab

Ihre Fans feiern Helene Fischer wie einen Popstar. Sie spielt überall vor ausverkauften Hallen. Musikexperte Volkmar Kramarz beschreibt, welche musiktheoretischen Standard-Formeln hinter Hits wie "Atemlos" stehen.

DW: Professor Kramarz, Sie beschäftigen sich an der Universität Bonn wissenschaftlich mit Popmusik. Wie würden Sie die Songs von Helene Fischer einordnen, sind das noch Schlager oder ist das längst Popmusik?

Volkmar Kramarz: Ich glaube, dass ist genau das Geheimnis, also das musikalische Rezept, was Helene Fischer vertritt. Sie kommt aus dem Schlager, hat die Attitüden, die Gesangstechnik und die Texte vom Schlager übernommen. Ihre ganze Performance auf der Bühne: das ist Schlager. Aber sie bringt eben auch andere Elemente ein: Wenn sie live auftritt und dann ein akustisches Akkordeon einbringt, dann klingt sie mit ihrer Band schon mal wie ein Songwriter-Ensemble. Sie mischt also einzelne Elemente verschiedener Stile. Man könnte fast schon sagen: Sie plündert überall ein bisschen - und hat damit offenkundig Erfolg. Denn sie schafft es, dadurch ein sehr breites Publikum anzusprechen.

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Wie gut – also musikalisch und auch von der Bühnenshow her - sind denn die Songs von Helene Fischer?

Das ist ganz schwierig, da ein neutrales Urteil abzugeben. Man könnte eher fragen: Sind die Stücke komplex oder einfach, gekünstelt oder ehrlich? Gut oder schlecht ist da ein eher unpassendes Bewertungskriterium. Handwerklich bewegt sich Helene Fischer allerdings ohne Zweifel im oberen Ligabereich. Vielleicht nicht in der obersten Produktions-Weltklasse, aber sie bringt alles ein, was hier in Deutschland üblich und machbar ist..

Inwieweit kann das auch schon mal etwas gestanzt klingen, wenn Musiker solche Versatzstücke aus verschiedenen Musikstücken verwenden?

Popmusik liebt den Mythos, sie wäre ehrlich. Aber Popmusik auf diesem Niveau ist natürlich immer durch und durch produziert, ein bewusstes Produkt. Das muss auch sein, bei solch einem kommerziellen Anspruch, der hier dahintersteht. Insofern, es ist sicher nicht so, dass Helene Fischer abends am Teich sitzt, die Bäume rauschen hört und aus diesen Inspirationen spontan ihre Lieder formt. Ihre Songs sind gestylte, professionelle Musikproduktionen, die darauf angelegt sind, ganz vielen Leuten zu gefallen.

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Inwiefern folgen diese Songs von ihr so etwas wie einer der "Hit-Formel"?

Wenn Sie mich als Musiktheoretiker fragen: Helene Fischer ist jemand, auch wenn sie aus dem Schlagerbereich kommt, dennoch interessanterweise auf bestimmte Harmonie-Muster der gängigen Popmusik – ich nenne sie "Pop-Formeln" – setzt und sie sehr bewusst verwendet. Ein Song wie "Atemlos" entspricht in seinem Refrain beispielsweise komplett einem schon oft verwendeten Akkordmuster: Vier Harmonien in einer bestimmten Reihenfolge, die dann konstant wiederholt werden. Das sind Pattern, die aus der international erfolgreichen Popmusik als Erfolgsgrundlage bekannt sind.

Welche Rolle spielt da der Rhythmus?

Im Fall von Helene Fischer muss offensichtlich nicht unbedingt bei jedem Song die sonst übliche starke Tanzbarkeit, eine hohe Danceability, vorliegen. Popmusik kommt zwar generell nicht ohne eine periodisch fließende Rhythmik aus, aber es gibt da auch gelegentlich ein sensibles rhythmisches Atmen bei ihr. Nicht alle Songs sind drauf angelegt, diese Ballermann-Rums-Bums-Rhythmik einzubringen. Ich habe eher das Gefühl, wenn die Zuhörer bei ihren Live-Konzerten über längere Abschnitte hinweg sanft mitschwingen können, dann reicht ihnen das schon mal völlig aus.

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Inwiefern hat sich die Musik von Helene Fischer geändert im Laufe der Jahre? Welchen Wandel haben ihre Songs gemacht - vom braven Schlager zum Popsong?

Mit dieser Musik eröffnet sich fast schon der Diskurs: Ist diese Elektropop/Dance-Musik, die wir vor allem in Deutschland so stark vorfinden, nicht eigentlich auch "Schlager"? Und wie war das eigentlich mit den Udo Lindenberg-Liedern? Helene Fischer bringt halt Dinge aus musikalisch eher unterschiedlichen Bereichen zusammen. Sie verbleibt eben nicht nur in ihren Schlagersegment, wo man sie entweder abstempeln oder eben toll finden kann, sondern sie schaut auch über den Tellerrand. Sie wird allerdings vermutlich nie so konsequent Elektrodance machen, wie etwa die deutschen ESC-Kandidaten "Cascada", sondern sie verbleibt dann schon eher in ihrer eigenen Schlager-Glamour-Performance – jedoch mit Ausflügen in andere Bereiche, die eigentlich von anderen Künstlern besetzt sind. Und vermutlich deshalb polarisiert sie auch so stark.

Gibt es da in diesem Bereich der Musikbranche so etwas wie Erfolgsrezepte?

Natürlich, die Produzenten wissen schon sehr genau, was sie tun, und lassen ihre Erfahrungen entsprechend in bestimmte Verhaltensmuster einfließen. Wir reden hier immerhin über Projekte und Unternehmungen, die sehr, sehr viel Geld kosten. Heutige Top-Produzenten nehmen beispielsweise nicht Schlagzeug, Bass oder irgendein anderes Instrument einfach nur auf, sondern feilen Tage und Wochen an jedem einzelnen Ton, speziell übrigens beim Gesang. Und natürlich schauen sie, was die anderen gerade machen und übernehmen da auch schon mal bestimmte Bausteine und Verfahrensweisen für sich – ist ja auch völlig legitim

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Wie kommt es, dass Helene Fischer sehr viele anspricht, die mit diesem Genre Schlager/Pop gar nichts zu tun haben wollen? Inwieweit ist sie da auch "Everybodys darling"?

Nun, es gibt ja bekanntlich schon Leute, die sie verstört. Der Klang ihrer Musik dient für viele als ein Medium, das bis hin zu sehr bösen Hasstiraden im Netz verwendet wird. Es gibt schon reichlich Anti-Kommentare zu ihrer Musik: Mit ihrer eben schon noch vorhandenen Schlager-Tradition polarisiert sie das Publikum halt – man verehrt sie oder lehnt sie ab. Die Attitüde der alten deutschen Schlagertradition, die sie eben auch einbringt, die Art und Weise, wie sie ihren Gesang präsentiert, das muss man mögen. Und viele verweigern sich da vehement.
Helene Fischer ist damit ein weiteres Symbol dafür geworden, dass ein Künstler bei uns einerseits sehr gemocht werden und erfolgreich sein kann, aber gleichzeitig auch als Beispiel für etwas dient, was ein anderer großer Teil des Publikums komplett ablehnt. Beide Seiten benutzen sie damit als Beleg und Exempel für ihre persönlichen Ästhetik-Urteile. Wie Helene Fischer selber damit umgehen wird und ob das im Endeffekt für ihre Karriere tragbar ist, werden wir erst irgendwann aus der Musikgeschichte erfahren.


Dr. Volkmar Kramarz lehrt als Dozent an der Universität Bonn und beschäftigt sich im Fachbereich Sound Studies mit Popmusik. Er war früher Musikmoderator und Redakteur beim WDR-Hörfunk und hat diverse Bücher über Popmusik geschrieben.

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