Heinrich Mann: ″Der Untertan″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 06.10.2018
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100 gute Bücher

Heinrich Mann: "Der Untertan"

Feige, obrigkeitshörig, intrigant und nationalistisch ist Diederich Heßling, und ein Tyrann gegenüber Schwächeren. Manns Roman ist eine gnadenlose Analyse des deutschen Kaiserreichs kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs.

Was ist typisch deutsch? Dieselautos? Sandalen mit Socken? Pünktlichkeit? Effizienz? Oder doch: Untertanengeist? 

Vor hundert Jahren hat der Schriftsteller Heinrich Mann den Prototyp eines Deutschen geschaffen, mit dem wir uns heute auf keinen Fall mehr identifizieren wollen. Ein Tyrann, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Ein Widerling, nationalistisch und intrigant. Menschen wie Diederich Heßling gab es viele im deutschen Kaiserreich. Nach der Lektüre dieses Romans haben wir eine Ahnung davon, wie es kam, dass die Deutschen mit solcher Begeisterung in den Ersten Weltkrieg zogen.

Vom Weichling zum Tyrannen

"Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her! Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben."

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"Der Untertan" von Heinrich Mann

Diederich Heßling ist der Sohn eines kleinen Papierfabrikanten in einer fiktiven Kleinstadt. Ein verträumtes, empfindsames Kind, das in sich aber schon früh die Lust nach Macht und Unterwerfung trägt. Er geht zum Studium nach Berlin, ist kurz beim Militär, drückt sich dann davor. Und fühlt sich dennoch schon bald wie berauscht von den patriotischen Phrasen seiner Korpskumpane und einer blinden Verehrung für den Kaiser.

"'Hurra!' schrie Diederich. Er schwenkte den Hut hoch über allen Köpfen, in einer Sphäre der begeisterten Raserei, durch einen Himmel, wo unsere äußersten Gefühle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen, steinern und blitzen, ritt die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen!"

Als sein tyrannischer Vater stirbt, kehrt Diederich nach Hause zurück und übernimmt nicht nur die Papierfabrik, sondern es gelingt ihm auch, durch Intrigen und Denunziation skrupellos sämtliche Konkurrenten auszuschalten. Auch politisch reißt er die Macht an sich.  Seine Heirat, die Gründung einer Familie: alles Kalkül. Am Ende ist seine Heimatstadt zu einem Hort von Opportunisten und Hurrapatrioten verkommen.

Persiflage auf das Kaiserreich

In "Der Untertan" persifliert Heinrich Mann das deutsche Kaiserreich und liefert gleichzeitig eine gnadenlose Analyse der Machtverhältnisse unter Wilhelm II.  Damit hat er bis heute Maßstäbe gesetzt, was einen zeithistorischen Roman ausmacht, der mehr sein will als ein unterhaltsamer Plot vor aktueller Kulisse. Mann hat darüber hinaus nie einen Hehl aus seiner eigenen politischen Gesinnung gemacht, für die am ehesten noch die Figur des alten Buck steht.

Deutsches Reich Kaiser Wilhelm II. (picture-alliance/akg-images)

Kaiser Wilhelm II. 1913 bei der Rückkehr von einer Parade auf dem Tempelhofer Feld in Berlin

Er ist einer von denen, die Diederich brutal entmachtet hat, und er wagt auf einer öffentlichen Versammlung noch ein letztes Mal aufzubegehren und von Idealen zu sprechen:

"Es geht um das Volk, dazu gehören wir alle, nur die Herren nicht. Wir müssen zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs neue den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, daß wir unser Heil den Bajonetten anvertrauen."

Der ungeliebte Prophet

Heinrich Mann schrieb seinen "Untertan" zwischen 1906 und 1914, das Buch erschien zunächst als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift, wurde – wegen des Ersten Weltkriegs – verboten und endlich 1918 veröffentlicht. Zwar verkaufte sich der Roman auf Anhieb fast einhunderttausend Mal – Manns einziger wirklich großer Erfolg zu seinen Lebzeiten.  Aber es gab auch heftige Kritik, Heinrich Mann wurde als Nestbeschmutzer beschimpft.

Heute liest sich das Buch als nahezu prophetischer Blick in eine Zukunft, die noch düsterer werden sollte. Der Untertan in seiner Vernichtungswut und seiner Gefühllosigkeit ist ein Vorfahr des Nationalsozialisten, der nur wenige Jahrzehnte später Europa in den Abgrund riss. 

Heinrich Mann und seine Frau Nelly bei ihrer Ankunft in New Jersey, USA, im Oktober 1940 (Foto: picture-alliance/AP Photo)

Heinrich Mann und seine Frau Nelly bei ihrer Ankunft in New Jersey, USA, im Oktober 1940

 

Heinrich Mann: "Der Untertan" (1918), erhältlich im Fischer Taschenbuch Verlag

Heinrich Mann (1871-1950) war der ältere Bruder von Thomas Mann. Seine Werke hatten oft gesellschaftskritische Intentionen. Zu seinen bekanntesten Romanen zählen neben dem Untertan "Professor Unrat", "Die Jugend des Königs Henri Quatre" und "Die Vollendung des Königs Henri Quatre". Mann wurde vom NS-Regime die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Er emigrierte über Frankreich und Spanien in die USA, wo er kurz vor seiner geplanten Rückkehr nach Deutschland starb.

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